|  04. Dezember 2017
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Game Changer Blockchain

Für Laien wirkt es so einfach: Fracht aufs Schiff, Überfahrt, abladen, fertig. Profis wissen: Einen Container von Asien nach Europa zu transportieren, ist eine aufwändige Angelegenheit. Mehr als 30 verschiedene Unternehmen und Behörden können daran beteiligt sein. Und sie alle müssen untereinander Informationen austauschen. Das ist teuer: Bis zu 50 Prozent der Kosten für einen Containertransport entstehen durch Kommunikation und Bürokratie. Die ist außerdem anfällig: Fehler passieren, Kriminelle können Formulare fälschen.

Die Lösung: Ein System, das alle Informationen zu einem Container automatisch an einer Stelle sammelt, in Echtzeit zur Verfügung stellt und dabei auch noch fälschungssicher ist. Was für viele Logistiker unrealistisch klingt, absolviert im Hafen Antwerpen bereits den Praxistest. Wenn ein Container dort ankommt, gibt das System dem LKW-Fahrer die Anweisung, wo und wann er seine Ladung abholen kann. Ob die Fracht auf dem richtigen Weg ist, wird permanent überprüft – von einem IT-System, das bei allen Beteiligten gleichzeitig läuft. Möglich wird das durch sogenannte Blockchain-Technik.

Game Changer für das Transportgewerbe
Der Hafen Antwerpen ist Vorreiter in einem Bereich, dem viele Experten revolutionäre Kräfte zuschreiben – auch in der Logistik. Eine wachsende Zahl von Firmen experimentiert mit der Blockchain. Wie groß das Interesse ist, wurde auf dem Kongress „Vision.Logistik“ in Köln deutlich. Organisiert von der IHK und der TH Köln, ging es dort einen Tag lang darum, ob die Blockchain tatsächlich ein „Game-Changer“ für das Transportgewerbe sein könnte, wie einer der Redner im Titel seines Vortrags fragte. Die Antwort gab er selbst: „YES“ stand in riesigen Buchstaben auf der letzten Folie von Frank Bolten, Managing Partner der auf Blockchain spezialisierten Beratung Chainstep.

„Richtig sexy für die Logistik“ sei das Thema, sagte auch Ulrich Franke, Leiter des Institute for Supply Chain Security. „Blockchain ist das Fundament für die Industrie 4.0. Es hilft dabei, Kosten und Zeit zu sparen und die Qualität zu verbessern.“ Deutlich wurde aber auch: Vielen Praktikern der Branche ist die Blockchain noch relativ fremd. Bei einer Umfrage zu Beginn der Konferenz gaben die meisten Besucher an, das Thema, wenn überhaupt, nur rudimentär zu verstehen.

Verifizierung über Hashfunktion
Blockchain bezeichnet zunächst einmal die Aneinanderreihung von Daten zu einer Kette. Die Information wird in einzelne Pakete unterteilt, sogenannte Blöcke, die untrennbar miteinander verknüpft werden. Auf diese Kette können alle Teilnehmer des Systems zugreifen. Dadurch ist die Information stets nachvollziehbar und wird permanent von allen verifiziert.

Das passiert durch sogenannte Hashfunktionen, ein kryptografisches System, das auf einer Art Prüfsumme basiert. Durch diese gegenseitige Kontrolle kommt die Technik ohne einen Mittelsmann aus, dem die Teilnehmer vertrauen müssten. Bitcoin, eine Währung, die auf der Blockchain basiert, braucht deshalb keine Banken: Die Nutzer kontrollieren quasi gegenseitig, dass sich niemand bei einer Transaktionen zu viel gutschreibt. 

Das Verfahren lässt sich auf andere Bereiche übertragen. Daniel Burgwinkel vom Unternehmen Guardtime, das als Blockchain-Vorreiter gilt, erklärte es auf der Bühne mit einem kleinen Experiment: Er zeigte einer Freiwilligen ein Blatt Papier und ließ sie die Quersumme der darauf notierten Zahl nennen. Dem Publikum blieb zunächst nichts anderes übrig, als ihr zu vertrauen. Dann zeigte Burgwinkel den Zettel allen, jeder konnte die Quersumme selbst errechnen. Eine falsche Antwort der Freiwilligen wäre aufgeflogen - Sicherheit durch Transparenz. „Je mehr Teilnehmer im System sind, desto sicherer wird es“, sagte Burgwinkel.

Projekt für digitalen Frachtbrief
Blockchain-basierte Sicherheitsysteme werden bereits an vielen Stellen eingesetzt. Burgwinkel berichtete etwa, wie Guardtime das E-Government in Estland vor Angriffen schützt und militärische Lieferketten überwacht. Gemeinsam mit Ernst & Young, Microsoft, Maersk und anderen Industriepartnern hat Guardtime vor kurzem eine Blockchain-Plattform für Schiffsversicherungen aufgesetzt.

Auch Chainstep-Berater Bolten zeigte verschiedene Anwendungsbeispielen der Technologie, etwa bei der Blockchain-basierten Supply-Chain-Management-Plattform Skuchain. Im Projekt Hansebloc arbeitet er gerade an einem digitalen Frachtbrief. Daten über Transportgüter sollen in Echtzeit automatisch und fälschungssicher erfasst werden.

Welche Herausforderung in einem System liegt, das auf vollständige Transparenz setzt, wurde im Lauf des Tages immer wieder diskutiert - schließlich sind manche Informationen nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Andreas Schindler, Director Ideation beim Darmstädter Pharmakonzern Merck, beschrieb eine Lösung, die Medikamente entlang der kompletten Lieferkette zurückverfolgbar und somit fälschungssicher machen soll. „Wir wollen aber natürlich auch nicht, dass dadurch die Konkurrenz sehen kann, wie viel wir verkauft haben“, sagte er. Deshalb gibt es durchaus auch geschlossene Systeme, sogenannten Enterprise-Blockchains, zu denen nicht jedermann Zugang hat – im Gegensatz zu öffentlichen Blockchains, wie sie Währungen wie Bitcoin oder Ethereum nutzen.

Blockchain ist nicht nur eine Datenbank
Bei aller Begeisterung warnten die Redner auch davor, dem Hype blind zu folgen. Nicht jedes Problem lasse sich per Blockchain lösen, schon gar nicht sei sie ein Selbstzweck. „Wenn Ihnen jemand eine Blockchain-Lösung anbietet, ersetzen Sie mal im Text das Wort Blockchain durch Datenbank“, sagte Andreas Schindler von Merck. „Wenn es dann immer noch sinnvoll klingt, will der Ihnen vielleicht nur alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen.“

Dennoch: Beim Publikum kamen die neuen Ideen überwiegend gut an. Per digitaler Blitzumfrage wurde im Lauf des Tages immer wieder erhoben, wie die Zuschauer zu den vorgestellten Themen stehen. Zum Abschluss lautete die Frage: Beabsichtigen Sie, in Ihrem Arbeitsumfeld ein Blockchain-Projekt zu realisieren? 100 Teilnehmer stimmten ab und zeigten sich durchaus aufgeschlossen: Auf „unbedingt“ und „wahrscheinlich“ klickten insgesamt 32 davon, auf „möglicherweise“ sogar 40. (rok)

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