|  25. Januar 2016

Der Tüftler aus dem Allgäu

Schon vor Betreten der Spedition offenbart sich die Technikaffinität des Firmenchefs. Auf dem Chefparkplatz steht keines der üblichen Premiumfahrzeuge deutscher Hersteller, sondern ein Tesla S – eine Elektrolimousine mit Dualmotor-Allradantrieb des US-amerikanischen Visionärs Elon Musk.

Stillstand ist nicht sein Ding. Wolfgang Thoma, geschäftsführender Gesellschafter der Spedition Ansorge, berichtet mit viel Enthusiasmus von seinen Plänen. „Elektromobilität ist die Zukunft“, sagt Thoma, „doch die deutschen Hersteller haben diesen Trend verschlafen.“ Dabei denkt der Allgäuer nicht nur an PKW, sondern auch an schwere Nutzfahrzeuge.

„Früher sind wir mit Ochsenkarren gefahren. Wenn es niemanden gäbe, der auch mal Neues wagt, würden immer noch diese Gespanne durch Bayern zuckeln“, wirbt Thoma für mehr Mut in der Branche. Der 60-Jährige ist seit Jugendtagen fasziniert von neuen Techniken. Dies ist zweifellos eine Grundlage seines geschäftlichen Erfolgs. „Ohne Innovationsfreude wäre Ansorge nur eines der vielen Transportunternehmen, die jeden Tag rumänische Subunternehmer für einen kleinen Ertrag von A nach B schicken“, bestätigt Thoma.

Der Chef der Spedition aus Biessenhofen ist überzeugt, dass sich die Transporttechnik weiterentwickeln muss. Seine Vision: „Alternative Antriebstechnologien in Kombination mit der Schiene.“ Und er sorgt selbst dafür, dass dies kein Traum bleibt, sondern Wirklichkeit wird. „Ich bin ein Tüftler und probiere gern aus.“ Dies zeigte Thoma bereits im elterlichen Betrieb, einem Fuhrunternehmen aus Bad Wörishofen, welches auf Holztransporte spezialisiert war. Dort hatte er bereits Wechselsysteme entwickelt, um mit höherer Frequenz Rundholz zu fahren.

Eigene Elektrozugmaschine

Die Spedition Ansorge produziert am Stammsitz nahe Kaufbeuren mit der eigenen Photovoltaikanlage jährlich 1,1 Mio. kWh Solarstrom. Thomas Ziel: „Wir erzeugen unsere eigene Energie, mit der wir unsere Nahverkehrsfahrzeuge betreiben könnten.“ Viele seiner Logistikkunden haben Produktionsstätten in Mischgebieten. „Wenn ich die Werksver- und -entsorgung mit Elektro-LKW organisiere, entlaste ich die Anwohner und die Umwelt.“ Als ersten Schritt hat Ansorge von Mai an einen Terberg-Elektroschlepper im Fuhrpark. Allerdings ist der Schlepper wegen der geringen Höchstgeschwindigkeit und der fehlenden Straßenzulassung nur im Nahbereich sinnvoll einsetzbar. Thoma wünscht sich jedoch einen elektrisch angetriebenen 40-Tonner mit Straßenzulassung.

Da die großen Fahrzeugkonzerne eine solche Elektrozugmaschine nicht liefern können, entwickelt Thoma gemeinsam mit zwei Partnern in einem vom Land Bayern geförderten Joint Venture ein geeignetes Fahrzeug. „Wir bringen uns mit eigenem Entwicklungsaufwand und eigenem Risiko ein“, betont er. Allein 2016 steckt das Unternehmen einen größeren Geldbetrag in das Zukunftsprojekt. Bis Ende 2017 soll das Fahrzeug fertig sein. Die Spedition Ansorge testet die Praxistauglichkeit der Technik, die maßgebliche Entwicklungsarbeit kommt von Steuerungstechnikern und Fahrzeugbauern. Ziel ist ein LKW, der 80 km/h auf einer Autobahn fahren kann – bei einer Reichweite von mindestens 200 km und einem zulässigen Gesamtgewicht von 44 t im Kombinierten Verkehr. Zudem soll das Batteriesystem modular erweiterbar sein, damit je nach erforderlicher Reichweite Batteriepacks weggelassen oder hinzugefügt werden können.

Dass diese Innovationsfreude nicht typisch für Speditionen ist, bedauert Thoma. „Wir sind ein reagierendes Gewerbe. Kaum jemand fordert Weiterentwicklungen oder treibt diese gar selbst voran“, konstatiert er. Damit gibt er sich nicht zufrieden. Zeit für seine Visionen kann er sich nur freiräumen, weil seine Mitarbeiter viel vom täglichen operativen Geschäft übernehmen und er ihnen den Raum gibt, eigene Entscheidungen zu treffen.

Grundlage seiner unternehmerischen Freiheit ist zudem der geschäftliche Erfolg. Nach dem Jurastudium holte Erhard Ansorge, Gründer der Spedition, den jungen Thoma als Syndikus in die Spedition. Seit 1993 ist er Geschäftsführer und Gesellschafter des Unternehmens. Vor 30 Jahren hatte das Unternehmen 70 Mitarbeiter, heute sind es rund 500.

Thoma entwickelte aus einem reinen Transportunternehmen eine Spedition mit starkem Logistikgeschäft. Er profitierte vom Trend zum Outsourcing in der Industrie. „Über Kontakte von Erhard Ansorge gewann ich große Konzerne als Logistikkunden“, erinnert sich Thoma. Ein Vorteil: Damals gab es teilweise langjährige Verträge der Konzerne. Der Bereich wuchs stark und bildete die Grundlage für den heutigen wirtschaftlichen Erfolg.

Ende der 1980er Jahre bereitete Thoma zudem den Einstieg in den Kombinierten Verkehr vor. Grund für diesen Schritt war der schon damals zunehmende Engpass beim Fahrpersonal – insbesondere durch die sich verschärfenden Sozialvorschriften. „Der intermodale Verkehr ist ein Instrument, um die strukturellen Probleme des Güterkraftverkehrs in den Griff zu bekommen“, zeigt er sich immer noch überzeugt.

Er kritisiert deshalb das Konkurrenzverhältnis zwischen Straße und Schiene. Deutlich werde dies beim Lang-LKW. „Der Lang-LKW ist trotz aller Kritik ein Freund der Schiene“, betont er. Die Fahrzeuge helfen beim Bündeln der Warenströme. Als erster Spediteur schickte Thoma vor vier Jahren einen 25-m-LKW im Rahmen des Feldversuchs auf die Straße. „Die harte Anti-Lang-LKW-Front habe ich unterschätzt“, sagt er selbstkritisch. Mit seinem Kampf für den stärkeren Einsatz von Lang-LKW im Kombinierten Verkehr ist er bislang gescheitert. Dabei ist er fest davon überzeugt, dass überlange 60-Tonner in einem definierten Streckennetz im Vor- und Nachlauf des Kombinierten Verkehrs das Straßennetz entlasten könnten.

Zum Abschluss führt Thoma über sein Speditionsgelände, natürlich nicht zu Fuß. Es wird überall investiert – die Zukunft wartet nicht. Der Tesla schafft es in 4 Sekunden von 0 auf 100 km/h: „Spüren Sie die Beschleunigung?“, fragt Thoma und drückt aufs Gas.

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