|  04. Mai 2015
aktualisiert am 12.08.15 14:09h

Sünkler fährt auf Pharma und auf Zalando ab

Mit seinen beiden Lastzügen pendelte Erich Sünkler zwischen Berlin und Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, hin und her. Der KFZ-Meister hatte 1929 in Berlin-Charlottenburg sein Fuhrunternehmen eröffnet und transportierte mit einem Kollegen seitdem Waren aller Art – immer auf der R1, der damaligen Reichsstraße. Das waren abenteuerliche Fuhren, die weitgehend ohne Termindruck verliefen und nicht selten beim Kollegentreff im Rasthaus für längere Zeit unterbrochen wurden.

Der Krieg setzte dieser rund zehnjährigen Truckerromantik ein jähes Ende. Sünkler kämpfte an der Ostfront und kam in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Als er 1946 in das zerstörte Berlin zurückgekehrt war, begann er seine einstige Fuhrgewerbetätigkeit zu reaktivieren. Keine leichte Aufgabe. „Es war absolut nichts mehr vorhanden, weder Lastwagen noch Anhänger“, erinnert sich Martin Hempel, der damalige erste Obermeister der Nachkriegsinnung des Berliner Fuhrgewerbes. Einen halbwegs fahrbereiten Lastwagen zu finden war fast wie ein Lottogewinn. „Reifen waren schwer oder gar nicht zu beschaffen. Ersatzteile gab es fast nur auf dem Schwarzmarkt“, schildert Hempel die damalige Situation.

Von Westberlin nach Hamburg

Irgendwie gelang es Sünkler dennoch, an einen brauchbaren Transporter zu kommen. Mit dem fuhr er Schutt und Baustoffe in und um Berlin. Anfang der 1950er Jahre stieg der Unternehmer dann wieder in den Fernverkehr ein – diesmal Richtung Westen. Doch dafür bedurfte es einer Güterfernverkehrskonzession. Sünkler erhielt als 16. dieses Dokument. Die entsprechende Genehmigungstafel gehört zu den historischen Accessoires der heutigen Speditionsräume in Berlin-Reinickendorf. Seine drei Lastzüge rollten dann auf der legendären B5 ständig zwischen Westberlin und dem Hamburger Hafen – bis in die 1960er Jahre.

1959 verstärkte zunächst Sohn Manfred den väterlichen Fuhrbetrieb. Doch sehr lange hielt der junge Hoffnungsträger nicht durch. Denn Sünkler senior regelte die Dinge stets mit einer gewissen Derbheit. Diese harte und schwere Schule behagte dem Nachwuchs nicht. So schmiss er hin, um anderenorts eigene Erfahrungen zu sammeln. 1975 übernahm Manfred Sünkler die Geschäfte dann doch. Zu diesem Zeitpunkt war das Fuhrunternehmen bereits Hausspediteur bei der in Berlin ansässigen Schering AG, die heute als Bayer Pharma AG firmiert. „Und das sind wir bis heute“, sagt Michael Sünkler, der nun in dritter Generation das inzwischen 86-jährige Familienunternehmen führt.

Für den Jungen Abenteuer pur

Schon als Vorschulkind konnte Michael mit Papa mitfahren – meist gingen die Touren ins Ruhrgebiet. Bei den innerdeutschen Grenzkontrollen musste er zwar brav im LKW bleiben, aber über die Außenspiegel beobachtete er, wie die Grenzbeamten den Laster untersuchten. Eine spannende Sache für den Fuhrunternehmerspross. Dagegen musste er sich immer in der Fahrerkabine verstecken, wenn Vater Manfred bei den Pharmafirmen auf die Höfe fuhr, um zu laden. Für den Jungen bedeutete das Abenteuer pur.

Nach seinem Realschulabschluss begann er 1984 eine Lehre als Speditionskaufmann bei der Spedition Harry W. Hamacher. „Mit dem Chef Jürgen Neubauer habe ich heute noch Kontakt“, erzählt Michael Sünkler, der seit 2004 als geschäftsführender Gesellschafter die Sünkler Spedition + Transportlogistik leitet.

Nach dreijähriger Praxiserfahrung als Mitarbeiter von Hamacher im Flughafenbüro Berlin-Tegel klopfte er 1990 an die väterliche Cheftür. „Ja, du kannst bei mir anfangen – aber ganz unten“, antwortete der Vater. Sünkler junior musste als Beifahrer die Anhänger schieben, in der Stadt be- und entladen helfen und nach Feierabend Rechnungen schreiben. Nebenbei machte er seinen LKW-Führerschein.

Zehn Jahre vergingen, in denen Michael Sünkler nahezu alle Tätigkeiten in dem familiengeführten Logistikunternehmen kennen lernte. Schließlich übernahm er den Chefsessel. „Wir hatten damals sechs Autos. Heute haben wir knapp 20“, sagt der Manager. Neben dem traditionellen Standbein als Pharmaspediteur hat sich Sünkler auch bei Stahltransporten einen guten Namen gemacht. „Hier bedienen wir drei große Kunden. Außerdem fahren wir Schuhe für Zalando“, beschreibt er das Spektrum. Zudem betreibt der Spediteur noch zwei Lager, in denen Stückgüter für verschiedene Kunden disponiert werden. Eine Frachtenvermittlung komplettiert das Angebot.

Kunden proaktiv informieren

Vor allem die Pharmabranche setzt hohe Transportmaßstäbe. Das beginnt bei den speziellen Kühlaufliegern und reicht bis zur Transportsicherheit. In den 15 Kühltrailern ist eine lückenlose Temperaturüberwachung garantiert. Bei möglichen Abweichungen von den vorgegebenen Sollwerten werden automatisch Fahrer und Disponent alarmiert.

Auf den Touren dürfen die Sünkler-Pharmafahrer nur auf bestimmten Parkplätzen rasten, die einen hohen Sicherheitsstandard bieten. Generell werden dafür die Autohöfe empfohlen, weil diese meist videoüberwacht sind. Schafft es ein Fahrer nicht, den vorgegebenen Haltepunkt anzusteuern, lässt er sich von der Disposition einen geeigneten Ausweichplatz vermitteln.

Natürlich sind – trotz genauer Tourenplanung – Verspätungen nicht völlig ausgeschlossen. In solchen Fällen greift Sünkler oder einer der Disponenten sofort zum Telefon, um den Kunden über die zeitliche Abweichung zu informieren. Das erspart jede Menge Ärger. „Ruft der Kunde an, um zu hören, wo der Transport bleibt, ist es zu spät“, sagt er.

Durch das Telematiksystem hat Sünkler seine Mercedes-Actros-Flotte stets auf dem Bildschirm. Fällt ein Fahrer durch besonders hohen Kraftstoffverbrauch auf, wird der externe Therapeut Huberus Lodes von fuhrparker.de aktiv. Er vereinbart zeitnah mit dem entsprechenden Actros-Lenker einen geeigneten Termin für die Telefoncouch, um das Problem fernmündlich zu lösen. „Dieses persönliche Training ist sehr effektiv“, sagt der Speditionschef.

Sünkler setzt mit neuen qualitativen Maßstäben die Familientradition fort. Und insgeheim hofft er, dass eines seiner Kinder oder beide später den Betrieb übernehmen. Der Manager selbst engagiert sich zudem als ehrenamtlicher Richter am Arbeitsgericht, als Mitglied im IHK-Verkehrsausschuss sowie im Aufsichtsrat der SVG Berlin-Brandenburg.

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