|  27. April 2016

Mauerfall hat Bos Spedition groß gemacht

Pirzola findet Osman Sönmez unwiderstehlich. Die Lamm-Rippchen auf türkische Art werden mit Zitronenthymian, Zimt und frischem Knoblauch zubereitet. „Ich esse gern Fleisch, mehrmals in der Woche“, sagt der Spediteur. Als Vegetarier wäre er in seinem Job auch falsch.

Der 52-Jährige ist Geschäftsführer der Bos Spedition mit 90 Beschäftigten in Berlin-Reinickendorf, spezialisiert auf Fleisch- und Frischelogistik. Im temperaturgeführten Hakenlager am Firmensitz im Bos-Gewerbepark wird bei 0 bis 4 Grad Celsius Hängeware durch Rohrbahnen und Palettenware und Wannen umgeschlagen. Das Fleisch stammt zu 40 Prozent vom Rind, zu 60 Prozent vom Schwein. Es riecht nicht, hier herrschen hohe Hygienestandards.

In Reinickendorf werden Mehrkammerfahrzeuge, die mit Rohrbahnen ausgestattet sind, für den Nahverkehr in Berlin und Brandenburg beladen. Sie beliefern hauptsächlich den Lebensmitteleinzelhandel. „Die Fernzüge laden direkt bei den Schlachthöfen“, erklärt Sönmez.

Derzeit verfügt die Spedition über 55 eigene Fahrzeuge, eine Hälfte davon ist im Nahverkehr im Einsatz, die andere im Fernverkehr. Zum Jahreswechsel 2015/16 hatten sämtliche Fernzüge Euro-6-Motoren. Die Auflieger verfügen über ein Ladevolumen von 33 Europaletten (66 Paletten Doppelstock) und sind mit einer Kühlmaschine ausgerüstet.

Fernverkehr in viele Länder

Der Fernverkehr bedient zu 60 Prozent deutsche Ziele und zu 40 Prozent Ziele in EU-Ländern. Die Sattelzüge sind regelmäßig nach Österreich, Italien, Polen, Tschechien oder in die Niederlande unterwegs. Seit Oktober 2010 beliefert die Spedition auch Kunden außerhalb der EU im Carnet-Tir-Verfahren.

„Wir transportieren auch ein bisschen Sammelgut mit Partnern, auch außerhalb Europas, aber das ist nicht unser Kerngeschäft“, stellt Sönmez klar, der als Siebenjähriger mit seiner Familie aus der Türkei nach Westberlin übersiedelte. Bei Sammelgutverkehren arbeitet die Bos Spedition mit einer Kooperation zusammen.

Die Nahverkehrsflotte, die LKW mit unterschiedlichem Ladevolumen umfasst, wird in diesem Jahr nach und nach modernisiert. „Wir wollen den Fuhrpark permanent erneuern und investieren viel“, betont Sönmez. 2014 seien 3 Mio. EUR in die Flotte geflossen, für 2016 habe er Aufträge im Wert von 850.000 EUR unterschrieben. Das entspricht 10 Prozent des Jahresumsatzes 2015.

Die ersten neuen Nahverkehrsfahrzeuge wurden im Februar ausgeliefert. Euro-6-Motoren, eine „Flüsterkühlung“, Ladebordwand und Rohrbahnausstattung gehören zum Standard. Außerdem sind jetzt im Nah- wie im Fernverkehr alle Fahrzeuge mit dem Telematiksystem Dynafleet ausgerüstet. Das soll die Disposition weiter verbessern.

Schon das vergangene Jahr hatte „aufregend angefangen“, berichtet Sönmez, mit mehreren neuen Großkunden in Mecklenburg-Vorpommern. Pro Woche fallen dafür circa 70 bis 90 LKW-Ladungen an. Dafür wurden 15 neue Mitarbeiter eingestellt und 8 zusätzliche Sattelzüge angeschafft. „Wir müssen sehr kurzfristig reagieren. Abends kommen die Daten, frühmorgens muss der LKW an der Rampe stehen. Dafür braucht man ein tolles Team mit Erfahrung“, berichtet der Spediteur. 70 Prozent der Verkehre für diese Kunden seien in Deutschland unterwegs, 30 Prozent innerhalb der EU.

„Ich würde gern selbst wieder LKW fahren“, sagt Sönmez unvermittelt. Denn so fing der ursprüngliche Versicherungskaufmann 1988 im Transport- und Logistikgewerbe an: Mit Hilfe seines Vaters kaufte er sich damals einen 17 Jahre alten Daimler Benz 808. Als ein Jahr später die Berliner Mauer geöffnet wurde, lud er seinen LKW voll Schokolade und verteilte sie im Ostteil der bis dahin geteilten Stadt. „Ohne Mauerfall wäre es wahrscheinlich bei einem Einmannbetrieb geblieben. Ich verdanke mein Unternehmen der Wiedervereinigung“, meint Sönmez rückblickend.

Rasante Entwicklung hingelegt

1992 begann der Ausbau zu einem soliden mittelständischen Unternehmen: Ein Kühllager wurde angemietet, der Fuhrpark aufgestockt und die Zusammenarbeit mit Subunternehmern begonnen. Bos-Fahrzeuge fuhren in Berlin sowie im Umland frische Produkte aus. Parallel startete die Zusammenarbeit mit zwei großen Lebensmitteleinzelhändlern. 1993 waren schon 30 Fahrzeuge unter Bos-Flagge auf der Straße. Ab Mitte der 1990er Jahre stieg die Spedition für einen großen Geflügelproduzenten in den nationalen Fernverkehr ein.

2013 wurde der Firmensitz vom Berliner Großmarkt in den Gewerbepark des ehemaligen Edeka-Zentrallagers verlegt. Von hier belieferte die Spedition für den früheren Kunden Edeka 1993 bis 1996 den Lebensmitteleinzelhandel.

Im dritten Stock ging Sönmez früher in die Kantine, heute wohnt er dort mit seiner Partnerin. In ihrer Freizeit gärtnern beide im Gewerbepark und bald auch auf dem Lagerdach. Sönmez will ein 1000 m² großes Gründach anlegen. Dabei kann er neue Pläne für die Bos Spedition schmieden. So will er dieses Jahr anfangen, selbst Kraftfahrer auszubilden. Außerdem würde der überzeugte Berliner („Berlin ist keine Stadt, sondern eine Einstellung“) gern Flüchtlinge einstellen. Und zwischendurch überkommt ihn immer wieder mal die Sehnsucht nach einem saftigen Döner.

1988 fing Osman Sönmez in Westberlin als selbstfahrender Unternehmer mit einem LKW an. Heute beschäftigt das Unternehmen 90 Personen und ist mit 55 Fahrzeugen auf Transporte von Fleisch, Geflügel, Molkereiprodukten, Obst- und Gemüse sowie Tiefkühlware spezialisiert. Die Services umfassen Nah- und Fernverkehr, Lagerlogistik und -vermietung sowie externe Fahrzeuggestellung und Stückgutlogistik. 2015 lag der Umsatz bei 8,5 Mio. EUR, das Betriebsergebnis ist positiv. Seit 2013 ist der Firmensitz in Berlin-Reinickendorf im 44.000 m² großen Bos-Gewerbepark, dem ehemaligen Edeka-Zentrallager. 1200 m² belegt die Spedition selbst, es gibt über 30 Mieter.

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