13. Juni 2017
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Der Disponent von morgen

Kerstin Corvers erinnert sich noch gut an ihre Zeit als Disponentin für Güterwagen des Kombinierten Verkehrs in den 90er Jahren. Sie habe damals vor einem kleinen, klobigen Bildschirm gesessen, und eine bernsteinfarbene Schrift flimmerte auf einem schwarzen Hintergrund, erzählt die Geschäftsführerin der TFG Transfracht. Keine Maus, alle Eingaben erfolgten über Funktionstasten. „Ich wundere mich, bei wie vielen so ein ,Green Screen‘ heute noch im Einsatz ist, wenn auch auf moderneren Geräten – nicht nur in der Logistik, auch in Möbelhäusern oder bei Teilelieferanten der Automobilindustrie.“ Zwar variierten mittlerweile die Farben, die IT sei aber von den Benutzeroberflächen her ähnlich. Zudem ließen die Verknüpfung und die Weitergabe von Informationen zwischen Unternehmen immer noch zu wünschen übrig, findet Corvers. Und das stellt gerade bei der Disposition im Seehafenhinterlandverkehr ein Manko dar. Denn die Überseecontainer werden durch verschiedene Beteiligte disponiert und gesteuert, bis sie ihr Ziel erreichen. "Jetzt nichts mehr verpassen und kostenlos den Disponaut Newsletter abonnieren"

Laut Corvers seien die Mitarbeiter im Customer Service der Transfracht die Ersten gewesen, die nach einer neuen grafischen Darstellung verlangten. Gut, dass die Entwickler der TFG schon etwas zum Testen zur Verfügung stellen konnten, die sogenannte GUI. GUI steht in der IT-Welt für „Graphical User Interface“, dem Anglizismus für Benutzeroberfläche.

Komplette Aufträge auf einen BlickAber was hat es den Mitarbeitern im Customer Service oder in der Münchener Disposition der TFG gebracht, eine neue Oberfläche auf Basis von Valence 5.1 (eine Software zum Design moderner Anwendungen – Anm. d. Red.) nutzen zu können? „Schnellere, kumuliert sichtbare, zum Teil farblich gekennzeichnete Informationen aus unterschiedlichen Quellen, die eine hohe Übersichtlichkeit gewährleisten und damit die Arbeitsabläufe erleichtern“, antwortet Kerstin Corvers. Es sei viel einfacher, im Austausch mit dem Kunden eine komplette Sicht auf dessen Aufträge und Container zu haben, ohne in unterschiedlichen Ebenen eines Systems oder gar in verschiedenen Anwendungen unterwegs sein zu müssen. „Die Anforderungen sind gestiegen, Zeit ist Geld und der Disponent braucht jede Unterstützung, die er bekommen kann, um alles aus seinen Ressourcen rauszuholen, ohne dabei die Nerven zu verlieren“, weiß die Geschäftsführerin. „Der Disponent hat mehr Stress als ein Kampfpilot“, bestätigte auch ein Software-Experte auf DVZ-Nachfrage am Rande der Messe transport logistic. Man müsse hier Umdenken.

„Umdenken? Ja, das braucht es“, betont Michael Heinemann, Geschäftsführer der DB Intermodal Services GmbH (DB IS). Denn die Veränderung der Oberflächen bedeute zumeist auch eine Veränderung der Prozesse und der Arbeitsweise. Durch die Verknüpfung von Anwendungen stehen dem Disponenten mehr Informationen zur Verfügung, die er im Blick haben und bewerten muss. „Zudem ändern sich diese Informationen stets, oft getrieben von äußeren Einflüssen. Verspätungen auf der Seeseite, Schiene oder Straße haben Auswirkungen auf Slotzeiten im Seehafen- oder Hinterlandterminal“, zählt Heinemann auf. Immer wieder muss der Disponent auf die geänderte Situation reagieren. Touren müssen umgeplant, vorhandene Kapazitäten neu bewertet werden. „Hier gibt es selten Standardlösungen. Die Herausforderung ist es, situationsbedingte Entscheidungen zu treffen“, betont er. "Jetzt nichts mehr verpassen und kostenlos den Disponaut Newsletter abonnieren"

Wer behält den Überblick?
Aber wie will man das steuern? Wer behält den Überblick? Kann die EDV das leisten? Wie jongliert man die Masse an Informationen? „Der Schlüssel ist nicht allein die Technik“, sagt Heinemann. Die Kunst sei es vielmehr, durch intelligente Bereitstellung der vorhandenen Informationen dem Disponenten einen optimalen Überblick der relevanten Informationen zu bieten, um schnelle Lösungswege abzuleiten und Entscheidungen zu treffen. Leider stelle sich die Wirklichkeit heute noch anders dar, beobachten Corvers und Heinemann unisono. Oftmals sei der Disponent mit dem Eintippen von Informationen beschäftigt, die er aus unvollständigen Datenübermittlungen oder im schlimmsten Fall per Fax erhalten hat. „Ich will mich mit den Herausforderungen einzelner Transporte beschäftigen, die vielleicht auf alternativen Wegen befördert werden müssen, und nicht mit der Masse, die automatisch durchlaufen sollte“, sagte ein Disponent beim „Tag der Dispo“, der Ende März von TFG Transfracht und DB Intermodal Services in Hamburg gemeinsam veranstaltet wurde. Auch der Dispo-Tag beschäftigte sich mit den aktuellen Entwicklungen der digitalen Transportab­wicklung. Dabei wurde insbesondere hinterfragt, wie IT-Unterstützungen die Abläufe und Arbeitsweisen verändern.  Corvers und Heinemann sind sich einig: Wer in Zukunft noch Mitarbeiter für einen der wichtigsten Jobs in der Logistikkette gewinnen will, muss neue Wege gehen. Nicht nur im Bereich der Arbeitszeitmodelle, auch im Sinne der Anwendungen, mit denen gearbeitet wird. „Neues, Innovatives ist gefragt. Das hat sich auch auf unserem Tag der Dispo gezeigt, bei dem viele der Teilnehmer geäußert haben, sie können sich zum Beispiel die Nutzung von interaktiven Oberflächen zur Disposition vorstellen“, so Corvers.

Multi-Touch und Multi-User-Interaktion sind dabei die Schlüsselwörter. Zwar geht die Fiktion noch nicht so weit wie in dem US-Science-Fiction-Film „Minority Report“, wenn Tom Cruise mit einem Handschuh eine in der Luft schwebende Benutzeroberfläche steuert. Aber Informationen per Handbewegung auf einer großen Leinwand zu verbinden oder Aufträge auszulösen, ist heute schon möglich.

Einen Einblick über interaktive Oberflächen auf großen Tischen und Projektionsoberflächen vermittelte Prof. Johannes Luderschmidt während des Dispo-Tages in Hamburg. Die Multi-Touch-Interaktion ermöglicht es, sowohl einzelnen als auch mehreren Nutzern gleichzeitig, die Bedienung großer Touch-Displays mittels Gesteninteraktionen. Der Blick geht in Zukunft weg vom PC, dem Personal Computer als Einzelplatzrechner, und wendet sich der Multi-User-Bedienbarkeit zu, die eine gemeinsame Betrachtung, Diskussion und Veränderung der Daten ermöglicht. „Darüber hinaus bieten Tangibles, also echte, anfassbare Objekte, die von der interaktiven Oberfläche erkannt werden, dem Nutzer die Möglichkeit, mit dem System zu interagieren. Beispielsweise kann ein Drehregler auf das Display gestellt werden, mit dessen Hilfe der Nutzer einen Wert einstellt”, erklärt Luderschmidt, der an der Hochschule RheinMain im Bereich Medieninformatik forscht und lehrt. "Jetzt nichts mehr verpassen und kostenlos den Disponaut Newsletter abonnieren"

Erste Grundlagen in der EntwicklungIm aktuellen Semester entwickeln einige seiner Studenten eine erste Grundlage für die veränderte Visualisierung und deren Anforderungen aus dem Seehafenhinterlandverkehr auf der Schiene. „Die großen Datenmengen eignen sich hervorragend, um den Überblick zu behalten und zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort zu wissen, wie die Gesamtsituation zum Beispiel in der Auslastung und den Kapazitäten der TFG ist“, meint Kerstin Corvers. „Ein Traum, der heute schon zum Greifen nah ist.“  

Gegenwärtig verschwinden die Disponenten oft hinter den Displays ihrer PC. Das kann den so wichtigen Informationsaustausch mit Kollegen behindern. „Interaktive Oberflächen in Verbindung mit Visualisierungen schaffen dagegen einen kommunikativen Ort, der von den Kollegen genutzt werden kann, um gemeinsam Informationen zu erfassen, zu diskutieren und Entscheidungen im Team zu treffen“, betont Kerstin Corvers.

Und vielleicht erfährt der Beruf Disponent, auch dank Tom Cruise, einen neuen Zulauf. Wir erinnern uns: 1986 wollten (und wurden nachweislich) viele Kinogänger zu Kampfpiloten. Im Kino lief „Top Gun“. In der Hauptrolle: Tom Cruise. (tof)

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