|  21. September 2017

Verlader nutzen Dumpinglöhne der ausländischen Frachtführer

Warum klappt es in Deutschland nicht, LKW-Fahrern mehr Lohn zu zahlen und das Image zu verbessern und damit dem Fahrermangel entgegenzuwirken? Mit diesem Vorschlag, der in der Weltbankstudie aufgeworfen wird, stößt man bei Adalbert Wandt, Präsident Bundesverband Güterverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), offene Türen auf. Wandt, der gleichzeitig Gesellschafter der gleichnamigen Spedition in Braunschweig ist, würde ebenso gerne wie all seine Kollegen die Löhne anheben. Aber: Dafür müssen die Frachten angehoben werden, wie auch in der Weltbankstudie vorgeschlagen wird.

Klingt schlüssig, ist aber nicht immer durchsetzbar. „Denn trotz der Einführung des leider bisher immer noch nicht ausreichend kontrollierten Mindestlohnes können viele Verlader und Spediteure gebietsfremde Frachtführer zu Dumpinglöhnen nutzen“, kritisiert Wandt. „Die bewusste Verwechslung von Dienstleistungsfreiheit und Niederlassungsfreiheit hat im großen Stil das Sozialdumping gefördert.“ Zudem sei es durch die EU-Erweiterung 2004 für die Unternehmen aus Nachbarstaaten einfach geworden, Kabotage in Deutschland zu betreiben

Kontrollen nicht ausreichend
Wandt ist erschüttert, in welchen Größenordnungen Lohnsteuer hinterzogen wird. Und auch, in welchem Maß Sozialversicherungsbetrug begangen und nicht erfolgreich geahndet wird, obwohl Arbeitskräfte mehr als 183 Tage pro Jahr in Deutschland arbeiten. „Das gilt sicher nicht nur im Fernverkehr“, ist sich Wandt sicher.

Wie konnte es zu dieser Entwicklung hinsichtlich fehlender Fahrer kommen? „Das Transportvolumen ist durch eine sehr günstige Entwicklung für unsere Volkswirtschaft gestiegen und der Anteil des Straßengüterverkehrs bleibt auf hohem Niveau, versucht Wandt eine Erklärung abzuleiten. Außerdem seien in Deutschland  in den vergangenen Jahren zu wenige Kinder geboren worden, so dass sich die Auswirkungen inzwischen deutlich zeigen. „Es ist nicht das Problem einer demographischen Entwicklung, sondern ein deutlicher Mangel. Ein Mangel an Menschen und erst in der Konsequenz der Fachkräftemangel“, betont der BGL-Präsident.

Viele Fahrer gehen in Rente
So habe das Ifo-Institut ermittelt, dass allein in der Generation zwischen 25 und 40 Lebensjahren – ein günstiges Alter für junge Selbständige, Gründer und mutige Unternehmensnachfolger – mittlerweile 2,7 Mio. Menschen in Deutschland fehlen. Das trifft insbesondere neben den Verkehrsberufen die Handwerker, die Pflege, Sicherheitskräfte und auch die Bundeswehr. „Es würde mich nicht erstaunen, wenn wieder eine Wehrpflicht eingeführt würde“, meint Wandt.

Nicht zu unterschätzen sei neben der günstigen Entwicklung des LKW-Transportaufkommen auch der „Aderlass“ durch benötigte Fernbusfahrer. Auch seien verstärkt andere Branchen, wie die Möbelhäuser, auf Berufskraftfahrer angewiesen. „Selbst Einzelunternehmen und Konzerne sowie der Werkverkehr und die Industrie finden oft keine Kraftfahrer mehr“, beschreibt Wandt die Situation.

Sind Abwerbeprämien, wie in der Weltbankstudie aus den USA geschildert, eine Lösung? Wandt wehrt ab: “Dadurch wird die Anzahl der zur Verfügung stehenden Berufskraftfahrer nicht größer, sondern es ergeben sich lediglich Verschiebungen.“ Aber: „Auch in unserem Land werden gelegentlich finanzielle Anreize für das Anwerben eines neuen Kollegen geboten. Eine Größenordnung dürfte rund bei 500 EUR liegen.“

Bundesagentur fördert junge Fahrer
In welchem Maße ist der Staat gefordert, Abhilfe zu unterstützen? „Die Bundesagentur für Arbeit (BA) fördert junge benachteiligte Personen  sowie Flüchtlinge“, weiß Wandt. Und: Im Konzept sei auch das begleitete Fahren ab 17 Jahren für LKW vorgesehen. Wobei als Zielgruppe nur Auszubildende  für eine dreijährige Berufskraftfahrerausbildung dafür in Betracht kommen sollten. Diese haben nicht nur die Führerscheinprüfung und die Berufskraftfahrerprüfung zu absolvieren, sondern müssten sich auch einer Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) unterziehen. Dieser Vorschlag werde vom BGL unterstützt, sei aber nicht einfach EU-weit durchzusetzen.

Aber auch in Deutschland gibt es ein Problem mit dem frühen Führerschein. „Auch andere Verkehrsverbände lehnen dies ab. Die Initiative werden wir weiter verfolgen“, erklärt Wandt. So bestehe eine Arbeitsgruppe zur Nachwuchsgewinnung beim Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, an der der BGL aktiv mitwirke.

Mauterträge für Ausbildung
Die Ausbildung von Jugendlichen werde auch durch finanzielle Maßnahmen des Bundesamtes für Güterverkehr (BAG) aus Mauterträgen zu Gunsten deutscher Unternehmen gefördert. „Hier ist der BGL ein harter und konsequenter Verhandlungspartner der jeweiligen Bundesregierungen gewesen“, betont der BGL-Präsident. „Das gilt nach wie vor und hat Transportunternehmen durchaus schon sechsstellige Zahlungen zufließen lassen. Ausbildung lohnt sich also mehrfach“, erklärt Wandt.

Erfolg mit Jugendlichen aus anderen Ländern
Der BGL-Präsident weiter: „Ein Mobi-Pro-EU-Projekt begleitet Firmen, die arbeitslose Jugendliche aus anderen EU Staaten einstellen. Gute Erfahrungen gibt es mit Kroatien, Spanien, Portugal und Italien. In Polen finden sich kaum noch Arbeit suchende Kraftfahrer, zumal sie von dort aus bei auskömmlichen Löhnen dem Fahrerberuf nachgehen können.“

Was können die LKW-Unternehmer unternehmen, um dem Mangel entgegenzuwirken? „Was wirkt - natürlich die Mitarbeiter zu halten, die im Unternehmen sind“, rät der Unternehmer. Ob durch familiäre Rücksichten, Änderung in den Dienstplänen und  Freizeiten oder Teilzeitbeschäftigungen - es sollte soweit möglich Verständnis für die Fahrerbelange entgegengebracht und umgesetzt werden. Aus Fahrersicht seien auch optimierte Arbeitsplätze, beispielsweise mit Standklimaanlage, besser koordinierte Heimfahrten und in Einzelfällen Fahrkostenzuschüsse sinnvoll.

Wohnraum für Fahrer und deren Familien suchen
Was sonst noch zu beachten ist? Eine nicht zu unterschätzende Sorge bleibe die Wohnraumsituation. „Wenn wir Familien ermöglichen wollen, ist je nach Region dringend aktive Unterstützung bei der Wohnungssuche anzuraten. Jeder, der es wünscht, soll eine Partnerin oder Partner finden“, betont der BGL-Präsident. Denn dieser Beruf sei zur Versorgung  der Bevölkerung dauerhaft sicher und sichere allgemeinen volkswirtschaftlichen Wohlstand.

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