|  04. August 2014
aktualisiert am 14.08.15 15:23h

"Beherzt fahren, aber notfalls auch einmal tragen"

Hinter dem Schreibtisch von Matthias Hohmann hängt das Bild einer Büste, die den griechischen Göttervater Zeus darstellt. "Ich habe das Foto in den Vatikanischen Museen in Rom aufgenommen", sagt der Geschäftsführer der Night Star Express GmbH Logistik aus Unna. "Viele Besucher sprechen mich darauf an", so der 50-jährige Logistikmanager. Kein Wunder: Zeus besiegte die Titanen im Kampf um die Weltherrschaft. Viele sehen darin eine Parallele zum Wettbewerb der Kooperation mittelständischer Spediteure mit den großen Paketkonzernen DHL, UPS, TNT & Co. um schnelle Zustellung.

Hohmann weist den Vergleich indessen schmunzelnd zurück. Doch haben sich in dem Nischengeschäft mit der Zustellung in der Nacht bereits einige der Großen eine blutige Nase geholt. UPS beispielsweise ist nach einem Versuch schon vor Jahren wieder ausgestiegen. Auch Schenker hat das Angebot wieder eingestellt.

DHL hält sich ebenfalls zurück und greift hier lieber auf spezialisierte Dienstleister zurück. Nur der niederländische TNT-Konzern spielt mit - und ist auch der Marktführer -, gefolgt von mittelständischen Unternehmen wie Night Star Express mit seinen sieben Gesellschaftern, die das Netzwerk sicherstellen. Oder auch Spezialisten wie dem Logistiker LPR aus Neuss oder Transmed, einer Tochtergesellschaft des Pharmagroßhändlers Phoenix-Group. "Unser Geschäft bewegt relativ kleine Mengen und bedingt eine hohe Individualität gegenüber den Kunden", begründet Hohmann die Zurückhaltung der "Titanen" der Expressbranche. Das beschäftige die "Integrators" eher weniger.

2,43 Mio. Sendungen im ersten Halbjahr 

Ein Vorteil für mittelständische Spezialanbieter: Night Star Express hat im ersten Halbjahr 2,43 Mio. eilige Sendungen transportiert. Getrieben wird das Geschäft vor allem durch Ersatzteillieferungen für die Automobilindustrie, aber auch die Bau- und Landmaschinenbranche.

"Unser Ziel lautet aber nicht Wachstum um jeden Preis", stellt Hohmann klar. Wichtiger als eine "wilde Zahl" ist für ihn, dass die Gesellschafter zufrieden sind. "Unser Ziel lautet daher, gesund zu wachsen", sagt Hohmann. "Ich habe schon einige Logistikunternehmen straucheln sehen." Daher gelte es, "auskömmliche Preise" zu erzielen. Welche Marge er erzielen will oder (mit Blick auf die Gesellschafter) muss, lässt er offen.

Für Unternehmen wie Night Star Express zählen Qualität und Sorgfalt. "Vertrauen ist in unserem Geschäft das A und O", sagt Hohmann. "Wir sind inzwischen 22 Jahre auf dem Markt. Das verschafft uns heute bei den Kunden einen Vorteil." Denn wer überlässt schon gern seinen "Haustürschlüssel" einem Fremden.

Einen persönlichen Empfänger gibt es in der Nachtzustellung nicht - denn der schläft um die Uhrzeit in der Regel. Die gelieferte Ware wird in Garagen, Werkstätten oder auch im Kofferraum von Fahrzeugen abgelegt und eingeschlossen. Ein Zusteller von Night Star Express führt je nach Tour daher über 50 verschiedene Schlüssel mit sich. Mit ihnen verschafft er sich Zugang zu den Depots. Dokumentiert wird die Ablage eines Ersatzteils, aber auch von Bienenschwärmen oder Pferdesperma, elektronisch oder per Foto.

Um solch ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, braucht man Ausdauer und einen langen Atem. Beides bringt Hobby-Mountainbiker Hohmann mit: Seine Lieblingsradstrecken liegen in den Alpen, vor allem in Südtirol um Bozen herum.

Gelegentlich ist er aber auch in seiner Heimat, dem Sauerland, auf dem geländegängigen und bergstreckentauglichen Zweirad unterwegs und radelt durch die Mittelgebirgslandschaft. "Dann fahre ich von Iserlohn Richtung Sorpesee und zurück", erzählt er. Hohmann, verheiratet, zwei Kinder, ist gebürtiger Iserlohner. Dort wohnt er mit seiner Familie auch. "Ich bin ein eher bodenständiger Typ", sagt er über sich. Ein vernünftiges familiäres Umfeld sei eine Voraussetzung für beruflichen Erfolg, so seine Überzeugung.

Mit Familienunternehmen hat es Hohmann zwar auch bei den Gesellschaftern von Night Star Express zu tun, doch dürften ihm hier wohl eher seine Erfahrungen als Mountainbikefahrer zugutekommen. Denn wie bei Bergetappen und rasanten Talfahrten gehören - neben einer guten Kondition - zur Führung einer solchen Kooperation wohl auch eine Menge Geschicklichkeit und Konzentration.

"Die Gesellschafterversammlungen können manchmal recht komplex sein", räumt Hohmann diplomatisch ein. Doch sei erst einmal eine Entscheidung in dem Gremium gefallen, zögen dann auch alle an einem Strang, lobt er das Modell der Familienunternehmer. Zwar habe er beim Radfahren schon so manchen "Crash" gebaut, berichtet er, doch bislang alles ohne größere Blessuren überstanden. "Beherzt fahren oder beherzt absteigen und das Rad auch einmal tragen", lautet sein Motto. Dies hat sich offenbar auch allgemein bewährt.

Studium in Dortmund

Studiert hat Hohmann Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Dortmund. Durch Vorlesungen von Professor Reinhardt Jünemann, dem Begründer der industriellen Logistik in Deutschland, sei er damals zur Logistik gekommen. Möglicherweise ließ er sich von Jünemanns bekanntester Botschaft inspirieren: "Der logistische Auftrag besteht darin: die richtige Menge der richtigen Objekte als Gegenstände der Logistik, am richtigen Ort, in der richtigen Qualität, zum richtigen Zeitpunkt, zu den richtigen Kosten zur Verfügung zu stellen."

Nachtzustellung war damals aber noch kein Thema: Nach dem Studium startete der Diplom-Kaufmann seine Karriere 1991 zunächst beim Logistikdienstleister Cordes & Simon GmbH in Hagen als Assistent der Geschäftsführung. Ab 1992 hat er dann dort Night Star Express mit aus der Taufe gehoben. Cordes & Simon war ein Gründungsmitglied der Kooperation, ist aber inzwischen nach einer Übernahme vom Markt verschwunden.

1997 schließlich wurde Hohmann Geschäftsführer von Night Star Express. Die Kooperation hat offenbar eine Angebotslücke geschlossen: "Wir haben in der Systemzentrale damals mit einer Handvoll Mitarbeiter begonnen", berichtet Hohmann. Inzwischen werden in Unna auf der Heinrich-Hertz-Straße 1, dem Sitz der Systemzentrale seit 2012, 15 Mitarbeiter gezählt. Der Umsatz hat sich in dem Zeitraum auf über 100 Mio. EUR mehr als verfünffacht.

Eine zeitnahe Versorgung wird für viele Unternehmen immer wichtiger - Stichwort: Same Day Service. "Wir beschäftigen uns beispielsweise mit dem Thema der Belieferung von Innenstädten", deutet Hohmann eine Richtung an. Aber auch Geschäfte im Umfeld oder zur Ergänzung der Nachtzustellung kann er sich vorstellen. Dazu gehört für ihn beispielsweise die taggleiche Zustellung mit Abholung am Morgen und Lieferung bis Mittag. Ob er in diesem Zusammenhang auch über den Einsatz von Fahrradkurieren nachdenkt, verrät er dabei aber nicht. (sm)

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