|  10. Juli 2015
aktualisiert am 17.12.15 16:59h
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Disponent darf Fahrer nicht zwingen

Du musst heute die Chemietour übernehmen. Die kann nicht bis morgen warten.“ – „Oh nein, Chemie! Habe ich noch nie gefahren. Und den Gefahrgutschein habe ich doch auch nicht, ich darf das nicht.“ – „Den brauchst du dafür doch nicht.“ – „Gefahrgut fahren ohne extra Schein? Das soll gehen?“ – „Ja klar, und Ahnung hast du doch, oder? Na also, dann schwing dich auf den Bock, und mach voran! Aber vorher unterschreibst du hier.“

An dieser Stelle blenden wir die fiktive Unterhaltung zwischen dem neu eingestellten Kraftfahrer und seinem erfahrenen Chefdisponenten einmal aus. Vielmehr soll der Frage nachgegangen werden, wie viel „Ahnung“ nötig ist, um Gefahrgut sicher zu befördern, unabhängig von der transportierten Menge. Das internationale Gefahrgutabkommen ADR fordert zumindest eine Unterweisung für alle an der Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße beteiligten Personen. Diese müssen gemäß Kapitel 8.2.3 ADR „entsprechend ihren Verantwortlichkeiten und Funktionen eine Unterweisung nach Kapitel 1.3 ADR…erhalten haben“.

Kapitel 1.3 macht konkretere Vorgaben und fordert eine dreigeteilte Unterweisung, bestehend aus: 1. Einführung zu den allgemeinen Bestimmungen; 2. aufgabenbezogener Unterweisung; 3. Sicherheitsunterweisung. Das Ganze muss regelmäßig wiederholt werden, um stets auf dem aktuellen Stand zu bleiben.

Die Unterweisungsinhalte

Die Inhalte von Punkt 1 und 3 lassen sich – das ist zugegeben etwas plakativ formuliert – schnell, einfach und vor allem standardisiert für alle Mitarbeiter abhandeln. Zu Punkt 1: Es gibt das ADR als einheitliches Regelwerk. Gilt immer. In Deutschland zusätzlich die nationalen Gefahrgutbestimmungen GGVSEB für Schiene, Straße und Binnenschiff mit einigen Verschärfungen gegenüber dem ADR.

Und zu Punkt 3: Auto immer abschließen und Fahrzeug nie aus den Augen lassen, dann kann auch keiner mit dem Gefahrgut verschwinden.

Kritischer wird es mit der unter Punkt 2 genannten aufgabenbezogenen Unterweisung. Hier lässt sich in der Praxis leider nicht so leicht feststellen, wie es um „Ahnung“ oder Wissen des Fahrers tatsächlich bestellt ist. Genormte Nachweise oder Bescheinigungen gibt es hier nicht. Und so hat nicht nur unser Fahrer ein Problem damit, festzustellen, ob er eigentlich genügend Wissen für einen anstehenden Transport hat.

Das gleiche Problem haben beispielsweise auch Beförderer, Absender und Verlader von Gefahrgut: Sie müssen nämlich vor jedem Fahrtantritt prüfen, ob ein Fahrzeug und dessen Besatzung für die Durchführung der vorgesehenen Gefahrgutbeförderung geeignet sind. Für die Überprüfung des Fahrzeugzustandes haben sich Checklisten bestens bewährt, die auch von KFZ-Laien abgearbeitet werden können. Sie liefern ein brauchbares Ergebnis, auch wenn das natürlich nicht mit einem Dekra- Gutachten vergleichbar ist.

Den Zustand des Fahrzeugführers prüfen einige Verlader zwar mit einem Alkoholtest, aber grundsätzlich reicht hier aus Sicht des Gesetzgebers die „augenscheinliche Prüfung“. Andere machen einen Sprachtest, um sicherzustellen, dass ein Fahrer sich verständigen kann – besonders wichtig in Notfallsituationen. Doch auch dazu führt der Gesetzgeber im Gefahrgutrecht eigentlich nichts aus.

Aber die für einen bestimmten Transport erforderlichen Kenntnisse lassen sich nicht so einfach mit einer Checkliste prüfen oder feststellen. Also ist die Frage: Was macht der Betreffende? Handelt es sich um den Fahrer, muss er die Bedienung und Handhabung des Fahrzeugs sowie von dessen Ausrüstung beherrschen. Muss also fit in Sachen Ladungssicherung sein, mit der Notfallausrüstung, wie zum Beispiel Unterlegkeil und Warndreieck, vertraut sein und sie nicht nur bei einer Kontrolle, sondern auch bei einem Unfall direkt finden können.

Transportiert der Fahrer Gefahrgut, muss er über die Eigenschaften, Gefahren und Risiken der beförderten Stoffe Bescheid wissen, muss also die Gefahrzettel und deren Bedeutung kennen. Er muss wissen, welche Angaben in einem Beförderungspapier erforderlich sind und was bestimmte Angaben wie Punktewerte und Beförderungskategorien bedeuten beziehungsweise was für Auswirkungen sie auf seine Transportdurchführung haben.

Verlader testen Fahrer

Es gibt tatsächlich Verlader, die nicht nur die Ladungssicherung fotografieren und überprüfen, bevor das Fahrzeug die Verladestelle verlässt, sondern auch den Fahrer testen: Sie lassen ihn Fragen zum transportierten Gefahrgut beantworten. Falsche Antwort: „Bitte abladen!“ Also, so weit muss man wirklich nicht gehen. Aber mit einer gültigen ADR-Schulungsbescheinigung in der Hand kann der Fahrer mit Fug und Recht behaupten: „Ich habe wirklich Ahnung, und das IHK-geprüft. Ich weiß, was ich tue.“ Und der Verlader kann sich auf eine sichere Beförderung verlassen.

Zurück zur Eingangsunterhaltung: Der Disponent hätte den Fahrer nicht fahren lassen dürfen. Denn er wusste jetzt, dass der Fahrer keine ausreichenden Kenntnisse für solche Transporte hatte. Die erzwungene Unterschrift stellt mindestens eine Ordnungswidrigkeit des Disponenten dar, die mir einem Bußgeld geahndet wird, und hat wegen der Falschaussage eventuell sogar strafrechtliche Konsequenzen. (hec/tof)

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