|  12. April 2017

Algorithmus sorgt für Marge

Eine Komplettladung per Planen-Gliederzug, 16 t allgemeine Handelsware, inklusive Palettentausch, laden am kommenden Tag in  Pinneberg in Schleswig-Holstein, entladen in Lindenberg im Allgäu – Daten, die ein Disponent aus den gängigen Frachtenbörsen kennt: Mit wenigen Klicks erhält ein bei Cargonexx registrierter Spediteur innerhalb von Sekunden einen Preis für diesen Transport. 876 EUR verlangt Cargonexx für diesen – zugegebenermaßen fiktiven – Auftrag über rund 800 km Entfernung, den der geschäftsführende Gesellschafter des Hamburger Start-ups, Rolf-Dieter Lafrenz, eingegeben hat. "Jetzt für die Logistik News anmelden"

Mit einem weiteren Klick kann er den Auftrag an die digitale Spedition vergeben.  „Wir könnten diesen Auftrag sofort abwickeln“, versichert er, schließlich das System seit Anfang Dezember nach einer mehrmonatigen Testphase scharf geschaltet. Würde der Auftrag tatsächlich erteilt, übernehme Cargonexx das Risiko, diesen Transport auch adäquat auf dem Markt loszuwerden. Wie eine traditionell arbeitende Spedition sucht auch Cargonexx die entsprechende Kapazität am Markt – nur digital. Dabei kalkuliert der dem Geschäftsmodell zugrunde liegende Algorithmus - quasi die digitale Intelligenz – in beide Richtungen: Was kann realistischerweise für einen bestimmten Transport verlangt werden und welcher Preis muss möglichen Frachtführern  geboten werden. Von der Differenz zwischen Ein- und Verkauf will die digitale Spedition, hinter der neben Lafrenz – im Hauptberuf Geschäftsführer der Unternehmensberatung Schickler –, der Co-Gründer Andreas Karanas sowie drei Privatinvestoren stehen, in Zukunft leben.

400 Preiskriterien liegen zugrunde
Beide Kalkulationen  basieren auf einer Vielzahl von Tourendaten der Vergangenheit, 750 000 sind es derzeit, 2 Millionen sollen es kurzfristig werden. Dabei berücksichtigt das System 400 Kriterien, die sich unterschiedlich auf den Preis auswirken: Be- und Entladungsorte, Strecken, Güterarten, Spezialfahrzeuge, aber auch saisonale Spitzen, Feiertagswochen, spezielle Wochentage, Baustellen, Betriebsferien etc. „Wir müssen dabei natürlich aktuellen Daten nahezu in Echtzeit verarbeiten, um auch auf kurzfristige Entwicklungen reagieren zu können“, stellt Lafrenz fest.  „Letztlich wird es Transporte auf Rennstrecken geben, an denen wir nicht viel verdienen, aber auch Aufträge, bei denen wir aufgrund der Marktsituation und unseres Wissens darüber, mehr über haben“, skizziert Lafrenz. „Da unterscheiden wir uns nicht von traditionell arbeitenden Unternehmen.“

„Wir sind kein Billigheimer“
Wichtig ist ihm, „dass wir kein Billigheimer sein wollen, sondern wir wollen einen marktgerechten Preis bei entsprechender Qualität bieten.“ Die 874 EUR für den 800 km langen fiktiven Transport sind dafür schon ein Indiz. Denn aktuell kursieren seitens einiger Auftraggeber auf Frachtenbörsen Preisvorstellungen von 70 Cents und weniger pro km. Ist ein Auftrag reibungslos abgewickelt, dann hat der Transportunternehmer innerhalb von drei bis fünf Tagen sein Geld, verspricht Lafrenz. Er selbst sichert sich über Factoring und eine Kreditversicherung ab.

Internes Punktesystem
Bei der Registrierung werden die Transportunternehmen überprüft – Lizenzen, Versicherungsbestätigungen, Bonität. Zudem gibt es ein internes Qualitätsranking. Dieses basiert auf drei Kriterien: Pünktlichkeit, eventuelle Störungen – wird tatsächlich der vereinbarte Fahrzeugtyp gestellt? – und die Geschwindigkeit der Dateneingabe. Wirft das System mehrere mögliche Frachtführer für einen zu vergebenden Transport aus, entscheidet ein Punktsystem darüber, wer den Auftrag erhält – wobei die Bewertung und Entscheidung automatisch von dem System in Sekundenschnelle fällt. Über ein internes Warnsystem sollen betrügerische Machenschaften verhindert werden. „Bewirbt sich beispielsweise ein Transportunternehmer, der bisher vereinzelt für uns gefahren ist plötzlich mit 20 oder mehr Fahrzeugen um Transporte, dann geht eine Warnlampe an, um zu prüfen, ob hier mit alles mit rechten Dingen zugeht.“ "Jetzt für die Logistik News anmelden"

Ohne Disponent geht es nicht
Und wenn das System keinen geeigneten Transportunternehmer ausweist? „Ganz ohne traditionelle Disponenten wird es auch künftig nicht gehen“, hat der Geschäftsführer erkannt. Etwa 20 Prozent der eingehenden Aufträge dürften bei aller Technik auch künftig händisch vergeben werden, schätzt er. Hier arbeitet er mit verschiedenen Transportunternehmen zusammen – per Mail und Telefon. Die Vergabe über eine Frachtenbörse ist dabei Tabu. Cargonexx richtet sich ausschließlich an Spediteure – Verlader haben keinen Zugang. Dabei geht es Lafrenz vor allem um große Transportmengen im Rahmen von komplexen Logistikaufträgen. „Bei diesem Teil der Logistikkette wollen wir die  Spediteure unterstützen“, so sein Kalkül. „Wir können den Transport von A nach B richtig gut und glauben, dass wir damit auch Geld verdienen können.“

Internationaler Ausbau
Zwar ist Cargonexx in der Anfangsphase auf innerdeutsche Transporte ausgerichtet, doch will Lafrenz schon bald Grenzen überschreiten: Er will noch im zweiten Quartal Österreich einbeziehen, bis Mitte des Jahres Polen. In der zweiten Jahreshälfte sollen Benelux und Frankreich folgen. Auch inhaltlich plant er schon die nächsten Schritte: So ist vorgesehen, Schnittstellen mit  großen Speditionen und damit großen Auftraggebern aufzubauen. In der Praxis bedeutet dies dann, dass Cargonexx in dem Moment, wenn diese Spedition einen Auftrag in ihr System zur Transportvergabe stellt, umgehend mitbieten kann. Eine weitere Option soll künftig sein, Transportangebote zu differenzieren und mit einem günstigeren Preis auf aufkommensstärkere Tage zu lenken – „ bekanntlich ist nicht jede Ware extrem zeitsensibel zu transportieren.“ Beispielsweise werden in Hamburg zu Wochenanfang immer immense Kapazitäten benötigt, während LKW am Donnerstag herumstehen, erläutert Lafrenz.

Die Erfahrungen der ersten Monate zeigen, „dass wir preislich häufig noch zu ungenau sind“, gibt Lafrenz zu. Um auf beiden Seiten präziser zu werden, „brauchen wir viele Daten“. Dazu beitragen wird die steigende Zahl der registrierten Unternehmen – über 100 Spediteure und rund 1300 Transportunternehmen sind es inzwischen. Und Lafrenz gibt nicht nur fiktive Aufträge ein: zirka 70 reale sind es inzwischen pro Woche und die Zahl der realen Aufträge steigt wöchentlich um etwa 20 Prozent. Für die Gewinnzone reicht das noch längst nicht. Aber dafür haben ihm die Gesellschafter auch noch bis 2019 Zeit gegeben.

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