|  25. April 2016

Rüdinger auf dem Weg zur Logistik 4.0

Der Krautheimer Spediteur Roland Rüdinger erzählt die Anekdote gern: „Als wir vor zwei Jahren ins Luftfrachtgeschäft einstiegen, war die erste Anschaffung ein Nadeldrucker.“ Nur der schaffte die sechs Formulardurchschläge für die Auftragsabwicklung. „Industrie 4.0 sieht anders aus“, sagt Rüdinger. Er hat sein Familienunternehmen umgekrempelt, um seinen Kunden mehr Präzision und Transparenz zu bieten. „Baden-Württemberg ist das Land der Maschinen- und Anlagenbauer. Der Transport ihrer Güter erfordert gute Produktkenntnisse und eine ausgefeilte Logistik, unsere Kernkompetenz“, berichtet der Firmenchef.

Dafür investiert er in Technik, schult Mitarbeiter und feilt an Prozessen. Jüngste Anschaffung zur Optimierung ist ein „Apache“-Mess-Wiege-System, das auf sein übergroßes Stückgut von Konstruktionsteilen über Lichtkuppeln bis zu Spritzgusswerkzeugen oder Ventilatoren ausgelegt ist. Nach dem Entladen wird alles auf der fest installierten Anlage in der Umschlaghalle innerhalb von Sekunden gewogen und mit Scannern und Kamera erfasst und vermessen.

„Jedes Stück erhält einen Aufkleber mit den exakten Messdaten. Diese werden zudem automatisch in unser Disposystem eingespeist. So können wir unsere LKW sicher und effizient beladen“, erläutert Rüdinger. Bei fehlerhaften Angaben werden Kunden per Mail informiert. Probleme gebe es dabei nicht, auch wenn er nach dem Wiegen und Messen öfter den Preis nach oben berichtige. „Unsere Auftraggeber kommen aus der Industrie. Dort zählt Präzision, und die bekommen sie von uns“, sagt er selbstbewusst.

Weiterer wichtiger Bestandteil seiner Optimierungsstrategie: In der Umschlaghalle dokumentieren 50 Kameras rund um die Uhr das Geschehen. Die Bilder und Daten fließen in die Speditionssoftware ein. „Wir kennen jederzeit den Standort der Waren“, betont der Logistiker. Die Bilddokumentation bringt weitere Vorteile. Qualitätsdefizite werden nachvollziehbar und können aufgearbeitet werden. Etwa wenn es zu Transportschäden gekommen sei. Diese konnte Rüdinger deutlich drücken. Das spricht sich herum.

Zu Rüdingers Kunden zählt auch die Aluca GmbH aus Rosengarten. Das Unternehmen, das Fahrzeugeinrichtungen aus Aluminium produziert und im Premiumbereich unterwegs ist, hat ihm den deutschlandweiten Transport übertragen. Aluca-Marketingleiter Claudius Boos sagt: „Wir fertigen individuell nach Kundenwunsch, kein gefertigtes Modul gleicht dem anderen.“ Für die zuverlässige logistische Abwicklung seiner hochwertigen Produkte setzt Aluca auf Rüdinger. „Die Schadensquote beim Transport ist erfreulich niedrig.“

Fahrer bekommen Tablet

Auch in Rüdingers Fahrzeugflotte haben IT und moderne Kommunikation Einzug gehalten. Jeder Fahrer hat heute ein Tablet samt spezieller Software an Bord. Über 1000 EUR hat der Logistiker dafür pro Fahrzeug eingesetzt. „Elektronisch übermitteln wir den Fahrern neue Aufträge. Die Route können sie automatisch ins Navi übernehmen“, erklärt er. Von der Krautheimer Zentrale aus kann er jederzeit den exakten Standort seiner Fahrzeuge und der Waren, aber auch Lenkzeiten oder Geschwindigkeit über GPS-Ortung und Track-&-Trace-Systeme softwaregestützt nachvollziehen. Das erleichtert dem AEO-F-zertifizierten Logistiker den effizienten Einsatz seiner Flotte. Selbst der Betriebsrat trage die Dokumentation in Umschlaghalle und Fahrzeugen mit. „Von dieser Transparenz profitieren unsere Kunden und Mitarbeiter“, unterstreicht der Chef, der sich mit allen Mitarbeitern vom Azubi bis zum Werkstattleiter duzt.

60 Prozent weniger Reifenpannen

Um die Fahrzeugflotte kümmert sich die hauseigene Meisterwerkstatt im Schichtbetrieb. Als Vorreiter seiner Branche sieht sich Rüdinger mit einer Anlage, die automatisch bei der Einfahrt aufs Firmengelände Achslast, Reifendruck und -profil prüft. „Reifenpannen haben wir so um über 60 Prozent gesenkt. Das bringt mehr Termintreue und Sicherheit auf den Straßen“, freut sich der Krautheimer, der trotz Managementaufgaben weiter als VDI-Ladungssicherheitstrainer aktiv ist.

Hunderttausende Euro hat er in den letzten Jahren in moderne IT-Prozesse investiert. Seine Begeisterung für Innovationen sei aber kein Selbstzweck: „Sie müssen einen Mehrwert an Sicherheit, Präzision oder Transparenz bringen.“ Ausgereizt sei die Entwicklung noch nicht. „Wir haben jetzt viele Daten und Erfahrungen gesammelt. Die Daten werden wir nun noch systematischer auswerten, um Prozesse weiter zu optimieren“, wirft Rüdinger einen Blick auf die bevorstehenden Arbeitsschritte. Industrie 4.0 lebe davon, dass die Unternehmen untereinander vernetzt intelligentere und effizientere Lösungen bringen. „Als Dienstleister der Industrie sind wir Teil dieses Prozesses. Wir produzieren Logistik“, gibt er die Marschrichtung vor.

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