|  12. Juli 2018

Kep-Projekt in Donau versenkt

Viel Kraft, Zeit und Geld haben Initiatoren, Experten und öffentliche Stellen investiert. Das Ergebnis ist ein Endbericht mit 105 Seiten – nicht mehr und nicht weniger. „Zurzeit gibt es keine konkreten Bestrebungen, das Projekt in die Praxis umzusetzen“, sagt Florian Weber von Heavy Pedals. Der Gründer des Wiener Lastenradbotendienstes sieht derzeit keine Hoffnung: „Da fehlt leider der politische Wille beziehungsweise ein Unternehmen mit entsprechendem Kapital.“ Das Projekt „Rako-Donaukanal“, an dem auch Weber beteiligt war, ist tot – so der Stand heute. Aus Sicht einer modernen Citylogistik ist dies aber unverständlich.

Rako – das ist eine Abkürzung und steht für Radkombitransport. Hintergrund: Ein Forschungsprojekt hatte zum Ziel, das Potenzial des Wiener Donaukanals als Transportader für das Stadtzentrum der österreichischen Hauptstadt auszuloten. An den Stadt-Anlegestellen – so die Idee – sollte eine Flotte von Lastenfahrrädern die Güter für die Feinverteilung bis zum Endkunden übernehmen.

Gute Rahmenbedingungen

Die Untersuchung zeigt: Der Transport selbst ist wasserseitig technisch gut zu realisieren. Der ausgewählte Schiffstyp ermöglicht einen ganzjährigen Betrieb. Auch die Rahmenbedingungen an Land stimmen: Zehn Anlegestellen sind für das Rako-System besonders interessant. Am prominentesten dürfte hierbei wohl die bestehende Anlegestelle Schwedenplatz sein. Lediglich etwa 500 m trennen den Verkehrsdrehpunkt vom städtischen und geografischen Zentrum Wiens – dem Stephansplatz. Im Zielgebiet für Lieferungen (maximal 3 km Entfernung vom Kanal) seien den Untersuchungen zufolge 590.000 Personen wohnhaft. Das gesamte Zustellungspotenzial für einen durchschnittlichen Tag liege bei rund 45.000 Paketen.

Hinsichtlich der Logistikkette selbst ist das Rako-System grundsätzlich in sieben Elemente gegliedert: Ausgehend von einem Paketumschlagdepot am Wiener Hafen (1) ist zunächst eine Sortierung und Bündelung in die vorgesehenen Lastenrad-Wechselcontainer notwendig (2). Die Container weisen ein Volumen von 1,8 m³ auf und können mit durchschnittlich 45 Paketen beladen werden. Das durchschnittliche Gewicht der Container beträgt 180 kg.

Die anschließende Verladung auf das Transportschiff übernimmt ein an Bord vorhandener Kran (3). Es folgt der Transport zu drei Anlegestellen im Zentrum (4), die Ausladung der Container und Beladung der Lastenräder (5). Nach der Auslieferung zu den Endkonsumenten (6) müssen die leeren Container wieder zum Hafen zurück (7).

Bis ins Detail sind diese sieben Elemente durchdacht und ausgearbeitet. In dem Endbericht sind alle denkbaren Faktoren, wie etwa Kosten, die veränderte Wettbewerbssituation unter den Paketdienstleistern oder Umlaufzeiten und Transportmaße, berücksichtigt. Alles ist gut dokumentiert. Eigentlich müsste jetzt der nächste Schritt folgen. Dies passiert aber nicht. Die Ausschreibung für das Förderprogramm war im Herbst 2013, der Endbericht ist datiert auf Februar 2016. Das war die Lebensdauer von Rako.

Klimaschutz war Anlass für Projekt

Wie konnte es dazu kommen, dass 2018 keine Rede mehr von dem Projekt ist? Anfängliche Motivation für das Rako-System war die Luftverbesserung, es ging laut Endbericht insbesondere um „ein Geschäftsmodell für eine möglichst CO2-arme und somit umweltfreundliche Zustellung von Waren in den donaukanalnahen Stadtteilen Wiens“.

Das Klima war der Anlass des Projekts. Der Endbericht war ein Dämpfer: Knackpunkt ist das Dieselschiff, ein Elektroantrieb wäre besser. Das aber war in dem Projekt nicht umzusetzen. Der Endbericht verweist auf eine „permanent vorhandene Kurzschluss- und damit Brandgefahr“. Im Vergleich der Treibhausgas-Emissionen gebe es dem Bericht zufolge mit Dieselschiff nur geringe Vorteile gegenüber dem herkömmlichen Transportsystem durch Kleintransporter. Sie seien „für das beschriebene Rako-System nur um 8,3 Prozent niedriger“.

Riesiges Veränderungspotenzial

Saubere Luft ist zwar so ziemlich das Wichtigste in einer Großstadt. Aber auch noch an anderen Stellen steht die Logistikbranche auf der Letzten Meile unter Druck. Unabhängig von der Klimafrage gibt es deshalb stichhaltige Gründe, weiter an dem Rako-Projekt festzuhalten. Einige nennt auch der Endbericht selbst – etwa den geringeren Platzbedarf im dichtbesiedelten Raum, weniger Lärm oder höhere Verkehrssicherheit im Auslieferungsgebiet der Lastenfahrräder.

Aufhorchen lassen sollte insbesondere eine vorgenommene Gegenüberstellung: Statt rund 4.900 km täglicher Zustellwege durch Kleintransporter würden den Analysen zufolge 4.300 km durch Lastenfahrräder zurückgelegt. Das Veränderungspotenzial für das Liefergebiet und deren Einwohner ist – unabhängig von der Klimafrage – demnach riesig.

Außer Heavy Pedals hätte auch die Grazer Forschungsgesellschaft Mobilität (FGM) die Idee gerne über den Endberichtstatus hinaus weiter fortgeführt. Susanne Wrighton, FGM-Ansprechpartnerin für das Projekt, ist über die aktuelle Entwicklung enttäuscht: „Wir finden das sehr schade, denn wir glauben noch immer, dass dieses Konzept großes Potenzial für europäische Städte hat“, sagt Wrighton gegenüber der DVZ.

Politischer Wille fehlt

Fördergeber von Rako-Donaukanal war das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) im Rahmen des Programms „Mobilität der Zukunft“. Auf eine Anfrage, ob – und in welcher Form – das untersuchte und ausgearbeitete Konzept derzeit weiterverfolgt wird, verweist eine BMVIT-Sprecherin auf die Aussagen von Reinhard Jellinek. Er ist Mobilitätsexperte bei der Österreichischen Energieagentur, die ebenfalls Projektpartner war. Sein aktueller Wissensstand ist, dass das ausgearbeitete Konzept derzeit in Österreich nicht weiterverfolgt wird. Technisch und organisatorisch sei das Rako-System zwar machbar, aber die zu geringen Vorteile bei den Treibhausgasen sind auch ihm zufolge der Dämpfer.

Und wer bei großen Kep-Dienstleistern einmal nachfragt, bekommt für die Einbindung des Donaukanals durchaus Aufmerksamkeit. So kann sich etwa Rainer Schwarz, Geschäftsführer bei DPD Austria, grundsätzlich mit so einer Idee anfreunden. So ein großer Paketlogistiker wäre der nötige Schub vonseiten der Privatwirtschaft. Fehlt eigentlich nur noch der politische Wille und die damit einhergehende Unterstützung. Dann können sich alle einmal an einen Tisch setzen und Rako wieder zurück ins Leben holen. (rok)

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