|  27. März 2014
aktualisiert am 15.12.15 14:21h

Der Doktor und das liebe Vieh

Ein dünner Nebelschleier legt sich über das weite Land der Working Cattle Ranch südlich von Calgary in Kanada. Torsten Rudolph nimmt einen Sattel und legt ihn behutsam auf sein Pferd. Mit dem Haarstrich schiebt er ihn in die richtige Position, zieht den Gurt unter dem Pferd durch und schnallt ihn an der anderen Seite des Sattels fest. Um sechs Uhr morgens sind er und seine Frau Nicole aufgestanden. Gleich wollen sie aufbrechen zum Rindertreiben.

Die beiden machen Urlaub auf der Ranch. Sie tauchen ein in eine Welt, wie sie in Deutschland nirgendwo zu finden ist - in den Wilden Westen, wo Cowboys noch echte Kerle sind und das Glück auf dem Rücken der Pferde liegt. Die Rudolphs leben ihren Traum: Westernreiten.

Alle zwei Jahre besuchen die beiden die Ranch in Kanada. Wobei Torsten Rudolph eigentlich zum Reiten kam, wie ein Boxer zum Tanzen. Er wollte, dass seine Freundin und heutige Frau Skifahren lernt. Sie stimmte zu. Vorausgesetzt er lernt Reiten. Damals war er Anfang 20, der Held seiner Jugend war Clint Eastwood. Anfänglich musste er sich "die Decke der Reithalle häufig auf dem Boden liegend anschauen", wie er sagt. Der Umgang mit störrischen Pferden entsprach nicht seiner Vorstellung von Freizeitgestaltung, so stieg er wieder aus dem Sattel.

Doch seine Eltern hatten ihre künftige Schwiegertochter so sehr ins Herz geschlossen, dass sie ihr zum Examen - sie ist Tierärztin - eine Reise in die USA schenkten. Zum Westernreiten. "Bei dieser Reise habe ich so sehr Feuer gefangen, dass ich dabei geblieben bin", erzählt Rudolph. Das war vor 18 Jahren.

"Wichtig für mich ist, dass die Menschen auf der Ranch wirklich von den Tieren und von ihrer Arbeit leben", betont der heute 44-Jährige. Deswegen nehmen er und seine Frau den weiten Weg in Kauf, denn in Europa gibt es nichts Vergleichbares. Sie waren in Kalifornien, Utah, Montana, Dakota und Deadwood, aber mittlerweile reisen sie seit über zehn Jahren immer zur gleichen Working Cattle Ranch und haben ein freundschaftliches Verhältnis zu den Besitzern. Der Urlaub in Kanada ist harte körperliche Arbeit, "Westernreiten hat nichts mit Lagerfeuerromantik zu tun", sagt Rudolph. Aber er hat durchaus eine gewisse Affinität zum Westerngenre, der Film "Spiel mir das Lied vom Tod" gefällt ihm sehr.

Cowboy mit Logistiksprache

Nach dem Aufsatteln frühstücken die Viehtreiber. Je nachdem, wie weit der Ort entfernt ist, an dem sich die Rinder befinden, fährt man entweder mit den Pferden auf einem Trailer los, oder reitet direkt hin. Die Herden zählen bis zu 1000 Tiere. Rudolph beschreibt das Rindertreiben als mehrstufigen Prozess. Nach Cowboyjargon hört sich das nicht an. Vielmehr schimmert der Logistiker durch.

Die Rinder können großflächig verteilt sein. Sie müssen also zunächst gefunden und dann zusammengetrieben werden. Das kann schon einen ganzen Tag dauern. Am nächsten Tag werden die Rinder mitunter getrennt, wenn sie auf verschiedene Weideflächen gebracht werden sollen. Während des Viehtrecks kommt es immer wieder vor, dass Tiere ausbüxen und eingefangen werden müssen. Ebenso sind kranke Tiere zu versorgen. Diese werden dann mit einem Lasso eingefangen. "Nicht um den Hals, sondern an den Hinterbeinen", erklärt Rudolph. So kann man ein Rind zu Boden bringen, es fixieren und ihm beispielsweise eine Spritze geben. Eine Arbeit, die viel Kraft und Konzentration erfordert und nicht ganz ungefährlich ist. Einmal ist er in einen Ast geritten, wobei er sich einen Zahn abgebrochen hat. Im Oktober vor zwei Jahren ist er das letzte Mal vom Pferd gefallen.

Der Geschäftsführer und alleinige Eigentümer der Rudolph Logistik Gruppe empfindet sein Hobby dennoch als Entspannung. Beim Westernreiten könne er abschalten, er denke dann nicht mehr an das Geschäft. Zudem gebe ihm sein Hobby etwas Positives für den Manageralltag. "Beim Viehtreiben klappt auch nicht alles beim ersten Mal", ist Rudolphs Erfahrung. "Aber die Cowboys wissen, es gibt immer eine zweite Chance." So wie es bei der Arbeit im Unternehmen immer eine zweite Chance gebe, sollte etwas nicht sofort funktionieren. Diese Sicht eines Cowboys macht Rudolph in schwierigen Situationen gelassen. "Wenn andere schnell die Grenze zur Emotionalität erreichen, halte ich mich zurück", sagt er über sich. "Wenn etwas nicht klappt, bringt es nichts, den Hut auf die Erde zu werfen und darauf herumzutrampeln." Das gelte im Wilden Westen ebenso wie in der betriebswirtschaftlichen Realität.

Wie eine Metapher für den Geschäftsalltag klingt auch die Redewendung der Cowboys "Stay on the top and in the middle". Er bezieht sich auf den lockeren Sitz des Sattels, damit das Pferd bei den langen Ausritten keine Druckstellen bekommt. Um sicher zu sitzen, muss der Reiter seine Balance möglichst in der Mitte des Pferderückens finden, dann bleibt er sicher oben. Und wenn man doch mal abgeworfen wird heißt es: abstauben und wieder aufsteigen.

Die Cowboys reiten beim Viehtreiben etwa bis 19 oder 20 Uhr. Sie haben Lunchpakete dabei, die sie bei einer einstündigen Mittagspause essen. Während eines Tages kann das Wetter extrem unterschiedlich sein. "Wir hatten schon morgens 25 Grad und Sonnenschein auf 600 m Höhe und mittags auf 2500 m Eisregen", erzählt Rudolph. Aber sein Longrider - ein Wachsmantel - halte Regen, Wind und Kälte gut ab. Eine Kleiderordnung gebe es nicht sagt Rudolph, aber ein Cowboyhut gehört natürlich traditionell dazu. Eine Waffe trägt er nicht, allenfalls ein Klappmesser hat er dabei.

Auswandern nach Kanada kommt für ihn nicht infrage. Er freut sich nach jedem Ranchurlaub wieder auf seinen Job. Auf Bildern in seiner Westernmontur kann man ihn kaum erkennen. Kein Wunder, so würde schließlich kein Unternehmer ins Büro kommen. An seinem Schreibtisch ist Rudolph ein strategisch denkender und rationaler Kopf. Den Heißsporn in ihm hat er gezügelt, sein Hobby sorgt da für eine gewisse Ausgeglichenheit.

Firmeneinstieg per Zufall

Rudolph hat nach seinem BWL-Studium in Gießen zunächst etwa zehn Jahre bei verschiedenen Unternehmensberatungen gearbeitet. Er hatte begonnen zu promovieren, sein Doktorvater ist der emeritierte Logistikprofessor Peter Klaus. "Ihm habe ich zu verdanken, dass ich die Promotion überhaupt abgeschlossen habe, er hat mich auf den rechten Weg gebracht", erinnert sich Rudolph.

Seinen Einstieg in die Firma bezeichnet er als Zufall. Um das Jahr 2003 dachte man im Familienkreis über eine Nachfolge nach. Sogar ein Verkauf stand im Raum. Zunächst wurde das Speditionsgeschäft verkauft, dann kaufte die VIB Vermögen AG einen Großteil der Immobilien. Torsten Rudolph besaß Anteile, und der Erlös war der Grundstock, um dem Cousin und der Cousine seines Vaters die Anteile abzukaufen. Das war direkt nach seiner Hochzeitsreise Ende 2006. Mittlerweile hat er auch die Anteile seines Vaters übernommen und ist alleiniger geschäftsführender Gesellschafter.

Die Rudolph Logistik Gruppe hatte Ende 2012 rund 2300 Mitarbeiter, Ende 2014 waren es etwa 4500 - alles Festangestellte. "Vor allem im Bereich Automotive hat es einen Riesensprung gegeben", erklärt der Manager den enormen Zuwachs. Und auch in der industriellen Kontaktlogistik habe sich das Geschäft sehr gut entwickelt, wenn auch in geringerer Dimension.

Dieser Anstieg stellt Torsten Rudolph vor einige neue Herausforderungen. Er müsse nun gewisse Konzernstrukturen aufstellen, "das bedingt die Größe". Die Geschäftsfelder hat er schon neu organisiert, und auch die Feinjustierung gelang.

Sein Hobby, das Westernreiten, soll darunter nicht leiden. Im Juli 2014 sind seine Frau Nicole und er wieder zum Viehtreiben nach Kanada aufgebrochen. Und erstmals hat Torsten Rudolph bei einem Western-Shooting mitgemacht.

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