26. Oktober 2015
aktualisiert am 29.01.16 14:29h
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30 Nächte bei 30 Truckern

Eine klirrend kalte Nacht irgendwo in Norwegen. Es ist dunkel und vor allem einsam. Die perfekte Kulisse für ein außergewöhnliches Fotoprojekt, dachte sich Line Søndergaard und klopfte an die Tür parkender Lastwagen. Was die freiberufliche Fotografin dahinter erwarten würde, wusste sie selbst nicht, doch hatte sie die Vermutung, in den einsamen Fahrerkabinen interessante Menschen und Geschichten zu entdecken. Und das tat sie auch.

Für ein Fotoprojekt im Rahmen ihres Studiums hat die Osloerin fünf Wochen auf norwegischen Straßen verbracht, um intime Porträts von Fernfahrern zu machen. Dafür musste die 28-Jährige Mut beweisen. Im Dunkeln stieg sie in völlig verlassenen Gegenden zu wildfremden Männern in die LKW. „Am Anfang waren die Fahrer ziemlich verwirrt. Viele dachten, ich sei eine Prostituierte. Aber als ich ihnen mein Projekt erklärte, wollten die meisten mitmachen. Sie waren froh, dass jemand ein anderes Bild von Truckern zeigen wollte“, schildert Søndergaard ihr Aufeinandertreffen mit den Fahrern.

Was passiert, wenn der LKW stillsteht?

Deshalb hat sich Søndergaard ganz bewusst dafür entschieden, sie nicht hinterm Steuer abzulichten. „Das hat man schon oft gesehen“, erklärt sie. Ihr Interesse wurde gerade eben von jenen Trucks geweckt, die mitten in der Nacht im Wald, auf Wiesen oder Feldwegen parkten. „Ich fragte mich, warum die Fahrer dort übernachten statt auf einem normalen Rastplatz. Und ich wollte wissen, was passiert, wenn der LKW stillsteht.“

Deshalb hat sich Søndergaard auch nicht mit den Fahrern verabredet. Denn dann hätten sie den LKW sicher aufgeräumt oder sich Gedanken gemacht, was sie sagen und zeigen sollten. Stattdessen ist sie einfach drauflosgefahren, hat Ausschau nach parkenden Trucks gehalten, an die Tür geklopft und gefragt, ob sie die Nacht dort verbringen kann. Die Porträts der schlafenden Fahrer waren der Fotografin so wichtig, weil Menschen, wie sie sagt, dann am verletzlichsten sind: „Im Schlaf sind wir völlig gelöst. Ein sehr intimer Moment, gerade bei Truckern: Männer, die tagsüber stark und unnahbar wirken, werden im Schlaf weich und verwundbar“.

In den LKW auch zu zweit unterzukommen war kein Problem, da sie meistens mit zwei Betten ausgestattet sind. „Ich schlief immer im oberen. Eine Stunde, nachdem sie eingeschlafen waren, habe ich Fotos von Fahrern im Schlaf geschossen - natürlich nur, wenn sie zugestimmt hatten.“ Angst hatte die junge Frau eigentlich nie. „Am Anfang hatte ich einen leichten Schlaf, aber schon nach kurzer Zeit mussten mich die Fahrer morgens wecken.“ Trotzdem hat sie Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Bevor sie in die LKW einstieg, hat sie Kennzeichen und Kontaktdaten der Firma fotografiert und die Bilder mit ihren aktuellen GPS-Koordinaten an ihre Eltern und den Freund geschickt. „Das wussten die Fahrer auch. Wäre jemand übergriffig geworden, hätte er mindestens seinen Job aufs Spiel gesetzt. So fühlte ich mich ziemlich sicher“, erklärt die Fotografin.

„Trucker sind stolze Männer“

Zuvor hatte Søndergaard nie Kontakt zu LKW-Fahrern. „In meiner Vorstellung waren sie große, grimmige, fast schon beängstigende Typen.“ Heute zeichnet sie ein anderes Bild von den Männern hinterm Steuer und schließt ihr Fotoprojekt, für das sie eine Eins bekommen hat, mit einem positiven Resümee: „Trucker sind sehr stolz auf ihren Job, obwohl sie oft unter undankbaren Bedingungen arbeiten müssen und ständig gezwungen sind, Pausenvorgaben einzuhalten. Daher parken sie nachts irgendwo im Nirgendwo. Das macht einsam, wenn weit und breit kein Kollege ist, mit dem man sich unterhalten kann. Die Fahrer vermissen ihre Familie sehr und haben großen Respekt vor ihren Frauen. Sie sind sehr reflektiert, weil sie hinter dem Lenkrad Zeit haben, sich Gedanken über das Leben und die Liebe zu machen. Manche sind wahre Philosophen.“ (reg)

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