|  01. Juli 2016

„Wir bezahlen die Fahrer nicht in Naturalien“

Der Anruf erreichte Kristian Kaas Mortensen eines Nachmittags. In einer schwedischen Lokalzeitung war ein Artikel über störend abgestellte LKW der Firma Girteka Logistics erschienen. Was man denn bitteschön tun wolle, um die Fahrzeuge dort wegzubekommen, da sie mutmaßlich einer pleitegegangenen Firma gehörten, wollte der Anrufer aus der nordschwedischen Stadt Kiruna wissen.

Mortensen, Mitglied der Girteka-Geschäftsleitung und für Öffentlichkeitsarbeit, Werbung, Vertrieb und Kundenkontakte zuständig, reagierte prompt. Er griff zum Hörer, rief bei der zuständigen Kommunalverwaltung an und erklärte den Sachverhalt. Girteka aus Vilnius sei keineswegs pleite, sondern erfreue sich bester wirtschaftlicher Gesundheit und sei obendrein sehr expansiv. Die abgestellten LKW seien im Skandinavien-Verkehr im Einsatz und hätten keine andere Wahl, als dort zu parken, um Fahrerwechsel vorzunehmen, Trailer zwischen zwei- und dreiachsigen Zugmaschinen umzusatteln oder die vorgeschriebenen Ruhepausen einzulegen. 

Problem direkt gelöst

Ob denn die Verwaltung einen anderen Platz verfügbar habe, wo störungsfrei geparkt werden könne, fragte Mortensen, denn man sei sehr interessiert daran, das Problem ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Am Ende bekam Girteka eine Fläche in Kiruna, stellte Sanitäranlagen auf, zäunte das Gelände ein und schuf so einen Stützpunkt für die internationalen Verkehre. Ähnliche Stationen gibt es auch in Ivalo in Finnland und Breda in den Niederlanden, wobei Breda sogar eine eigene Betriebsstätte mit Disposition ist. "Jetzt kostenlos den Disponaut Newsletter abonnieren"

„Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie wir mit Beschwerden aus der Öffentlichkeit umgehen“, erklärt Mortensen bei einem Besuch der DVZ in der Girteka-Zentrale in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Es ist erst das zweite Mal, dass die Fachpresse bei dem vor 20 Jahren gegründeten Unternehmen zu Gast ist. Schneller waren nur Vertreter einer schwedischen Berufskraftfahrerzeitung. Deren Interesse war vor allem, herauszufinden, warum Girteka in den Jahren seit der Gründung so erfolgreich und expansiv gewesen ist. Zuletzt hatte die Firma mit der Meldung Aufmerksamkeit erzeugt, dass 1000 neue Zugmaschinen bei Mercedes-Benz bestellt wurden, dazu noch etliche Trailer von Schmitz Cargobull. Außerdem stieg man Ende 2015 mit 40 Prozent bei der dänischen Kühlspedition Thermo-Transit aus Padborg ein.

Wenn ein Unternehmen 2900 LKW und 3100 Trailer für Europa-, Skandinavien- und Baltikum-/Russland-Verkehre einsetzt und dabei auch noch jährliche Zuwachsraten bei Umsatz, Ertrag und Ebit-Marge erzielt, dann könne das nur mit nicht immer legalen Mitteln zugehen, so die These der schwedischen Journalisten. Gerade in Bezug auf osteuropäische Transportdienstleister sind die Skandinavier sehr misstrauisch. Sozialdumping, schlecht ausgebildete Fahrer, illegale Kabotage sind Stichworte, die oft fallen. "Jetzt für die Logistik News anmelden"

„Alles Quatsch“, sagt Mortensen. „Wir sind weder eine Waschanlage für Mafiageld, noch bezahlen wir die Fahrer in Naturalien, wie gern kolportiert wird. Wir können mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen, die in Litauen herrschen, vieles ein wenig anders machen und dadurch erfolgreich sein. Illegal ist dabei nichts.“ Es sind vor allem die Löhne, die unter Wettbewerbsbedingungen zu Buche schlagen. Durchschnittlich verdient ein Arbeiter in Litauen 350 EUR im Monat, ein Arzt 1000 EUR. Bei Girteka können die Fahrer je nach Qualifikation und Erfahrung 1600 bis 2000 EUR im Monat verdienen.

Modernisierungswille

Nicht zu unterschätzen ist aber auch der Wille der rund 3 Mio. Litauer, ihre Vergangenheit unter sowjetischem Einfluss hinter sich zu lassen und das Land zu modernisieren und an internationale Standards heranzuführen. Das geht so weit, dass die Bevölkerung während der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 anstandslos und solidarisch Kürzungen beim Lebensstandard hinnahm, um nicht in eine Situation zu geraten wie Griechenland heute.

Bereitwillig steht Edvardas Liachovicius, einer der beiden Girteka-Gesellschafter, Rede und Antwort. „Mein Kompagnon Mindaugas Raila, der Girteka 1996 mit einem in Dänemark gebraucht gekauften LKW gegründet hat, und ich haben für den Erfolg hart gearbeitet und verdientes Geld immer wieder in die Firma investiert. Uns gehören alle Anteile, niemand verlangt, dass größere Summen als Rendite aus dem Unternehmen herausgezogen werden.“ CEO Liachovicius und Chairman Raila sind beide Mitte 40 und daher auch noch nicht müde, ihr Unternehmen weiter voranzubringen. Extravagante Autos oder mit viel Glas verkleidete Firmenzentralen sind nicht ihr Ding. „Das älteste Auto im Firmenfuhrpark ist mein fünf Jahre alter Range Rover“, versichert Liachovicius. Die LKW-Flotte aus Mercedes-Benz und Volvo ist im Schnitt zweieinhalb Jahre alt. 90 Prozent gehören Girteka.

Was den Firmenchefs sehr am Herzen liegt, ist gut ausgebildetes, geschultes Personal. Das ist bei den Distanzen, die die LKW im Ladungsverkehr innerhalb Europas und nach Russland zurücklegen, ein wichtiger Faktor, denn es gibt viele Regeln und Gesetze zu beachten, Kunden in mehreren Sprachen zu betreuen und obendrein sollen auch Qualitätsstandards in den Abläufen eingehalten werden.

In Vilnius sitzt die Girteka-Zentrale in einem modernen, aber nicht groß herausgeputzten Bürokomplex. Hier befinden sich die kaufmännische Verwaltung, der Vertrieb, das Personalwesen, Schulungsräume und die Transportüberwachung. Der Betriebshof (einer von zwei in Litauen) liegt ein paar Kilometer weiter weg. Hier gibt es auch eine Fahrerschule, in der Personal hinter dem Lenkrad wirtschaftliches Fahren, der Umgang mit Sozialvorschriften, die Handhabung von Mautgeräten und die Technik der LKW beigebracht wird. Schulungen gibt es regelmäßig. Fahrer, die bei der Firma arbeiten wollen, müssen sich einem Eignungstest unterziehen und Nachweise ihrer bisherigen Tätigkeit erbringen. Dabei werden auch Daten früherer Arbeitgeber gesammelt, soweit es gesetzlich erlaubt ist. Die Fahrer kommen aus Litauen und den Nachbarländern.

Die Schulungen richten sich auch an den künftigen Einsatzgebieten aus. So gibt es speziell Kurse für den Norwegen-Verkehr mit seinen schwierigen Straßenverhältnissen und topografischen Gegebenheiten. „Wir haben da in der Vergangenheit Fehler gemacht und für negative Schlagzeilen gesorgt“, erinnert sich Mortensen. „Das hatte aber weniger mit dem fahrerischen Können zu tun. Vielmehr ging es um fehlerhaft ausgestellte Papiere für die Kabotage. Das haben wir jetzt im Griff.“ In Norwegen für Girteka zu fahren ist quasi die Königsdisziplin. „Das darf nur jemand, der sich zuvor im Russland- und später im Europa-Verkehr in unserem internen Bewertungssystem beste Noten verdient hat“, sagt Transportleiter Donatas Nacajus.

Typisch für die Gründlichkeit der Litauer: Die Fahrzeuge sind alle mit zwei Fahrern besetzt. „Bei den langen Strecken, die vor allem mit Kühlware, aber auch Spirituosen gefahren werden, macht das Sinn“, sagt Mortensen. Basiskenntnisse in Englisch sind eine Mindestanforderung. Notfalls wird auch intern geschult. Wie wichtig Girteka die Personalpolitik nimmt, wird daran deutlich, dass es in Siauliai eine zweite Fahrerschule gibt.

190 km von Vilnius entfernt hat das Unternehmen vor kurzer Zeit eine weitere, größere Betriebsstätte in Betrieb genommen. Selbst entworfen und auf eigenem Grund gebaut, gibt es hier Werkstätten, Sozialräume und einen großen Parkplatz für LKW und Mitarbeiterfahrzeuge. In den Hallen können alle anfallenden Wartungs- und Reparaturarbeiten selbst ausgeführt werden – das gilt sowohl für Zugmaschinen als auch Trailer. „Wenn es sein muss, können wir auch einen Motorwechsel vornehmen, eine Kabine neu aufbauen oder Trailer ausbessern und lackieren“, so Mindaugas Mackevicius von der technischen Abteilung.

Auch in Vilnius will Girteka ab 2017 eine eigene kombinierte Büro- und Betriebsanlage beziehen, die 45.000 m² umfassen wird. Nach Angaben von Mortensen ist dies nur ein Teil der weiteren Expansionspläne. Dieser Tage ist er mit dem CEO in den USA auf Studienreise, um sich über Ladungsverkehre zu informieren. Die Erkenntnisse sollen in die künftige Geschäftsentwicklung einfließen. „Unser Ziel ist, mittelfristig eine Flotte von 5000 LKW zu betreiben“, erklärt Mortensen.

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