|  13. August 2015
aktualisiert am 18.08.15 09:57h
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Rembrandt auf Reisen

Spitzenkunstwerke erzielen auf Auktionen dreistellige Millionenbeträge. Für den Transport vom Auktionshaus zum neuen Besitzer oder zu einer Ausstellung noch einmal einige Euro für eine Transportkiste draufzulegen, fällt dann nicht mehr schwer. Einen für sich genommen sehr stolzen Preis berechnet der Kölner Kunstgutlogistiker Hasenkamp für seine patentierte und in der eigenen Schreiner- und Schlosserwerkstatt hergestellte Q+Kiste für empfindliche Kunst. Vakuumisoliert, millimetergenau in ein Hängesystem eingepasst und mit eingebauten Stoßdämpfern gegen jede Erschütterung abgesichert, reisen Rembrandt und Co. auf diese Weise rund um die Welt.

Gerade Rembrandt ist heikel; er hat seine Bilder nämlich auf Holzplatten gemalt. Von Holz löst sich Farbe viel leichter ab als von Leinwand. Deshalb darf sich die Temperatur eines Bildes nie um mehr als 5 Grad und die Luftfeuchtigkeit um nicht mehr als 5 Prozent verändern. Hasenkamps spezielle Q+Klimakiste muss das gewährleisten. Und sie tut das auch für mindestens drei Tage und Nächte, selbst wenn ein Bild aus einem klirrend kalten, knochentrockenen Wintertag durch tropische Schwüle transportiert werden muss. Sogar mitten in loderndem Feuer ist das Klima in der Kiste mindestens eine Stunde stabil.

Hasenkamp ist ein Familienunternehmen, das sich zu einem Logistikspezialisten für sensible und hochwertige Transportgüter entwickelt hat. In diesem Nischengeschäft und den weiteren Geschäftsbereichen wie Umzug oder Hightech-Logistik beschäftigt die Firma an 14 Standorten mehr als 600 Personen. Die Hälfte der Mitarbeiter ist für den Kunsttransport zuständig und wiederum die Hälfte von ihnen im tatsächlichen Transport tätig. Die anderen 50 Prozent sind Planer, Verhandler, Kalkulierer und Disponenten. Sie können für ihre Dienste keinen einzigen Euro abrechnen. In der Kunstlogistik müssen also die Handarbeiter die Leistungen derer mitverdienen, bei denen Köpfchen gefragt ist. Mit einem solchen Geschäftsmodell wäre jedes Unternehmen einer anderen Branche ruckzuck bankrott. In der Kunstlogistik aber geht es nicht anders. Denn nirgends darf ein gewöhnlicher Möbelpacker Kunstwerke auch nur berühren. Stets sind Spezialisten gefragt, denn ein Kunstschaden ist nicht wiedergutzumachen – ein fundamentaler Unterschied zu anderen Gütern. Plant ein Museum eine Ausstellung, weiß es, welche Leihgaben es mit ausstellen möchte, und lässt sich dazu ein Logistikkonzept und ein Angebot unterbreiten. Was Leihgeber aber tatsächlich wann und wie lange hergeben werden, steht oft noch nicht ansatzweise fest. Angebote müssen daher selbst kleinen Kunstwerken gleichen und am besten Kunstwerk für Kunstwerk separate Kalkulationen enthalten, und zwar zu Festpreisen, die man nicht nachverhandeln kann, auch wenn ungezählte Unwägbarkeiten drohen. Oft genug müssen Transportbedingungen außerdem vor Ort geprüft werden, irgendwo in der Welt. Bis ein LKW losfahren kann, vergehen viele Monate, manchmal auch Jahre.

Wie die Transportkisten sind auch die LKW Spezialanfertigungen. Ihre Luftfederung lässt nicht nur tonnenschwere Skulpturen über Schlaglöcher schweben, sondern auch vergleichsweise leichte Gemälde, die zentral auf der Ladefläche gesichert werden. Diese Fracht darf bei Straßenunebenheiten auf keinen Fall in Schwingung geraten. Der Laderaum ist nicht nur wie der jedes Überland-Gemüsetransporters klimatisiert, sondern auch in seiner Luftfeuchtigkeit kontrollier- und justierbar. Jumbo- oder Tiefladeanhänger mit Laderaumbordwand werden durch Spezialkrane beladen, sie sind alarmgesichert und die Fahrerhäuser doppelt besetzt. Ihre Fracht darf nicht den Hauch einer Schramme abbekommen. In ganz Europa wird Kunst von Hasenkamp so transportiert, nach Übersee dagegen zu 95 Prozent geflogen. Seetransporte kommen nur selten infrage, etwa für tonnenschwere Steinplastiken.

Kunsttransporte sind ein Saisongeschäft. Das Schwierige ist, dass die Saisons dauernd wechseln. Hasenkamp gleicht das durch eine zentrale Disposition für alle seine Standorte aus. Einen Auftrag eines guten Kunden aus Kapazitätsgründen abzulehnen, ist für den Logistiker unvorstellbar. Es gilt, den guten Ruf zu wahren – bei Museen, im Kunsthandel, bei Auktionshäusern und Sammlern. Das schweißt zusammen. Die Hasenkamp-Mannschaft ändert sich wenig. Fluktuation gibt es kaum. Nachwuchs gewinnt die Firma oft aus der Verwandtschaft altgedienter Mitarbeiter. So bleibt dies eine eigene Welt. (reg)

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