|  30. März 2017

Evertracker: Künstliche Intelligenz trifft Internet der Dinge

Marc Schmitt, 35 Jahre, ist eigentlich Grafikdesigner. Früher hatte er Geschäftsberichte für Banken erstellt, die dann aber immer erst zu spät oder an die falsche Stelle geliefert wurden. Das nervte ihn. Was folgte, war eine Track-and-Trace-App. Die wollten die Fahrer allerdings nicht und Schmitt dachte längst weiter. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner, dem Schweden Peter Lindqvist (49), entwickelte er eine Internet-der-Dinge-Plattform, eine Art Kommunikationsplattform für bewegliche Gegenstände jedweder Art. So entstand 2014 Evertracker. Für die beiden Gründer war klar: Sie müssen eine Software entwickeln, die aktiv kommuniziert. Hinzu kamen Algorithmen, die vorausschauende Analysen ermöglichen. So lässt sich kalkulieren, inwieweit ein Sendungsstück oder eine ganze Lieferung zu spät oder zu früh kommt."Jetzt für die Logistik News anmelden"

Keine weitere Track-and-Trace-Lösung
Inzwischen hat das Hamburger Softwareunternehmen seine Plattform mit Künstlicher Intelligenz (KI) kombiniert. „Denn nur KI kann Abläufe ununterbrochen analysieren“, sagt Schmitt. Bei Evertracker handelt es sich also nicht um eine weitere Track-and-Trace-Lösung. Evertracker verfolgt keine beweglichen Objekte, sondern lässt sie kommunizieren. Dies geschieht über GPS-Tracker, die Großbriefen, Paketen oder Fahrzeugen beigelegt oder an Containern oder Rollwagen angebracht werden. Die Tracker senden permanent aktuelle Informationen, unabhängig von zum Beispiel RFID-Gates oder Scans. Sie funktionieren überall, solange die Netzabdeckung stimmt. Die Software analysiert die eingehenden Daten sofort und ist in der Lage, Auswirkungen abzuleiten und eigene Schlüsse zu ziehen, die sie über Schnittstellen anderen Unternehmen zur Verfügung stellen kann.

Skalierbarkeit als Basis für weiteres Wachstum
Durch KI wird es also möglich, Standortdaten in Echtzeit zu verarbeiten – mit dem Ziel, Prozesse vollständig zu verstehen, zu verbessern und möglichst zu automatisieren. „Letztlich geht es darum, einen Prozess zu steuern und etwas automatisch auszulösen“, sagt Schmitt. Erst dann erreiche ein Unternehmen Skalierbarkeit in seinem Geschäftsmodell und damit die Voraussetzung für weiteres Wachstum. „Track-and-Trace-Lösungen dagegen produzieren nur Datenmüll“, fügt er hinzu. KI mache nichts anderes, als einen Prozess zu verstehen. „Hat sie das, ist sie beliebig skalierbar und kann Vorhersagen darüber treffen, was in der Logistikkette künftig geschehen wird.“ Dabei geht es nicht vorrangig darum, mögliche Störungen frühzeitig zu erkennen. Im Mittelpunkt steht vielmehr, Abläufe vorauszusehen und damit besser steuern zu können. Schmitt: „Nur wer genau versteht, wie sich etwas durch die Logistikkette bewegt und Informationen darüber erhält, was in der Zukunft passieren wird, kann effizient steuern.“

Wie ein kleines Kind
Je mehr Informationen – zum Beispiel auch Wetter- oder Verkehrsdaten – eine KI bekommt, die dann auch noch miteinander verknüpft werden, desto besser. KI sei vergleichbar mit einem Kind, das sich entwickelt, indem es immer mehr Zusammenhänge versteht und dieses Wissen wieder neu verknüpft. „Einem Kind muss man am Anfang auch ganz viele Informationen geben, bis es irgendwann merkt: Ich lerne, indem ich mir Informationen hole und gezielt Fragen stelle“, sagt Schmitt. „Wir versuchen dem System auch möglichst viel beizubringen, was zeitlich allerdings nur begrenzt möglich ist.“ Damit es schnell lernt, muss es daher so gebaut werden, dass es eine Frage stellt, wenn es etwas Neues erkennt. „Denn Computer machen nur das, was man ihnen sagt.“"Jetzt für die Logistik News anmelden"

Für alle in der Logistikkette
Die Software ist Schmitt zufolge inzwischen sehr weit entwickelt und benötigt für viele Algorithmen keine zusätzlichen Informationen mehr. So ist sie beispielsweise mit den generellen Abhol- und Zustellprozessen vertraut. Einsetzbar ist Evertracker überall dort, wo sich Dinge bewegen. „In einer Logistikkette geht es letztlich um Bewegung, Stopps und Zeit. Das sind für uns die drei wichtigsten Faktoren, die es zu analysieren und zu verstehen gilt.“ Wer letztlich der Anwender ist, hängt davon ab, wer den Mehrwert haben soll. „Wir wenden uns an alle in der Logistikkette“, sagt Schmitt. „Es geht nur um die vorausschauende Analyse von Prozessen mit einer bestimmten Abfolge – alles andere ist egal.“ Evertracker kann gerade auch für Industriefirmen interessant sein, die vermehrt absolute Transparenz über den Materialfluss haben wollen, um Supply-Chain-Prozesse besser kontrollieren und vorausschauend koordinieren zu können. Die Wertschöpfungsnetze werden immer komplexer. So stoßen Unternehmen an die Grenzen der Steuerung. Deshalb ist es wichtig, dass ein Hersteller weiß, ob seine Lieferketten wirklich so gut funktionieren wie angenommen.

Probleme entdecken, Touren überwachen
Evertracker setzt seine Technik bereits in verschiedenen Produkten ein. Kunden können sie sehr schnell einbinden. „Die Software ist einfach anzuwenden, denn der Nutzer muss sie gar nicht bedienen“, sagt Schmitt. Das erste Produkt ist ein Qualitätsmanagement. Dabei zirkulieren Tracker durch ein Zustell- und Abholnetz. So können Logistiker sehen, wo sie Probleme haben.

Auch das zweite Produkt namens Logistics Control dürfte sich vor allem an Logistikunternehmen richten: Hier geht es um die Überwachung von Abhol- oder Zustelltouren. Dabei hat der Fahrer in der Regel einen Tracker bei sich – außer das Unternehmen verfügt bereits über GPS-Systeme, die Echtzeitinformationen senden. In diesem Fall hängt es von den Schnittstellen ab, also wie Evertracker diese Daten bekommt und ob der Anbieter die Daten erhält, die er will. Oder aber es bewegen sich zum Beispiel wichtige Prototypen- oder Ersatzteile durch eine Logistikkette und ein Unternehmen will jederzeit wissen, ob sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. In diesem Fall muss das Paket getrackt werden. Der Preis hängt bei Logistics Control letztlich davon ab, ob Touren oder Pakete im Fokus stehen. Schmitt nennt grundsätzlich Servicegebühren von 15 EUR pro Monat und Tracker für das Logistiktool und 30 EUR für das Qualitätsmanagement. Der Tracker kostet grundsätzlich 99 EUR.

Assets intelligent managen
Das dritte und zugleich jüngste Produkt ist ein Assetmanagement. Mit Assets sind bewegliche Objekte wie Container, Rollwagen oder Wechselbrücken gemeint. Schmitt: „Hier geht es aber nicht um das Verfolgen, sondern um das Steuern, die Umlaufzeit und das Auslösen von Ereignissen?– und damit letztlich um den optimalen Einsatz sowie eine optimale Auslastung der Assets.“ Damit sinken zum einen die Kosten. Zum anderen können Unternehmen überschüssige Kapazitäten an Partner, Kunden oder Drittnutzer verleihen. Das Assetmanagement kostet im ersten Jahr zwischen 49 und 199 EUR und dann zwischen 20 und 120 EUR pro Jahr, je nachdem wie viele Assets ausgestattet werden. Ein viertes Produkt, eine Art Beratungsdienstleistung, befindet sich noch in der Entwicklung. Dabei geht es um das Mapping von Logistikketten. Das ist vor allem für die Industrie gedacht. Dabei zirkulieren die Tracker durch die Lieferkette. Die Unternehmen können so analysieren, wie die Supply Chain funktioniert und schließlich Schwachstellen aufdecken, Prozesse überdenken und so ihre Lieferkette effizienter gestalten."Jetzt für die Logistik News anmelden"

Zusammenarbeit mit Rio-Plattform
Evertracker hat bereits echte Kunden, die also nicht mehr nur Piloten sind. Dabei handelt es sich meist um private Briefdienstleister, Pressevertriebe oder andere kleinere Logistikfirmen. „Wir machen also schon etwas Umsatz, aber noch keinen Gewinn“, sagt Schmitt. Bisher laufe vieles über Mund-zu-Mund-Propaganda. Prominentester Partner ist aktuell Rio. Die Logistikplattform von Volkswagen Truck?&?Bus hatte vor kurzem angekündigt, Ever­trackers Assetmanagement-Lösung integrieren zu wollen. Eigentlich eignet sich Evertracker aufgrund der Skalierbarkeit der Lösung für Großunternehmen. Doch mit diesen ziehen sich die Verhandlungen meist lange hin. In Deutschland laufe im Vergleich zu Skandinavien oder auch Frankreich sowieso alles sehr zäh, sagt Schmitt, weshalb er sich längst nicht mehr nur auf den deutschen Markt konzentrieren will.

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