|  15. Mai 2014
aktualisiert am 11.08.15 14:32h
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Der A320 fährt Lang-LKW

Die Beladung an dem kalten Mittwochmorgen dauert nur wenige Minuten. Dann ist der bereits vorher befüllte und bereitgestellte Spezialcontainer auf dem Tiefbetttrailer verladen. Jetzt müssen noch die Transportbehälter mit den kleineren Komponenten auf die Ladefläche. Der Dienstleister Reichhart transportiert für den Zulieferer Ruag Strukturbauteile und Rumpfsektionen der Airbus-A320-Familie und des Airbus A330/A340. Die großvolumigen Elemente aus Aluminium haben ein geringes Gewicht und eignen sich deshalb gut für den Transport im Lang-LKW.

Selbst dem ungeübten Auge fällt sofort auf, dass dieser LKW-Zug kein normales Fahrzeug ist. Denn die Fahrzeuge des Transportlogistikers Reichhart sind spezialangefertigte Tieflader und damit besonders auffällig. Und der Inhalt ist ebenfalls nicht gewöhnlich: Ganze Flugzeugteile werden mehrmals pro Woche von Oberpfaffenhofen bei München nach Hamburg gefahren. Dass der LKW-Zug darüber hinaus mehr als 25 m misst, geht dabei nahezu unter.

Tetris spielen mit Flugzeugteilen

Die Idee Lang-LKW einzusetzen kam Mario Fuchs und Georg Berberich vom oberbayerischen Logistikdienstleister Reichhart im Dezember 2012. "Es standen Gespräche mit unserem Kunden Ruag an", erinnert sich Fuchs. Dabei sollte es auch um Optimierungsmöglichkeiten beim Transport der Flugzeugteile vom Produktionswerk in Oberpfaffenhofen nach Hamburg-Finkenwerder gehen. Die sperrigen und dabei empfindlichen Flugzeugkomponenten und Ladegüter mussten so zusammengestellt werden, dass die Fläche des Fahrzeugs optimal genutzt wird. "Das war wie Tetris spielen", sagt Fuchs.

Doch auch Kommunikation war gefragt: Schließlich musste nicht nur der Hersteller Ruag, sondern auch der Empfänger Airbus von Beginn an eng eingebunden werden. Reichhart liefert die Rumpfsektionen für Verkehrsflugzeuge Just-in-time nach Hamburg. "Wir mussten das Anlieferungsszenarium ändern", beschreibt Fuchs die Herausforderung. "Wegen der höheren Transortkapazität kommen wir mit weniger LKW, aber mit mehr Ware." Dadurch fahren nur noch fünf Fahrzeuge - davon drei Lang-LKW - die Woche nach Norddeutschland, während zuvor im gleichen Zeitraum acht bis neun Fahrzeuge disponiert werden mussten.

Investition von mehr als 1 Mio. EUR

Die Auflieger sind Spezialanfertigungen, die genau an die Anforderungen des Zulieferers angepasst wurden. Reichhart investierte rund 1,2 Mio. EUR in die neuen Fahrzeuge. Insgesamt stehen drei Lang-LKW bereit. Es gibt zwei Tiefbettauflieger zum Transport eines Spezialcontainers und eine Variante als Tiefbett-Planenauflieger. "Wir haben bei den Fahrzeugen die erlaubten 25,25 m Länge voll ausgereizt, um das Fahrzeug bestmöglich auszulasten. Da geht es sehr eng zu", sagt Fuchs.

Wichtig für Fuchs und seinen Kollegen Berberich war, dass das Fahrzeugequipment auch nach Ende des Feldversuchs noch im Standardbereich einsetzbar ist. "Allerdings würden wir uns wünschen, dass die Lang-LKW anschließend weiterfahren dürfen", betont Fuchs. Denn für Reichhart und Ruag ist das Konzept aufgegangen. Schon nach wenigen Monaten hätten sich die Fahrzeuge in der Praxis bewährt, bestätigen sowohl Dienstleister als auch Auftraggeber.

Eigentlich sollte der erste Lang-LKW schon vergangenen Herbst fahren, doch der Zeitplan wurde durch die fehlende Streckengenehmigung für die ersten Meter, sprich dem Weg vom Werk in Oberpfaffenhofen zur Autobahn, beeinflusst. Zwei Monate später als geplant konnte das Projekt gestartet werden, berichtet Alfons Kaspar, Projektleiter beim Auftraggeber Ruag.

Sondertransporte für A330

Probleme gibt es mittlerweile kaum, nur das Parken muss gut geplant werden. Fuchs berichtet: "Die LKW-Parkplätze sind sowieso schon voll, mit dem überlangen Fahrzeug wird es noch schwieriger." Da die Fahrzeuge die Strecke nicht in einer Arbeitsschicht schaffen, muss der 25 m lange Laster auf dem Hinweg meist zwischen Hannover und Hamburg eine Nacht pausieren. Dabei werden oft die Stellplätze für Schwertransporte genutzt. Doch das ist nicht ungewöhnlich. Denn nicht alle Teile für das Airbuswerk in Hamburg passen in den Lang-LKW. Für die Rumpfsektionen des etwas größeren Flugzeugtyps A330/A340 setzt Reichhart zusätzlich zwei BF3-pflichtige Fahrzeuge mit Überbreite sowie Überhöhe ein.

Eine Hürde ist noch nicht genommen. Zwar darf Reichhart mit den Lang-LKW vom Ruag-Werk in Oberpfaffenhofen bis nach Hamburg fahren. Doch kurz vor dem Elbtunnel ist Schluss. Auf dem Autohof Altenwerder werden die Fahrzeuge geteilt und dann müssen Trailer und Anhänger getrennt die letzten knapp 10 km fahren. Reichhart hat dafür in Hamburg ein separates Fahrzeug deponiert, das bei Bedarf den Anhänger abtransportiert. Denn erlaubt sind Lang-LKW in Hamburg aus politischen Gründen nur auf wenigen ausgewählten Strecken. "Es ist schon irre. Wir fahren die letzten Meter nach Finkenwerder problemlos mit unseren überlangen und überbreiten Sondertransporten, aber der Lang-LKW muss auseinandergebaut werden", wundert sich Fuchs. Er hofft jedoch, dass sich Hamburgs Politiker noch überzeugen lassen und die Strecke ebenfalls für Lang-LKW freigeben.

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