|  14. April 2016

Expedition ins Chemiereich

Thomas Schmidt hat ein Faible für Überraschungen. An seinem Berufsleben schätzt er besonders, dass kein Tag wie der andere ist. „Ich bin kein Freund von Routine“, schiebt der Geschäftsführer von Infraserv Logistics hinterher. Bei seinem Aufgabenbereich klingt das widersprüchlich. Wer in erster Linie für den Transport von Gefahrgütern aus der Chemiebranche verantwortlich ist, will normalerweise nicht zu viele Überraschungen erleben. Schmidt meint es aber anders: Wer mit Gefahrgütern arbeite, müsse sich dessen jeden Tag bewusst sein. Das dürfe nicht zur Routine werden.

Im Zweifelsfall greift er bei unvorhergesehenen Ereignissen zum Telefon, um Angelegenheiten schnell und unbürokratisch zu regeln. Es sei wie immer, wenn der Geschäftsführer anrufe. Dann würde sich doch einiges schneller und einfacher auf den richtigen Weg bringen lassen. „Was ich in meinem Berufsleben immer getan habe, ist, Probleme zu lösen“, fügt er hinzu.

Rund 50 Prozent der Güter, die von Infraserv Logistics transportiert werden, sind Gefahrgüter. Das bringt auch monatliche Besuche vom Regierungspräsidium mit sich. „Wir werden regelmäßig auditiert“, beschreibt er seinen Alltag. Im Wochenrhythmus klopfen Kunden an seine Tür, und auch die Kunden der Kunden wollen von ihm durch die Anlage geführt werden. „Die Gefahrstofflagerung wird immer restriktiver“, sagt der Logistiker.

Einst war das Unternehmen für die Logistik der Hoechst AG verantwortlich. Mit der Aufspaltung des Chemiekonzerns wurde auch Infraserv ausgegliedert. Dem Industriepark Höchst bei Frankfurt am Main blieb das Unternehmen treu. Über 90 Firmen aus der Chemie- und Pharmabranche befinden sich auf dem weitläufigen Gelände des Industrieparks auf beiden Seiten des Mains.

Das Immunpräparat Tuberkulin wurde hier zur Marktreife geführt, gemeinsam mit dem Mediziner Paul Ehrlich gelang in Höchst einst die Entwicklung eines arsenhaltigen Medikaments (Salvarsan) gegen Syphilis. Der Industriepark ist so groß wie die Frankfurter Innenstadt und beherbergt den Peter-Behrens-Bau, ein architektonisches Juwel, das mit seinen gefärbten Ziegelpfeilern und den im Raum schwebenden Glaskuppeln auch als umbautes Licht beschrieben wird.

Standortnachteile

Doch der Standort hat auch Nachteile. Es fallen Gebühren an für Infrastrukturleistungen wie beispielsweise Betriebsfeuerwehr oder Sicherheitsdienstleistungen. Das ist gegenüber den Logistikunternehmen außerhalb des Industrieparks ein Wettbewerbsnachteil. Schmidt will daher wertsteigernde Logistikleistungen entlang der Supply Chain in der Chemie ausbauen. Darunter fallen Gefahrgut- und Zollmanagement, Frachtbündelung oder Musterversand; Mehrwertleistungen also, die bisher von dem Chemieunternehmen selbst übernommen wurden.

Mit der kurzen Ausschreibungsfrist in der Logistikbranche hadert Schmidt. „Wie suchen einen Ankerkunden, mit dem wir expandieren können“, wünscht er sich. Und meint damit, dass sich ein Kunde für einen längeren Zeitraum an Infraserv bindet. Der Spielraum für Investitionen wäre damit deutlich größer.

Gerade im Bereich der Digitalisierung steht auch Infraserv vor großen Herausforderungen, die ein Finanzpolster erfordern. „Wir sind nicht die Treiber, auch nicht die Getriebenen. Wir wollen mit den Kunden eine symbiotische Partnerschaft für Innovationen schaffen“, stellt Schmidt heraus.

Der 56-Jährige ist seit März 2014 Geschäftsführer bei Infraserv. Zuvor hat er lange Zeit bei der Deutschen Lufthansa gearbeitet, darunter als Geschäftsführer bei der Lufthansa Catering Logistik oder als Director Airport Development bei Star Alliance. „Ich wollte nach der Luftfahrt noch etwas Neues anpacken und meine Komfortzone verlassen“, begründet er den Wechsel. Als Logistiker will er etwas bewegen. Das macht er auf seine eigene Art, und zwar mit einer großen Gelassenheit und einem offenen Ohr für seine Umgebung.

Ein wichtiges Anliegen ist ihm dabei, den Teamgedanken unter den rund 500 Mitarbeitern zu fördern. Dafür finden bereichsübergreifende Workshops am Außenstandort Gersthofen bei Augsburg statt. Der Büroangestellte sitzt in diesen Workshops neben dem Mitarbeiter an der Rampe und dem LKW-Fahrer. Jeder stellt seinen Bereich vor, und jeder Workshop hat darüber hinaus auch ein übergeordnetes Thema wie Kundenzufriedenheit oder Wechsel und Wandel. An 5 von 25 Workshops war Schmidt selbst dabei. Er ist überzeugt, dass „man diese Distanz überwinden muss zwischen oben und unten“. Regelmäßig geht er durch den Betrieb und erforscht die Stimmung. „Meine Tür steht allen Mitarbeitern offen“, fügt er hinzu. Arbeit nimmt er nicht mit nach Hause; die morgendliche Fahrt ins Büro nutzt er, um sich innerlich auf den Tag vorzubereiten.

Hohe Frustrationstoleranz

Dass er das Büro hinter sich lassen kann, wie er sagt, ist sicher auch seiner hohen Frustrationstoleranz geschuldet. „Das wird einem schon in der Kindheit mitgegeben“, meint er. Hilfreich fürs Abschalten sind auch die vielen Reisen, die er gemeinsam mit seiner Frau unternimmt. Geplant ist in nächster Zeit ein Kurzurlaub in Florenz, Kultur interessiert ihn sehr. Oft trifft er auf solchen Reisen auch ehemalige Arbeitskollegen aus anderen Ländern, zu denen er noch den Kontakt hält und pflegt.

Sein Weg in die Luftfahrt war gleichsam von dem Wunsch begleitet, viel zu entdecken. „Ich wollte in die Welt hinaus. Das liegt an meiner allgemeinen Neugier“, blickt er zurück. Andere Denkweisen ziehen ihn an; von seiner Entdeckerfreude hat er bislang nichts abgelegt. Und dazu passt dann auch wieder, dass er kein Freund von Routine ist. (sm)

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