|  26. Februar 2019

Zentral und trotzdem flexibel

Vor über 200 Jahren übernahm Johann Bünting im ostfriesischen Leer einen Kolonialwarenladen. Als er da zwischen Kisten und Säcken mit Tee und Kaffee, Flohsaat und Rappenrosen sein Geschäft aufnahm, mag er auf den Erfolg gehofft haben. Dass aber Generationen später eine ganze Handelskette seinen Namen führt und 14.000 Mitarbeiter beschäftigt, dürfte seine kühnsten Erwartungen übertroffen haben.

Dabei ging es nicht immer nur bergauf, auch wenn Bünting bald als Synonym für Ostfriesentee diente. Gerade vor drei Jahren wies die Bilanz ein sattes Minus im zweistelligen Millionenbereich auf. Mit einer strategischen Neuausrichtung senkte das Familienunternehmen diese Zahl schon 2017 auf unter 3 Mio. EUR. Und im Januar 2019 meldete der Lebensmittelhändler dann wieder deutlich schwarze Zahlen für das zurückliegende Jahr. „Bünting ist auf einem sehr guten Weg; das zeigen die Zahlen, aber auch das Engagement und die Motivation unserer Mitarbeiter“, unterstreicht Markus Buntz, der Vorstandsvorsitzende der Bünting Unternehmensgruppe.

Zentrale Prognose-, Nachschub- und Flächenplanung

Für den Aufwärtstrend sorgt neben der Modernisierung von Märkten vor allem die Optimierung der Vertriebs- und Logistikstrukturen. Ursprünglich setzt das Unternehmen auf ein dezentrales Warenwirtschaftssystem, das zwar eine automatisierte Nachschublösung bietet, aber nur eine manuelle Disposition erlaubt. Einflüsse wie saisonale Schwankungen, Preiselastizitäten oder Wetterdaten, die sich erheblich auf das Kaufverhalten auswirken, können nicht automatisch berücksichtigt werden.

Deshalb beschließt der Einzelhändler 2016, seine Prognose-, Nachschub- und Flächenplanung unter einer einheitlichen Managementstruktur zu zentralisieren und seine Lieferketten vollständig zu überarbeiten. Ein Ziel ist, die Lieferkette vom Lieferanten bis zum Endverbraucher schlanker, transparenter und flexibler zu gestalten. Als Partner für dieses Großprojekt setzt Bünting auf Relex Solutions, einen finnischen Software-Anbieter, der sich auf integrierte Supply-Chain- und Category-Lösungen spezialisiert hat.

Flexibel auf ständig wechselnde Anforderungen reagieren

Die Wunschliste für die neue Lösung ist lang: Sie soll flexibel von Bünting eigenständig an neue Bedürfnisse anzupassen sein und ohne externen Support für wechselnde Anforderungen weiterentwickelt werden können. Für die Prognosen und Bestellvorschläge ist Transparenz gefragt – Verantwortliche in der Disposition sollen einfach erkennen, wie die Vorhersagen zustande kommen. Erste Präsentationen zeigen, dass die Supply-Chain-Lösung all die geforderten Erwartungen erfüllt. Ein großes Plus sind die Möglichkeiten beim Managen von Frischeprodukten. Helge-Christian Eilers, Geschäftsführer bei der Bünting Einkauf und Logistik Dienstleistungs GmbH & Co. KG, erklärt: „Man kann Artikel nicht starr bewerten, sie sind lebendig. Diese Lebendigkeit konnten wir vorher weder abbilden noch prognostizieren, und sie wurde auch nicht automatisch verarbeitet.“ Die neue Lösung verspricht genau das: Abverkaufsdaten lassen sich einfach einlesen, eine benutzerfreundliche Oberfläche zeigt die Bestandsentwicklung auf einen Blick. Ein wichtiger Vorteil ist außerdem die Möglichkeit, Bestellvorschläge selbst zu bearbeiten, um sie zum Beispiel ad hoc an lokale Events anzupassen.

Detailliertere Datenerfassung in der Pilotphase

Im Frühjahr 2017 beginnt die Pilotphase. Die Partner beschließen, das Brett gleich an der dicksten Stelle zu bohren: Sie testen die Funktionalität der Software mit einem Sortiment an frischen und kurz haltbaren Produkten der Supermärkte. Diese sind erfahrungsgemäß großen Schwankungen unterworfen und vor allem im Frühjahr schwer vorherzusagen. Das IT-Team von Bünting richtet zusammen mit einem technischen Projektteam von Relex die Datenschnittstellen zwischen dem bestehenden ERP-System und der neuen Lösung ein. Nachdem die Daten in das System geladen sind, arbeiten die Berater und Analysten der Relex-Lieferkette eng mit den Nachschubspezialisten von Bünting zusammen. Gemeinsam können sie innerhalb eines Monats deutlich verbesserte Nachfrageprognosen und Bestellvorschläge generieren.

Heute bewerten die Verantwortlichen vor allem die ständige Kommunikation zwischen den Teams von Bünting und Relex als Erfolgsfaktor. Im April 2017 kann planmäßig das Pilotprojekt in 25 Filialen starten. Dabei werden 24.000 Artikel in das System eingepflegt. Fünf Experten des Einzelhändlers unterstützen das Verkaufspersonal bei der Validierung von Bestellvorschlägen sowie der Beantwortung von Fragen und Kommentaren. Die Einführung der neuen Lösung führt außerdem zu einer noch genaueren Stammdatenpflege: In den Filialen werden neue Maßgaben zur Bestandsbearbeitung und -kontrolle eingeführt.

Flottenkosten sinken dank einer optimierten Lieferfrequenz

In den folgenden Monaten wird das Relex-System in weiteren Filialen gestartet, 2018 sind schon mehr als 140 Märkte angeschlossen. Die beiden Teams führen wochentagsspezifische Auftragsparameter ein. Anlieferungen, die zuvor in Umgebungs- und Frischwaren aufgeteilt waren, werden kombiniert und der Warenfluss geglättet. Statt neun wöchentlichen Lieferungen erhalten die Filialen jetzt sechs und müssen sich nicht mehr auf die Mitarbeiter der Agentur verlassen.

Außerdem werden Lieferhöhen und -tiefen vor Ereignissen wie Weihnachten und Ostern ausgeglichen. So kann die Lieferfrequenz optimiert werden – die Flottenkosten sinken um fast ein Viertel. Allein durch die Einsparungen bei den Flottenkosten machte sich das Projekt mehrfach bezahlt.

Nach dem erfolgreichen Start testet Bünting, ob sich mit der Software standardisierte Präsentationspläne für die Verkaufsräume optimieren lassen. Auch das funktioniert dank differenzierter Daten und intelligenter Software: So wie der Warenfluss kann auch der Platz in den Filialen individuell angepasst werden, wo immer dies sinnvoll ist.

Das Projekt überzeugte im vergangenen Jahr auch die Jury des 13. „Retail Systems Award“ für innovative Einzelhandelsprojekte: Bünting-Gruppe und Relex Solutions gewannen in der Kategorie „Retail Partnership of the Year (In-Store)“. Die Jury zeigte sich besonders beeindruckt von den zweistelligen prozentualen Kostensenkungen in der Supply Chain. Die Warenverfügbarkeit in den Märkten ist gestiegen, während gleichzeitig der Lagerbestand gesenkt werden konnte. Durch die Veränderung des Liefertaktes sanken die Fuhrparkkosten und der CO2-Ausstoß deutlich. Auch die Menge an Abschriften verringerte sich durch die vorausschauende Belieferung merklich. „Wenn es etwas gibt, was sich andere Unternehmen hier abschauen können, ist es, dass die Optimierung der Supply Chain der wichtigste Ansatzpunkt für moderne Einzelhändler ist: Sie bietet nicht nur die Chance, effizienter zu werden, sondern auch, sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, von dem vor allem die Endverbraucher profitieren“, betont Mikko Kärkkäinen, Group CEO bei Relex.

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