|  29. März 2017
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Kaum Frauen am Steuer

Leonie John steht stolz vor dem schweren roten LKW mit dem weißen Querstreifen. Die 22-jährige Engländerin arbeitete in einem Friseursalon, träumte aber davon, LKW-Fahrerin zu werden. Lange hielt sie das nicht für einen Job, der für Frauen infrage käme. Bis ihr Großvater die Anzeige von CM Downtown aus Gloucester sah. Die Transportfirma hat kein Problem mit Frauen am Steuer ihrer Fahrzeuge und stellte Leonie ein."Jetzt für die Logistik News anmelden"

Die Engländerin gehört damit zu einer raren Spezies. Nur 1 Prozent der LKW-Fahrer in Großbritannien sind Frauen. In Deutschland sind es 1,7 Prozent. Sally Gilson hat das Bild von Leonie John an die Wand geworfen. Sie leitet das „Skills-Campaigning“ beim britischen Gütertransportverband FTA. Mit anderen Worten: Sie wirbt um Arbeitskräfte, die in der Logistikbranche dringend gesucht werden. Und Gilson weiß, dass sie die Bedarfslücken des Sektors nicht schließen kann, wenn sie Frauen bei ihrer Suche ausschließt. Das betont sie bei einer typischen Brüsseler „Lunch-Debatte“ der Europäischen Logistik-Plattform über „Frauen im Transportsektor“.

Frauen in der Fahrprüfung besser
46 Prozent der Arbeitskräfte in der EU sind weiblich – im Transport arbeiten aber nur 22 Prozent Frauen. Noch geringer ist die Quote mit 14 Prozent im Landverkehr. Und bei Truckern ist sie einstellig, obwohl Frauen in Großbritannien bei den Fahrprüfungen für LKW besser abschneiden als Männer.

Auf der Insel geht die FTA-Jobbeauftragte von 450 000 Leuten aus, die in den nächsten fünf Jahren in der Branche neu eingestellt werden müssen. Vier Fünftel davon allein, um die zu ersetzen, die in Pension gehen. Und ein besonderes Problem stellen die schon jetzt fehlenden 35 000 LKW-Fahrer dar.

„Um die Arbeitskräfte zu bekommen, die wir brauchen, dürfen wir bei der Suche niemanden ausschließen, weder Frauen noch ethnische Minderheiten“, ist Gilson überzeugt. Gerade mit Frauen könnte der Transportsektor – im wahrsten Sinn des Wortes – gut fahren. Darauf weist Tove Winiger, die Sprecherin des Verbandes der Schwedischen Straßengüterverkehrsfirmen, hin. Erfahrungen der Lobby zeigten, dass Fahrzeuge seltener in die Werkstatt müssen, wenn Frauen am Steuer sitzen. Frauen fahren spritsparender, und sie verursachen weniger Unfälle.

„Zu intelligent für Transportsektor“
Der Transportsektor muss erfolgreicher als in der Vergangenheit um Frauen werben und etwa klarmachen, dass das Bild des Fahrers – weißer Mann, leicht übergewichtig – ein Stereotyp ist. Aber damit tut er sich schwer, sagt Gilson. Und die Vorurteile sitzen tief. „FTA-Botschafter“, die sie in die Schulen schickt, um für Logistikberufe zu werben, hören immer wieder, das seien keine Jobs für Mädchen, oder auch schon mal „Ich bin zu intelligent, um in der Transportbranche zu arbeiten.“ "Jetzt für die Logistik News anmelden"

Die „Botschafter“ sind Teil einer von FTA gestarteten Werbekampagne. Gilson und ihre Kollegen präsentieren den Sektor auf Jobmessen, sie gehen in Schulen, locken Schüler mit einfachen Logistikaufgaben, wie einem Transportquiz, und sie mobilisieren Unternehmer, von den Jobs in der Logistik – über den Fahrerberuf hinaus – zu berichten.

Mit einigem Erfolg. Auf besonderes Interesse stößt die Kampagne bei jungen Frauen, die – wie Leonie John – keine Ahnung haben, dass der Sektor sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat und mittlerweile auch ihnen Jobchancen bietet. Selbst als Fahrerinnen.

Allerdings betonen Gilson und Winiger, dass es über die reine Tätigkeit hinaus vor allem im Transportsektor noch andere Schwierigkeiten gibt, die Frauen den Beruf der Kraftfahrerin kaum in Erwägung ziehen lässt. Unternehmer etwa müssen dafür sorgen, dass separate Waschräume und Toiletten für die Fahrerinnen zur Verfügung stehen. Sie müssen bei den mehrheitlich männlichen Fahrern jede Form von sexueller Belästigung der Kolleginnen – auch durch verbale Anspielungen – konsequent unterbinden. Und sie müssen darauf achten, dass den Frauen in ihrer Belegschaft nicht die unangenehmsten und härtesten Aufgaben zugeteilt werden – nur damit die Männer sagen können, dass Frauen für den Job nicht taugen. Gerade das, so Winiger, sei in Schweden eine oft zu beobachtende Haltung der männlichen Fahrer.

Die Betreiber von Fernstraßen – also in aller Regel die öffentliche Hand – stehen vor der Aufgabe, endlich für akzeptable Hygiene- und Sicherheitsbedingungen auf den Rastplätzen zu sorgen. Auch in den effizientesten Job-Kampagnen lässt sich nicht beschönigen, dass hier europaweit vieles im Argen liegt, worunter im Übrigen Frauen wie Männer leiden. Auch für männliche Fahrer sind fehlende Dusch- und Waschgelegenheiten entlang ihrer Routen ein Grund, sich nach anderen Berufen umzusehen. Deshalb appellierten die Referentinnen an die EU, dieses Manko zumindest auf den neun europäischen Verkehrskorridoren schnell zu beseitigen.

„Fahrer von morgen ist eine Frau“
Seit Violeta Bulc für die Verkehrspolitik der EU zuständig ist, ist das Thema Frauen in der Transportbranche auf dem Brüsseler Radarschirm. Die Slowenin hat schon zu Beginn ihrer Amtszeit betont, dass sie mehr Frauen auf allen Ebenen der Verkehrswirtschaft sehen will. Mit Seminaren, Best-Practice-Beispielen und Konferenzen versucht ihre Generaldirektion auszuloten, wie erreicht werden kann, dass die Transportwirtschaft nicht nur einer Hälfte der EU-Bevölkerung Jobmöglichkeiten bietet.

Auch Ärzte, Rechtsanwälte und Richter waren in Großbritannien vor einigen Jahrzehnten noch stark männerdominierte Berufe, bemerkt Gilson. Mittlerweile stellen Frauen dort rund die Hälfte der Beschäftigten. Warum sollte das in der Logistik generell und beim Fahrerberuf im Speziellen nicht möglich sein, fragt die Britin. Und Winiger zitiert – „sinngemäß“ – eine Aussage der Internationalen Straßentransportunion: „Der Fahrer von morgen ist eine ältere Frau.“"Jetzt für die Logistik News anmelden"

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