|  11. August 2016

Von 2050 an wird es ungemütlich

Der Klimawandel lässt sich nicht aufhalten. Hitze und Dürre, Sturm und Starkregen nehmen offensichtlich zu, Kälteperioden werden möglicherweise weniger. Deshalb muss sich vor allem die Verkehrsbranche nach dem heutigen Stand des Wissens auf eines einstellen: Extreme Wetterereignisse werden die Infrastruktur in Zukunft stärker belasten als heute. Sie können Produktions- und Logistikprozesse unterbrechen und dadurch hohe ökonomische Schäden verursachen. Paul Becker, Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes (DWD), sagt deshalb: „Wir brauchen eine robustere Infrastruktur.“ Er beobachtet schon lange, wie sich Wetterphänomene entwickeln, und hat Prognosen bis 2100 erstellt.

„Von Extremwetterereignissen ist die Schiene vermutlich am stärksten betroffen“, betont Becker im Gespräch mit der DVZ und nennt ein besonders gravierendes Beispiel aus dem Sommer 2013. Ein Teilstück der Schienenstrecke mit einer Elbebrücke in Sachsen-Anhalt war unterspült und daraufhin ein knappes halbes Jahr nicht befahrbar. Der Verlust für die Deutsche Bahn belief sich auf rund 800 Mio. EUR.

Straßen leiden unter Stürmen, lassen sich Becker zufolge aber meist schneller räumen als Bahngleise. Das Straßennetz werde hauptsächlich von Hitze und Dürre in Mitleidenschaft gezogen. So warnte Bayern auch in diesem Jahr vor den sogenannten Blow-ups. 2013 entstanden erstmals in alten Betonfahrbahnen hitzebedingte große Längsspannungen. Sie führen zu einem plötzlichen Ausknicken der Betonplatten. Die Straßenbaubehörde geht mit dem Einbau von Asphaltstreifen dagegen vor, um so eine Entspannung der Fahrbahndecken zu bewirken.

Der Flugverkehr funktioniert laut Becker überraschenderweise recht lange, nur Gewitter und Kälte seien ein Problem. Der Binnenschifffahrt wiederum machte in den vergangenen Jahren Hoch- und Niedrigwasser zu schaffen. Immer wieder vermeldete die Wasser- und Schifffahrtsverwaltunge hohe Pegelstände am Rhein, zu wenig Wasser in der Elbe oder Überschwemmungen an der Donau. Im Bericht zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Wasserstraßen und Schifffahrt in Deutschland (Kliwas) schlussfolgerte die WSV, dass die Auswirkungen solcher Ereignisse noch beherrschbar seien. Bis Mitte des Jahrhunderts könne man davon ausgehen, dass sich die Wasserstände mit zeitweiligen Ausschlägen nach oben oder unten nicht grundlegend verändern.

Das sagt auch DWD-Vizepräsident Becker. Interessant wird es allerdings, wenn er von seinen Projektionen bis 2100 erzählt. Ab Mitte des Jahrhunderts werden die Temperaturen stärker steigen, Hoch- und Niedrigwasser noch häufiger vorkommen und heftigere Stürme wahrscheinlich mehr Schaden anrichten als heute.

„Bei den Temperaturen ist ein eindeutiger Trend zu sehen“, erklärt Becker. Von 2050 an stieg die Zahl von Hitzeereignissen im Sommer um das Fünf- bis Zehnfache im Vergleich zur Periode zwischen 1961 und 2010. Es gebe zwar regionale Unterschiede, die Tendenz sei jedoch überall steigend. Für den Straßenbelag bedeutet das in der Region Freiburg, dass zwischen 2050 und 2090 die maximale Temperatur des Belags von 55 Grad Celsius auf 65 Grad Celsius steigt.

Bei den Niederschlägen zeige der Trend ebenfalls nach oben, allerdings weniger extrem als bei den Temperaturen. In der Projektion nehmen sie um das 1,5-Fache zu, im Küstenstreifen um das Zweifache. Starkregen, aber auch Dürre würden langfristig auch für die Binnenschifffahrt zum Problem. Becker zitiert einen Kliwas-Bericht von 2014, in dem Forscher untersucht haben, wie sich beispielsweise Niedrigwasser im Rhein auf die Transportkosten der Binnenschifffahrt auswirkt. Bis 2050 würde ein optimistisches Szenario zu Kostensenkungen in Höhe von rund 15 Mio. EUR führen, ein pessimistisches zu Mehrkosten von etwa 25 Mio. EUR. Von 2071 an sei dann nur noch mit Kostensteigerungen von 30 bis 60 Mio. EUR jährlich zu rechnen.

Problembewusstsein ist vorhanden, wie das Weltwirtschaftsforum in einer Umfrage ermittelte. Auf der Liste der globalen Risiken in Bezug auf die Eintrittswahrscheinlichkeit stehen „Extremwetterereignisse“ und „Falscher Umgang mit dem Klimawandel“ auf Platz zwei und drei.

Die Bundesregierung reagierte 2008 mit der Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel (DAS). Im November des vergangenen Jahres verabschiedete das Kabinett dann den „Aktionsplan Anpassung II“ und den DAS-Fortschrittsbericht. Darin identifizierte es beispielsweise Ausweichstrecken für von Überschwemmungen bedrohte Bahnlinien.

„Wichtige Bahnstrecken werden um die Jahrhundertmitte infolge von großflächigen Überschwemmungsereignissen in Flussgebietseinheiten beziehungsweise möglicherweise auch in Küstennähe über nicht tolerable Zeiträume hinweg nicht voll funktionsfähig sein“, heißt es in dem Papier. Deshalb sollte aufbauend auf einer Gefährdungsanalyse in Zusammenarbeit mit der DB Netz AG bestimmt werden, welche Ausweichstrecken langfristig zur Abpufferung dieser Ereignisse erhalten bleiben müssten.

Im April 2016 lud das Bundesverkehrsministerium zudem zur Auftaktveranstaltung des Expertennetzwerks Wissen – Können – Handeln ein, an dem auch Paul Becker vom DWD teilnahm. Arbeitsgruppen zu fünf Handlungsfeldern, darunter „Verkehr und Infrastruktur an Klimawandel und extreme Wetterereignisse anpassen“, sollen Lösungen für die Zukunft finden. Wichtig für DWD-Vizepräsident Becker ist, dass die Politik das Expertenwissen langfristig nutzt und Normen so anpasst, dass Infrastruktur richtig dimensioniert werden kann.

Die deutsche Politik habe schon viel gemacht, lobt Becker und nennt den Hochwasserschutz in Bayern und die Deiche in Norddeutschland. Und noch etwas sei wichtig. Die Klimaziele seien nur zu erreichen, wenn die Weltgemeinschaft an einem Strang ziehe. Ob das gelinge, sei allerdings zweifelhaft.

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