|  27. August 2015
aktualisiert am 15.12.15 15:50h

Der neue Schenker-Chef

Mit Spannung warten die Mitarbeiter in der Schenker-Zentrale in Essen auf ihren neuen Chef. Geplant ist, dass Jochen Thewes gleich am ersten Tag als neuer Vorstandsvorsitzender der Schenker AG ein paar Worte an sie richtet – und sie auf die kommenden Aufgaben unter seiner Ägide einstimmt.

Der aus dem ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück stammende 44-Jährige steht künftig an der Spitze eines Unternehmens mit fast 65.000 Mitarbeitern an 2000 Standorten in der ganzen Welt. Er verantwortet dabei einen Umsatz von knapp 15 Mrd. EUR in den Segmenten Landverkehr, See- und Luftfracht sowie Kontraktlogistik – und damit einen Konzern, der weltweit zu den Top Drei gehört.

Allerdings: Umsatz und Größe sind das eine, die Erträge das andere. Und die Renditeerwartungen der Mutter DB konnten die Schenkerianer in den vergangenen Jahren bei Weitem nicht erfüllen. So wies die DB Schenker Logistics – unter dieser Marke werden die Logistikaktivitäten im Bahnkonzern geführt – für 2014 lediglich eine Ebit-Marge von 2,2 Prozent aus – 4 Prozent gibt die Mutter als Ziel vor. Im ersten Halbjahr 2015 betrug diese Kennziffer 2,1 Prozent – geringfügig besser als im Vergleichszeitraum 2014.

Unbefriedigende Rendite

Somit dürfte die Verbesserung der Rendite an erster Stelle der Herausforderungen für Jochen Thewes stehen. Während die Sparte Kontraktlogistik den Zielwert nahezu erreicht, hinkt vor allem der Landverkehr hinterher mit derzeit etwa 1,6 Prozent. Schenker sieht sich in diesem Geschäftsfeld europaweit als die Nummer eins. Der neue Landverkehrsvorstand Ewald Kaiser, seit vergangenem Herbst im Amt, hat bereits erste Kurskorrekturen vorgenommen. Ziel ist es nicht mehr, starke nationale Netze miteinander zu verbinden, sondern ein echtes Europa-Netz zu schaffen.

Auch in der See- und Luftfracht hinken die Schenker-Renditen deutlich hinter den Branchenbenchmarks vor allem von Kühne + Nagel (KN) zurück. So entsprechen die im ersten Halbjahr von Schenker erzielten 2,5 Prozent nicht einmal der Hälfte des KN-Werts.

Eine Ursache ist nach Ansicht von Brancheninsidern, dass die vor einigen Jahren eingeführte Matrixstruktur nicht konsequent genug umgesetzt wurde. Die Matrix müsse mehr mit Leben gefüllt werden, so ein Marktkenner gegenüber der DVZ. So müssten die Produktverantwortlichen in den einzelnen Sparten mehr Kompetenzen haben und die Richtung stärker vorgeben – auf allen Ebenen. Bei Schenker indes haben die Regionalverantwortlichen traditionell eine starke Stellung. Deshalb werden als zentrale Herausforderungen für Thewes gesehen, die Bedeutung der Produkte zu stärken sowie Verknüpfung und Kommunikation zwischen Produkten und Regionen zu verbessern – „die Kombination aus Produkt und Region macht es“, so ein Insider.

Thewes kennt das Matrixprinzip zur Genüge – ist er doch bei Kühne + Nagel in dieser Struktur groß geworden. Denn vor seinem Wechsel zu Schenker bekleidete er mehrere Leitungsfunktionen bei KN. So war er mehr als zwölf Jahre in Lateinamerika und Asien im Einsatz, zuletzt als Landeschef in Brasilien. Mitte 2010 wechselte Thewes zunächst als Senior Vice President Global Oceanfreight ins Schenker-Headoffice nach Essen, um wenig später wieder nach Asien zu ziehen. Seit dem 1. Juli 2011 führte er als CEO die Schenker-Region Asia/Pacific mit 13.000 Mitarbeitern in 20 Ländern der Region.

Thewes übernimmt den Schenker-Vorstandsvorsitz von Karl-Friedrich Rausch, der nach dem Ausscheiden des langjährigen Amtsinhabers Thomas Lieb Ende März 2015 diese Aufgabe interimistisch übernommen hatte – und den DB-Konzern ebenfalls Ende Juli verlassen hat.

DB-Finanzchef als Vorgesetzter

Spannend ist auch die Frage, wie künftig Thewes’ CEO-Rolle angesichts der neuen DB-Konzernstruktur sein wird. Bekanntlich werden der Schienengüterverkehr und die Logistik künftig getrennt geführt: Den Schienengüterverkehr verantwortet Berthold Huber, die Logistik ist beim DB-Finanzchef Richard Lutz angesiedelt. Bisher verantwortete Rausch als CEO der DB Mobilitiy Logistics beide Sparten.

Chance oder Risiko für Thewes? Vermutlich beides. Zunächst dürfte er ohne direkten fachlichen Vorstand etwas freier sein als mit. Und ein guter Draht zum Finanzchef des Konzerns dürfte für Investitionen in die Logistik – fehlendes Engagement in dieser Hinsicht wurde dem Mutterkonzern schon häufiger vorgeworfen – hilfreich sein. Aber auch für Thewes wird letztlich nur eins gelten: Er muss liefern – vor allem, was die Zahlen angeht. Eine große Herausforderung für den 44-Jährigen. Es ist zu vermuten, dass er dies auch seinen neuen Mitarbeitern gleich bei seinem Amtsantritt klarmachen wird.

Kommentare

Kommentar veröffentlichen
Nur an die Redaktion senden

Captcha:*



* - Pflichtfeld