|  27. Juni 2017

"Bei uns sprechen Menschen mit den Kunden"

DVZ: Der Begriff Digitalisierung ist derzeit in aller Munde. Auch bei Dachser?

Bernhard Simon: Wir haben schon immer digitalisiert gedacht, das sehen Sie allein an unseren 600 Mitarbeitern in der IT. Es werden heute integrierte Lösungen nur auf einem anderen Level entwickelt. Die Lösungen sind sehr viel vernetzter, es gibt mehr mögliche Teilnehmer als früher, es gibt neue Technologien. Zusätzlich ist die Schnelligkeit, in der sich diese Dinge entwickeln, eine ganz andere geworden.

Wirkt sich die Digitalisierung wirklich so disruptiv auf die Logistik aus wie vielfach behauptet?

Nein, wir haben bei Dachser vor Jahren ein wirklich disruptives Geschäftsmodell erfunden, als wir den offenen Standard EAN eingeführt und alle Prozesse, Menschen und Assets miteinander verbunden haben. Auf dieser Basis konnte ein integriertes cyber-sozio-physisches System als weltweites Netzwerk aufgebaut werden.

Sie haben die  Einheit Corporate Solutions Research & Development gegründet, um Ideen und neue Technologien zu testen und zu bewerten. Welche Erkenntnisse konnten Sie bisher gewinnen?

Der Einsatz von Technologien ist bei uns eine Evolution. Auf die Logistikbranche bezogen war die erste Phase der Digitalisierung die kreative Sondierung von Einzelideen. Nun erleben wir die zweite Phase: Digitalisierung findet ihren Platz in integrierten Supply Chains für Industrie und Handel und schafft Kundennutzen. Nur diese digitalen Lösungen können überleben, Einzellösungen werden scheitern.

Wo sehen Sie denn die erfolgversprechendsten Ansätze der heutigen Digitalisierung für einen Stückgutspediteur?

Eine Illusion möchte ich nehmen: Es gibt nicht die einzelne Lösung, die aus sich heraus Mehrwert schafft. Der Mehrwert entsteht, wenn man unterschiedliche Lösungen miteinander vernetzen kann. Dazu müssen wir flexibel genug sein und alle unsere Prozesskomponenten für neue Entwicklungen öffnen. Es geht um Prognoseverfahren auf Basis von Big Data, um unsere Systeme besser und vorausschauender zu steuern. Oder es geht um neue Formen der Identifikationssysteme; teilautonomes Fahren beispielsweise nicht nur auf der Straße, sondern auch im Umschlaglager oder auf den Speditionshöfen.

Hat die Digitalisierung auch Nachteile?

Ja, die Blindheit, mit der alles Digitale als das einzig Seligmachende betrachtet wird. Dabei übersieht man den Kern unserer Dienstleistung, nämlich die Kunden auf ihren Märkten besser zu machen. Dabei will ich nicht verhehlen, dass die Bewegung, die die Digitalisierung mit sich bringt, unserer Branche ganz gut tut. Ich sehe aber die Gefahr, dass viele Dinge überzeichnet werden und dass unterschätzt wird, was Logistik eigentlich ausmacht, nämlich übergreifend, integriert zusammenzuarbeiten und in robusten Lösungen zu denken.

Wer werden denn die Gewinner der Digitalisierung sein und wer die Verlierer?

Wenn man die Erfahrungen im konsumnahen Bereich nimmt, werden es nur wenige Gewinner sein. Diejenigen werden sich durchsetzen, die eine wirklich gute Erfindung haben. Eine, die die Menschen gern annehmen und die sich rasch skalieren lässt. Wo das genau in der Logistik ist, muss sich erst noch zeigen. Derzeit sind die Entwicklungen immer sehr spezialisiert und auf einzelne Anwendungen gerichtet. Aber: Digitalisierung funktioniert nur, wenn der Kunde genau dann die Waren in der Hand hält, wenn er es wirklich will, und dann auch noch unbeschädigt. Qualität wird gerade in der digitalisierten Welt der Unterscheidungsfaktor in der Logistik sein. Und Fulfillment hat immer mit Menschen zu tun.

Neue Technik wird auch dazu benutzt, um produktiver zu arbeiten, einfache Tätigkeiten zu automatisieren. Löst dies bei Ihren Mitarbeitern keine Ängste aus?

Wer bei Dachser arbeitet, hat diese Ängste nicht. Wir haben während der Wirtschaftskrise von acht, neun Jahren keine Mitarbeiter entlassen. Das hat uns sehr viel Vertrauen eingebracht. Sie wissen, wie realistisch wir mit diesen Hype-Themen umgehen. Bei uns werden auch künftig Menschen mit Kunden sprechen. Wir werden trotz autonomen Fahrens Fahrer benötigen, um den direkten Austausch auch mit unseren Kunden zu haben. Aber keine Frage: Wir werden einfachere Arbeiten digitalisieren und damit automatisieren. Aber nicht um Arbeitsplätze abzuschaffen, sondern um sie werthaltiger zu machen.

Mit der Digitalisierung hängt der Onlinehandel eng zusammen. Wie wirkt sich die Veränderung des Einzelhandels für einen Stückgutdienstleister wie Dachser aus?

Für einen Stückgutdienstleister eher weniger. Die ganzen Veränderungen im E-Commerce passieren vor allen Dingen in der Kep- und Paketbranche. Wenn wir über E-Commerce sprechen, dann sind das immer nur die ergänzenden Anforderungen, die ein klassischer B2B-Kunde auch an einen Stückgutdienstleister hat, weil er multichannel verkauft. Wir müssen daher die entsprechenden Technologien und Zugänge gewährleisten, dass unser großes Kundenportfolio auch B2C bewerkstelligen kann.

Doch auch im Stückgutsegment steigt der B2C-Anteil. In einigen Netzen ist er schon zweistellig. Und bei Dachser?

Er liegt im mittleren einstelligen Bereich.

Müssen Sie nicht Angst haben, Aufkommen an Kep-Dienstleister zu verlieren?

Nein. Kep-Dienstleistungen gehören zum Kep-Dienstleister, und kleinteilige Sendungen gehören nicht in eine Stückgutprozesskette. Funktionierende Stückgutsysteme brauchen Standards. Nur wenn sie eingehalten werden, funktionieren die Prozesse. Und nur dann kann ich gute Qualität und gute Kosten anbieten. Wenn B2C-Sendungen diesen Kriterien genügen, können sie wunderbar durch das System geschleust werden.

Wie steuern Sie denn die Zustellung an Privatkunden?

B2C heißt ja nicht nur reine Privatkunden, sondern auch Arztpraxen, Rechtsanwaltskanzleien und kleinere Gewerbetreibende. Mit denen muss ein zusätzlicher Prozess vereinbart werden, wobei es in der Regel um die Avisierung geht. So brauche ich einen entsprechenden Platz im Umschlaglager, muss eventuell Zwei-Mann-Handling bieten. Und es kann sein, dass eine Adresse zweimal angefahren werden muss, eventuell am Samstag, und dann auch noch Verpackungen mit zurückgenommen werden müssen. Es sind sehr viele zusätzliche Prozessstufen, die B2C teurer machen als B2B. Letztlich dürfen sich die Systeme nicht gegenseitig so stören, dass sie nicht mehr funktionieren. Ein gewisser Anteil an B2C ist jedoch gut und sehr gut zu bewerkstelligen.

Kunden und Waren, die nicht prozessaffin sind, akzeptieren Sie dann nicht.

Wir bewegen in unserem Stückgutnetz grundsätzlich keine Sendungen, die nicht systemfähig sind.

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