|  29. September 2014
aktualisiert am 15.10.15 16:45h
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Gemeinsam Großes bewegen

Der LKW-Ladungsverkehrsmarkt – also der Transport von Teil- und Komplettladungen – ist mit mehr als 30 Mrd. EUR Jahresumsatz in Deutschland das gewichtigste Marktsegment. Zwar zählen die Branchenriesen DB Schenker oder Deutsche Post DHL zu den wichtigsten Unternehmen, doch insgesamt ist der Markt geprägt von mittelständischen Dienstleistern. Derzeit verzeichnen gerade die deutschen Mittelstandskooperationen im Ladungsverkehr meist deutliche Zuwächse im Vergleich zum Vorjahr. Dies ergab eine exklusive DVZ-Umfrage.

„In fast allen Branchen läuft es derzeit sehr gut, und wir verzeichnen überall steigende Auftragseingänge“, meint Jochen Eschborn, Vorstand der Ganz- und Teilladungskooperation Elvis. „Derzeit befinden wir uns in Deutschland auf einem sehr hohen Auftragsniveau“,  bestätigt Christoph Helmke, Geschäftsführer von Brandlog. Er warnt jedoch vor dem zunehmenden Preisverfall im Landungsverkehr. Auch der Fahrermangel bereitet den Unternehmen Sorgen. Diese beiden Probleme beschäftigen auch Josef Perisa. „Mit zunehmendem Transport­aufkommen und gleichzeitigem Sinken des Fahrpersonals wird der Ladungstausch zunehmen“, zeigt sich der Transcoop-09-Geschäftsführer wie nahezu alle seine Kollegen dennoch sehr zuversichtlich.

Eine stärkere Zusammenarbeit des Mittelstands sehen alle befragten Geschäftsführer und Vorstände der ­Mittelstandskooperationen als eine Chance, den immer schwierigeren Rahmenbedingungen im Ladungsverkehr zu begegnen. „Um dem Erosionsprozess im speditionellen Mittelstand zu begegnen, bedarf es neuer Strategien, wie der Bildung von Mittelstandskooperationen“, zeigt sich Ernst Mäußler, Unternehmensberater und Gründer der Kooperation Logistik Spedition (Kolos), überzeugt. Er sieht bereits seit 2010 einen Trend im deutschen Mittelstand, sich zu verbünden, um gegen die Konzerne bestehen zu können. „Einerseits hilft dies, kostengünstig zu produzieren, und andererseits können so die marktseitig notwendigen Kapazitäten bereitgestellt werden“, betont Mäußler. Ähnlich sieht dies Jochen Eschborn: „Grundsätzlich müssen alle Teilnehmer in einem wachsenden Verdrängungsmarkt neue Wettbewerbsstrategien finden und sich dem veränderten Umfeld an­passen.“ Eine Möglichkeit, um Risiken zu mindern und Wettbewerbsvorteile zu erlangen, seien Kooperationen.

Kooperation erhöht die Effizienz

Christian Kille, Professor für Handelslogistik an der Hochschule Würzburg und fachlicher Beirat der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services, teilt diese Auffassung. „Insbesondere im Teilladungssegment ist es sinnvoll, mit anderen Unternehmen zu kooperieren“, meint er. Auch wenn dies weniger Effizienzsteigerungen bringen werde als im Stückgut, könne eine Zusammenarbeit der Teilnehmer zu einer höheren Auslastung führen. „Dabei sollten die Unternehmen auch im Kopf haben, dass sie eventuell einen Auftrag mal an die ‚Konkurrenz‘ abgeben sollten – aber in einer Kooperation ist es ja ein Geben und Nehmen“, betont Kille.

Die bereits 2006 gestartete Ganzladungskooperation Elvis hat ihr Angebot mittlerweile ausgebaut. Nach der Jumbo-Gruppe im Jahr 2010 und dem Teilladungsnetz 2011 folgte im Herbst 2014 ein Angebot im Kühlladungsverkehr. Aber auch die Transportsegmente Silo und Tank haben die Mitarbeiter der Elvis-Systemzentrale derzeit im Blick. Hierdurch werde Elvis für immer neue Mitglieder interessant, sagt Eschborn. Die mit europaweit knapp 140 auf Ladungsverkehre spezialisierten Mitgliedern bedeutendste Kooperation in diesem Segment will nicht stillstehen. Eschborn sieht in den zahlreichen Neugründungen einen Nachahmungseffekt auf Elvis. „Wobei aufgrund der Komplexität der Aufgabe nur wenige neue Kooperationen eine Überlebenschance haben werden“, gibt er sich selbstbewusst.

Helmke: kaum Wachstumspotenzial im FTL

Christoph Helmke sieht derzeit zwei unterschiedliche Trends im Markt. Bei den Teilladungsverkehren (Less than Truckload – LTL) sieht er die wachsende Bereitschaft der Mittelständler, sich in Verbünden zusammenzuschließen. Beim Ganzlandungsverkehr (Full Truck Load – FTL) sieht er jedoch kaum noch Wachstumspotenzial. „Im Bereich FTL sind schon fast alle potenziellen Partner ‚abgegrast‘“, meint er. Wer jetzt noch nicht in einer Kooperation sei, der „denke stark darüber nach, sich vom ungeliebten FTL-Geschäft zu verabschieden“. Deshalb gebe es auch keine neue Konkurrenz in diesem Feld. „Der Markt ist wirklich zu unattraktiv“, betont er. Wachstumschancen sieht Helmke deshalb nur in Nischengeschäften.

Prof. Christian Kille schätzt die Situation für deutsche Unternehmen im Segment Ganzladungsverkehre ebenfalls kritisch ein. Für Fuhrparkbetreiber sei die Situation durchaus schwierig: „Nicht nur dass die ausländische Konkurrenz billiger ist, auch die Fahrer werden in Deutschland knapp und damit auch teurer.“ Kille erwartet deshalb, dass es zu Marktbereinigungen kommen wird. „Spediteure werden nur noch organisieren, nicht mehr selbst den Fuhrpark betreiben oder ihn ins Ausland verlegen“, meint der Logistikprofessor. Trotzdem bleibe ein Potenzial für die Ladungsverkehrsunternehmen mit Fuhrpark und Fahrer, da es genügend Kunden gebe, die die Qualität schätzen. Auch zeige sich durch neue Ansätze wie die seit einiger Zeit diskutierte Industrialisierung der ­Ladungsverkehre, dass noch Effizienzpoten­ziale bestehen.

Marc Possekel, Geschäftsführer von Logcoop, hält dagegen die Zeit reif für weitere Kooperationsgründungen. „Der Markt in Deutschland und Europa ist einfach zu groß, und es gibt viele Bereiche und Nischen“, begründet er seine Einschätzung. Die vergangenes Jahr gegründete Einkaufsgemeinschaft und Vertriebsgesellschaft  zählt aktuell bereits 29 Mitglieder – 27 davon in Deutschland. Über Arbeitskreise unterstützt Logcoop auch den Ladungstausch unter den Mitgliedern. Possekel will mit Logcoop weiter wachsen. Derzeit sucht er noch Partnerunternehmen in Süd- und Ostdeutschland und im umliegenden Ausland. Ziel sei es, in den kommenden zwei Jahren einen eigenen Einkauf mit Zentralregulierung und Delkredereübernahme sowie einen eigenen Vertrieb aufzubauen, sagt Possekel.  

Kooperationen suchen Mitglieder

Während Elvis als größte europäische Kooperation – laut der Studie „Top 100 in European Transport and Logistics Services“ von Christian Kille und Martin Schwemmer – im Bereich Ganzladungsverkehre bereits Wachstumschancen insbesondere in neuen Märkten und Nischen sucht, haben viele der anderen Kooperationen ihr Netz bei weitem noch nicht abschließend ausgebaut. So sucht Kolos-Chef Ernst Mäußler noch Unternehmen aus den Regionen Bayern, Saarland und den ostdeutschen Bundesländern. Auch Interessenten aus dem europäischen Ausland sind willkommen.

Unternehmer müssen überzeugt werden

Dieses Jahr gab es bei Kolos bereits sieben Neuzugänge. Als Ziel für 2015 hat sich Mäußler die „Fortsetzung des Ausbaus des vorhandenen Partnernetzes gemacht.“ Doch dafür sei einiges an Überzeugungsarbeit nötig, berichtet er. „Da die Unternehmen der Logistikbranche über Jahrzehnte autonom agierten, sind sie nur schwer zu Kooperationen zu motivieren“, sagt Mäußler. „Es besteht ein sehr großes Miss­trauensverhältnis unter den Spediteuren.“

In Deutschland herrsche vielfach noch die „alte Frächtermentalität: ‚Ich schaffe das schon allein ohne Kooperation‘“, bestätigt Brandlog-Geschäftsführer Helmke. Seine auf den Bereich Konsumgüter und Handel spezialisierte Kooperation sucht noch Partner in mehreren Regionen. „Die Akquisition von neuen Systempartnern gestalte sich zunehmend schwierig, stellt Helmke fest. Er sucht noch passende Unternehmen aus den Regionen Bremen/Oldenburg, Hannover/Braunschweig, Bielefeld/Osnabrück, Koblenz/Trier, Saarland, Reutlingen/Villingen, Offenburg/Freiburg, Nürnberg/Regensburg und Würzburg/Bamberg. Generell leide die Branche unter dem zunehmenden Fachkräftemangel, und auch das Frachtpreisniveau in Europa sei zu niedrig.

Karl-Gerd Jux, Gründer und Koordinator von Cargo in Motion, sieht in der aktuell guten Auftragslage einen Grund für die mangelnde Bereitschaft, einer Kooperation beizutreten. Erst wenn es wieder schlechter laufe, sind Unternehmer offener für neue Konzepte. Jux sucht für seinen Verbund Cargo in Motion noch Partner in den Großräumen Berlin, Hamburg, Hannover, dem Saarland und den ostdeutschen Bundesländern.

Stückgutkooperation mit neuem Geschäft

ILN-Geschäftsführer Hubert Staroske will seit zwei Jahren den Bereich Teilpartien in der Stückgutkooperation vorantreiben. Auf der Franchisenehmerversammlung im hessischen Schwalbach war er mit der Entwicklung hörbar unzufrieden. Das Besondere an ILN sind die 24 regionalen Hubs – Transshipment Points (TSP) genannt. Dort werden die Waren konsolidiert und auf Hauptlauffahrzeuge verladen, welche im Direktverkehr zu den anderen TSP fahren. Aktuell ist ILN offen für neue Partner aus Süd- und Ostdeutschland. Staroske erwartet, dass 2015 außer dem B2C-Geschäft insbesondere auch die Teilladungssparte wächst. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen sieht der ILN-Geschäftsführer wenig Potenzial für weitere Kooperationen. „Der Markt ist gesättigt“, betont Staroske. „Wir rechnen eher damit, dass bestehende Koope­rationen Synergieeffekte analysieren und gegebenenfalls realisieren werden.“

Perisa, Geschäftsführer von Transcoop 09 und Speditionsleiter der Konrad Allgaier Spedition aus Neu-Ulm, bemerkt das Interesse vieler Unternehmer an den Mittelstandskooperationen. „Doch viele Kollegen warten wie ­gewohnt einfach erst einmal ab“, beklagt er sich. Mittlerweile gebe es seiner Einschätzung nach ausreichend etablierte Kooperationen auf dem Markt. Für Neumitglieder sei es sinnvoller, „in eine gefestigte sowie auch größere Organisation einzutreten“. Jedoch sieht er Chancen für neue Kooperationen in klar definierten Nischen. Perisa rechnet für 2015 mit einer deutlichen Zunahme des ­Ladungstauschs. Vor dem Hintergrund des steigenden Transportaufkommens bei gleichzeitig zunehmendem Fachkräftemangel werde die Bedeutung der Netzwerke zunehmen, ist sich Perisa sicher. Und führt aus: „Wir werden alle erkennen, dass die Frachtenbörsen nicht die Lösung sind.“ Nur in Kooperationen könnten die Speditionen die gewohnte Qualität aufrechterhalten. Perisa rechnet für 2015 mit Wachstum aus der Konsumgüterindustrie, während er beim Bereich Automotive und Papier skeptisch ist. Transcoop 09 ist in Deutschland noch offen für Partner aus Ost- sowie Süddeutschland. „Wir sind aber natürlich auch in starken Regionen an weiteren Kollegen interessiert“, betont Perisa.

PLA drängt in den Teilladungsmarkt

Ein neuer Player im Markt ist die von Spediteur Heinz Hintzen gegründete Teilladungskooperation Part Load Alliance (PLA). Erste Interessenten aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen – in diesen beiden Ländern will die Kooperation beginnen – sind bereits überzeugt und wollen mitmachen. „Sobald ausreichend Linien vorhanden sind, soll die Kooperation starten“, sagt PLA-Systemverwalter Uwe Müller. Anschließend solle das Netz ausgebaut werden. Gesucht würden dafür Interessenten aus dem ganzen Bundesgebiet sowie aus den Benelux-Ländern.

Kooperationen kooperieren

Doch nicht nur die Speditionen arbeiten im Ladungsverkehr über Kooperationen enger zusammen. Auch zwischen den einzelnen Organisationen gibt es punktuelle Absprachen, teilweise werden sogar die Angebote der jeweiligen Kooperation für andere geöffnet. So arbeitet etwa Kolos mit dem Stückgutnetzwerk ILN zusammen und hat die mehr als 30 Partner in das neue Teilladungsnetz PLA eingebracht. Auch beim Einkauf bündeln die Kooperationen die Interessen ihrer Mitglieder und verbessern somit ihre Verhandlungsmöglichkeiten.

Positiver Ausblick auf 2015

Für das kommende Jahr erwarten die Befragten weiterhin Wachstum für ihre Mitglieder. „Wir haben den Eindruck, dass es in fast allen Branchen derzeit sehr gut läuft“, meint Jochen Eschborn von Elvis. Logcoop-Geschäftsführer Possekel sieht für sein Unternehmen im Markt das Potenzial, um 100 Prozent zuzulegen. Auch Christoph Helmke von Brandlog zeigt sich ­zufrieden. Er erwartet jedoch keine größeren Sendungssteigerungen in bestimmten Branchen für 2015. Diese Ansicht bestätigt Kille. „Das FTL- und LTL-Geschäft wird sich wahrscheinlich ähnlich wie der Gesamtmarkt entwickeln. Dieser wird leicht wachsen, wahrscheinlich mehr als 2013, ähnlich wie 2014“, lautet seine Einschätzung.

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