18. Juni 2018

Nach Amazon-Kritik: Deutsche Umwelthilfe fordert Bußgelder und Reformen

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert von Handelsunternehmen wie Amazon den sofortigen Stopp der systematischen Zerstörung von Retouren und unverkauften Produkten. Die massenhafte Warenvernichtung sei gesetzeswidrig.

Die Vernichtung funktionstüchtiger Produkte ohne triftigen Grund verstößt laut DUH gegen das Kreislaufwirtschaftsgesetz und bei Elektrogeräten zusätzlich gegen das Elektro- und Elektronikgerätegesetz. Produkte müssten auf eine Wiederverwendung geprüft und Abfälle vermieden werden. Die DUH fordert Vollzugsbehörden der Länder daher zu „zielgerichteten Kontrollen und Verhängung abschreckender Bußgelder“ auf.

Auch rückgesandte Produkte mit leichten Gebrauchsspuren dürften nicht grundlos vernichtet werden. Das Negativbeispiel Amazon zeige, dass sich die Politik von dem insgesamt gescheiterten Instrument der Selbstverpflichtungserklärungen verabschieden müsse. Wiederverwendungsquoten und eine ökologische Steuerreform seien notwendig.

„Dass es für Unternehmen attraktiver ist, neue Produkte oder Produkte mit kleinen Mängeln zu zerstören, statt diese zu spenden oder als Gebrauchtware zu verkaufen, zeigt, dass etwas gewaltig schiefläuft. Die ökologisch sinnvolle Wiederverwendung von Geräten wird durch den Gesetzgeber nicht gefördert, sondern systematisch gebremst“, kritisiert der stellvertretende DUH-Leiter für Kreislaufwirtschaft Philipp Sommer. Nach amtlichen Statistiken werden von etwa 723.000 t korrekt erfassten Elektroaltgeräten lediglich etwa 15.000 t für eine Wiederverwendung vorbereitet.

Amazon wegen Entsorgung in der Kritik

Amazon war wegen der Entsorgung von Retouren und nicht verkauften Artikeln in die Kritik geraten. In den deutschen Logistikzentren des US-Unternehmens würden in großem Umfang Waren entsorgt, berichteten das ZDF-Magazin „Frontal 21“ und „Wirtschaftswoche“. Dazu zählten Kühlschränke, Wasch- und Spülmaschinen, Handys, Tablets, Matratzen und Möbel.

Dem Bericht zufolge kritisierten mehrere Mitarbeiter, auch funktionstüchtige, teils sogar neue Produkte würden zerstört. Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth forderte Amazon laut Bericht auf, die Vorwürfe aufzuklären: „Das ist ein riesengroßer Skandal, denn wir verbrauchen auf diese Weise Ressourcen mit allen Problemen insgesamt auf der Welt.“

Amazon erklärte dazu, für zurückgegebene oder nicht verkaufte Produkte gebe es mehrere Programme, um die Entsorgung weiter zu reduzieren. „Wenn Produkte nicht verkauft, weiterverkauft oder gespendet werden können, arbeiten wir mit Aufkäufern von Restbeständen zusammen, die diese Waren über andere Kanäle weiterverkaufen.“

Retouren als Bestandteil des Geschäftsmodells

Die hohe Zahl der Retouren ist für Onlinehändler generell ein Problem, da viele Kunden Waren quasi zur Ansicht kaufen – diese Artikel gehen oft beschädigt oder mit Gebrauchsspuren zurück. In einigen Segmenten gehören Retouren sogar zum Geschäftsmodell, so zum Beispiel im Modebereich. Einer aktuellen Umfrage des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI zufolge kann etwa jeder zweite Händler 80 oder mehr Prozent der retournierten Artikel als A-Ware wiederverkaufen. Vergleichsweise wenige Händler – aber dennoch immerhin fast 10 Prozent der Befragten mit einer Retourenquote von über 0 Prozent – können gar keine oder nur vereinzelt Artikel wiederverkaufen.

„Händler möchten Retouren natürlich so gering wie möglich halten, das ist aber nicht immer möglich. Bei retournierter Ware lässt der Zustand der Artikel einen Wiederverkauf als A-Ware nicht immer zu“, sagt Andreas Kruse, Leiter Geschäftsentwicklung beim EHI. Etwa jeder dritte befragte Händler, bei dem Retouren anfallen, bittet in bestimmten Fällen die Kunden sogar, die Artikel trotz Retourenanmeldung und -gutschrift nicht zurückzusenden.

Denn eine Rücksendung von Artikeln, die ohnehin nicht aufbereitet und wieder vermarktet werden können, würde nur unnötige Kosten verursachen und wäre daher laut EHI wirtschaftlich nicht sinnvoll. Händler, die ihre Kunden bitten, bestimmte Artikel trotz Retourenanmeldung nicht zurückzusenden, sind in sämtlichen untersuchten Produktsegmenten zu rund einem Viertel bis zu rund einem Drittel vertreten. Die größten Kostentreiber im Retourengeschäft sind die Qualitätskontrolle und Identifikation der Artikel, Porto und Transportkosten sowie die Aufbereitung der Produkte.

Amazon ist kein Einzelfall

Zuletzt hatte die DUH bei Amazon und anderen Versandunternehmen massive Verstöße gegen die Rücknahmepflicht ausgedienter Elektrogeräte festgestellt und mehrere Rechtsverfahren eingeleitet. Von Bundesumweltministerin Svenja Schulze fordert die DUH, „die schon seit Jahren überfälligen“ gesetzlichen Wiederverwendungsquoten für Elektrogeräte und Sperrmüll einzuführen. Zudem müsse die Bundesregierung die Mehrwertsteuer endlich nach ökologischen Kriterien reformieren.

Der DUH liegen konkrete Hinweise darüber vor, dass in vielen deutschen Recyclinganlagen neuwertige Elektrogeräte geschreddert und nicht auf die Möglichkeit einer Wiederverwendung hin überprüft werden. „Oft verlangen die Händler oder Hersteller dies von den Anlagenbetreibern. Auch auf vielen deutschen Wertstoffhöfen werden alte Möbel, die lediglich kleine Macken haben, in die Müllpresse gegeben und nicht in Sozialkaufhäusern verkauft oder gespendet“, teilt die DUH weiter mit.

„Die massenhafte Vernichtung von Elektrogeräten, Möbeln oder Textilien zeigt uns, wie weit sich Deutschland vom gefühlten Umwelt- und Klimaschutz-Vorreiterimage tatsächlich entfernt hat. Unter den Augen der für den Gesetzesvollzug zuständigen Behörden werden völlig unnötig Ressourcen verschwendet und das Klima belastet“, sagt DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch.

Die Umwelthilfe ist bereits mehrfach rechtlich gegen Amazon vorgegangen, da der Händler unter anderem Elektroschrott nicht ordnungsgemäß zurücknahm. „Außerdem lässt das Unternehmen bis heute den rechtswidrigen Verkauf pfandpflichtiger Einweg-Getränkeverpackungen ohne Pfand oder den illegalen Vertrieb unregistrierter Elektrogeräte über seine Marktplätze zu“, teilt die DUH weiter mit.

Resch fordert die zuständigen Überwachungsbehörden – im Fall der zwei großen deutschen Amazon-Logistikzentrum das Regierungspräsidium Kassel und die Stadt Leipzig – dazu auf, den aktuellen Hinweisen „umgehend nachzugehen und gegen rechtswidrige Entsorgungspraktiken von Amazon konsequent vorzugehen“.

Anreize für die Zerstörung neuer Waren

Aus Sicht der DUH bedarf es auch einer ökologischen Reform des deutschen Mehrwertsteuer-Systems, das „absurde finanzielle Anreize für die Zerstörung neuer Waren“ gebe. „Es kann nicht sein, dass Wegwerfen günstiger ist als Weitergeben. Der Verbrauch an Ressourcen muss teurer und umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen günstiger werden. So sollte für gebrauchte Waren oder Reparaturen der Mehrwertsteuersatz auf 7 Prozent reduziert und für gespendete Produkte komplett gestrichen werden“, fordert Resch.

Und damit möglichst viele der bei Herstellern, Händlern oder Wertstoffhöfen als Abfall erfassten Waren erneut genutzt werden, sollte die Bundesregierung laut DUH Unternehmen und Kommunen dazu verpflichten, vor allem zurückgenommene Elektrogeräte und Möbel zu einem Anteil von mindestens 15 Prozent für eine Wiederverwendung vorzubereiten. Das mit dem Elektrogerätegesetz vom 20. Oktober 2015 beschlossene Separierungsverbot sollte gelockert werden, sodass Altgeräte zum Zweck der Wiederverwendung auf den Wertstoffhöfen getrennt werden dürfen, fordert die Umwelthilfe weiter. (cs/dpa)

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