|  24. April 2017

Spedition Frachtraum: „Der Algorithmus schafft nicht alles“

Drei Männer mit einer Idee: Eine digitale Transportabwicklung, die ebenso einfach zu buchen ist wie ein Buchkauf beim Onlinehändler. Stefan Dörfelt, Mark Kirschbaum und Gabriel Sieglerschmidt haben dieses Konzept Anfang 2016 umgesetzt und in Berlin die digitale Spedition Überland gegründet. Nachdem das US-Start-up Uber die Verletzung von Markenrechten anmahnte wurde der Name Anfang 2017 in Frachtraum geändert.

„Sämtliche Prozessschritte von der Bestellung über die Abwicklung bis zur Rechnungsstellung bilden wir digital ab“, erläutert Sieglerschmidt. Tatsächlich physisch ist lediglich die dahinterliegende Dienstleistung: Straßengütertransporte für Teil- und Komplettladungen im nationalen und europäischen Fernverkehr. Die Kernidee des Start-ups ist, dass alle beteiligten Unternehmen – also Verlader, Transportunternehmen und Spediteur – durch die rein digitalen Prozesse Effizienzgewinne erzielen. So bleibt für alle mehr Gewinn als beim klassischen Speditionsgeschäft. "Jetzt für die Logistik News anmelden"

Gründer mit Logistik vertraut
Alle drei Gründer sind mit den Eigenheiten der Logistikwirtschaft vertraut. Dörfelt war zuvor bei Tchibo in der Logistik beschäftigt, Kirschbaum programmierte Speditionssoftware und Sieglerschmidt unterstützte für SAP Kunden aus dem Speditionssektor. Initialzündung für das Unternehmen war die Erkenntnis, dass selbst in global aufgestellten Konzernspeditionen eine Vielzahl von Aufgaben noch analog erledigt werden. „Ich habe erlebt, wie Frachtbriefe auf der Schreibmaschine geschrieben wurden“, berichtet Sieglerschmidt. Standard in vielen Unternehmen sei Speditionssoftware aus den 1990er Jahren. Datenerfassung geschehe bestenfalls in Excel, Aufträge werden teilweise per Fax bestätigt. „Von Logistik 4.0 ist das weit entfernt“, so der Jungunternehmer. 

Frachtraum ist eine echte Spedition und keine Transportplattform oder digitale Frachtenbörse. „Wir garantieren unseren Auftraggebern die Transporte und die vertraglich vereinbarte Zustellzeit“, bestätigt Sieglerschmidt. Kunden sind klassische Industrieunternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe – meist größere mittelständische Betriebe. Kernbranchen sind der deutsche Maschinen- und Anlagenbau sowie die Verpackungs- und Zulieferindustrie. Der Großteil der Aufträge sind regelmäßige Transporte von festen Kunden, das kurzfristige Tagesgeschäft spielt eine untergeordnete Rolle. Der erste Kunde war ein mittelständischer Betrieb aus dem Berliner Umland, der Kunststoffteile für die Automobilindustrie fertigt. Mittlerweile kommt der Großteil der Auftraggeber aus Süddeutschland und Nordrhein-Westfalen. "Jetzt für die Logistik News anmelden"

Das Berliner Start-up beschäftigt derzeit rund 30 Mitarbeiter. Neben Programmierern und Entwicklern bilden Speditionskaufleute und Vertriebsmitarbeiter den Stamm der Spedition. „Durch die Automatisierung können wir uns sehr schmal aufstellen“, sagt Sieglerschmidt. So entfällt beispielsweise der physische Austausch von Auftrags- und Frachtpapieren. „Durch die digitale Datenbank können wir dennoch eine Protokollgenauigkeit gewährleisten, die in unserem Geschäft erwartet wird", erläutert er. Über ein Dashboard werden Informationen über Be- und Entladestellen, Menge und Art der Ladung sowie spezielle Anforderungen an den Transport bereitgestellt. Kommt es zu Verspätungen und Auftragsänderungen werden diese in einem digitalen Transportjournal festgehalten. Dort können sich Auftraggeber jederzeit über den Zustand ihrer Ladung auf dem Laufenden halten.

Nur Frachtführer mit Selbsteintritt
Die Spedition vergibt ausschließlich Aufträge der Verlader direkt an seine festen Transportpartner und erwartet den Selbsteintritt der Unternehmen. „Wir zahlen gutes Geld“, nennt Sieglerschmidt eines der Hauptargumente, mit denen noch qualifizierte Frachtführer zu finden sind. Trotzdem müssen sich die Partner nicht exklusiv an Frachtraum binden.

Beauftragt werden kleine bis mittelkleine Fuhrunternehmen – vom Einzelunternehmer bis hin zum Frachtführer mit 40 Fahrzeugen. Entsprechend technisch schlecht aufgestellt waren einige der Partner. „Aber genau hier liegt eine unserer Stärken“, ist Sieglerschmidt überzeugt. Nötig für die Anbindung sei letztendlich nur ein Fahrer mit Smartphone. „98 Prozent der Fahrer nutzen zumindest privat ein Smartphone. Da kommen sie auch mit unserer App klar.“ Es gebe zwar vereinzelt ältere Fahrer, die ihr Leben lang alle Aufträge auf Papier abgewickelt haben und jetzt zum Ende ihres Arbeitslebens den „neumodischen Schnickschnack“ ablehnen – aber das sei die Ausnahme.

Keine Dumpingpreise
Bei grenzüberschreitenden Transporten setzt Frachtraum auf größere, sorgfältig ausgewählte Transportunternehmen aus Osteuropa – etwa Polen. Innerhalb Deutschlands fahren jedoch nahezu ausschließlich einheimische Frachtführer für das Berliner Start-up. „Wir können mit Transportaufträgen, die 80 Cent pro Kilometer bieten, nichts anfangen“, betont Sieglerschmidt. „Logistik-Einkäufer, die nur auf den Preis achten und denen die Qualität egal ist, werden bei Frachtraum nicht glücklich.“

Die eingesetzte Software ist komplett selbst programmiert. Nach seinen Erfahrungen mit gescheiterten IT-Großprojekten bei Speditionskonzernen bezeichnet es der ehemalige SAP-Mitarbeiter als „großes Privileg“ ohne Last der Vergangenheit eine Spedition von Grund auf neu aufzubauen. „Wir entwickeln unsere Software ohne Rücksicht auf eingeschliffene Prozesse und vorhandene Mitarbeitergewohnheiten“, sagt Sieglerschmidt. „Genau an solchen Nicklichkeiten scheitern viele der millionenteuren IT-Projekte.“

Der von Frachtraum beauftragte Fahrer muss im Laufe des Arbeitsauftrags wenige Male auf sein Smartphone tippen – dann laufen alle Prozesse automatisch. Der Frachtführer muss keine Rechnung ausdrucken und keine Papiere zusammenstellen – das geschieht alles digital. Mittels einer Buchungsplattform und einer App für das Smartphone des Fahrers hat die Spedition jederzeit Zugriff auf den Auftrag. „Wir wissen, welcher Fahrer von welchem Unternehmen an der Rampe steht“, sagt Sieglerschmidt.

Voraussetzung für Effizienzgewinne sind genügend Transportvolumen und eine große Auswahl im verfügbaren Fahrzeugpool. „Auf den Rennstrecken ist dies kein Problem, doch es geht eben auch um Transporte vom Sauerland nach Ostholstein“, weiß der Speditions-Geschäftsführer.  Verfügbare Kapazitäten bei gleichzeitig hoher Nachfrage sei die große Herausforderung. Aktuell können seine Disponenten auf eine Flotte von mehreren 1000 LKW zurückgreifen. Je dichter das Netz, desto günstiger kann die Spedition produzieren.

Persönlicher Kontakt versus Algorithmus
„Die Disposition funktioniert noch nicht zu 100 Prozent vollautomatisch“, betont Sieglerschmidt. „Aber wir machen es unseren Disponenten so einfach wie möglich.“ Dass nicht alles von einem Algorithmus gesteuert werden kann, war eine der Lektionen, welche die drei Gründer des Start-ups lernen mussten. Eine persönliche Beziehung zwischen Disponenten und Transportunternehmer helfe, viele Konflikte erst gar nicht entstehen zu lassen. „Unsere Mitarbeiter pflegen zu unseren Frachtführern einen engen Kontakt“, sagt Sieglerschmidt.

Grundsätzlich zeigt ein Blick in das Frachtraum-Onlineportal den Transportpartnern, welche Aufträge aktuell verfügbar sind. Wenn allerdings in einem definierten Zeitfenster kein Frachtführer gefunden wurde, greifen die eigenen Disponenten zum Telefon. „Es gab schon schwierige Aufträge – doch bisher haben wir in unserem Netzwerk immer eine Lösung gefunden“, berichtet Sieglerschmidt.

Der Einsatz von Frachtenbörsen sei tabu. Die Unternehmensgründer wollen, dass der Leistungserbringer einen wesentlichen Teil des erwirtschafteten Ertrags erhält: „Wenn wir den Auftrag über mehrere Ebenen von einem Subunternehmer an den nächsten weiterreichen, dann landet bei dem letzten Glied nur ein kümmerlicher Rest des Geldes. Davon kann niemand leben und keine gute Qualität erwarten.“ Bezahlt werden die Frachtführer innerhalb von 14 Tagen nach Leistungserbringung. „Diese faire Partnerschaft hilft uns auch in kniffligen Situationen“, ist Sieglerschmidt überzeugt. "Jetzt für die Logistik News anmelden"

„Digitalisierung in die Speditionswelt zu tragen war schwieriger als zunächst gedacht“, lautet das Zwischenfazit Sieglerschmidts. Doch die Überzeugungsarbeit des Gründerteams trägt Früchte. Knapp ein Jahr nach dem Start lassen sich immer mehr Verlader von der Idee einer digitalen Spedition überzeugen.

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