|  29. Februar 2016

Die Ideen kommen beim Laufen

Wir treffen uns im Kasino des Restaurants in der Kemptener Dachser-Zentrale. Den Ort hat Bernhard Simon bewusst gewählt, ist das Restaurant doch der Ort, an dem sich Dachser-Mitarbeiter zwanglos begegnen und austauschen sollen. Simon selbst zieht aus solchen Gesprächen mit seinen Mitarbeitern auch wichtige Impulse.

Ganz gleich, wo Bernhard Simon sich auf der Welt befindet, etwas darf bei seinen Dienstreisen nie fehlen: seine Laufsachen. Denn der 55-Jährige ist ein passionierter Läufer. So ist er vor dem Frühstück meistens schon unterwegs gewesen. Je nach seinem – genau getakteten – Arbeitstag und der Gegend, in der er sich befindet, läuft Simon zwischen 35 Minuten und drei Stunden. „Dabei habe ich die besten Ideen, oder ich kann bevorstehende Meetings oder Vorträge gedanklich noch einmal durchgehen.“ So läuft er auch grundsätzlich ohne Musik im Ohr – „ich will alle Geräusche und optischen Informationen ungestört aufnehmen.“

Stadtläufe sind dabei eigentlich nicht sein Ding, am liebsten läuft Simon in der freien Natur – am allerliebsten in den Bergen. Trotz dieses Faibles bezeichnet er einen Lauf in der marokkanischen Wüste als seinen bisher schönsten.

Dass er beim Laufen durch die freie Natur in puncto Verletzungen und der körperlichen Belastung ein gewisses Risiko eingeht, ist ihm bewusst. „Man möchte an Grenzen gehen, ohne diese aber überschreiten zu dürfen.“ Hier sieht er Parallelen zu seinen Aufgaben als Unternehmer. „Man muss auch dabei ein kalkulierbares Risiko eingehen, ohne Grenzen zu überschreiten – sich also zwischen den beiden Polen Freiheit und Regeln bewegen.“

Aus Sicht des Unternehmers Simon fallen ihm da mehrere Beispiele eines kalkulierbaren Risikos ein: Der gesamte Internationalisierungsprozess war ein Abenteuer, der Kauf des französischen Unternehmens Graveleau „ein hohes, aber wohlüberlegtes Risiko“ ebenso wie der Erwerb von Azkar – Spanien war schließlich mitten in einer tiefen Krise.

Gründerenkel Simon ist als CEO und Mitgesellschafter das Gesicht von Dachser nach innen und außen. Seine wichtigste Aufgabe sieht er darin, die Menschen bei Dachser mitzunehmen, ihr Gesprächspartner zu sein und sie wertzuschätzen. „Ich muss zwar nicht bis ins Detail informiert sein, aber jedoch so gut, um ein respektabler Gesprächspartner zu sein. Aus diesen Gesprächen erhalte ich dann die Impulse und neue Blickwinkel, die für Dachser wichtig sind.“ Dass er dabei Verantwortung für 25.000 Mitarbeiter und deren Familien hat, ist ihm bewusst – „da ich mit dem Unternehmen aufgewachsen bin und Familie und Unternehmen untrennbar miteinander verbunden sind, ist Verantwortung für mich eine Selbstverständlichkeit“.

Simon muss die Werte vorleben, die den Inhaberfamilien Dachser und Simon wichtig sind und die in der Familienverfassung niedergeschrieben sind. Dies sind beispielsweise der Respekt im Umgang mit Menschen und der Umwelt, aber auch der Erhalt der Freiheit für kreatives unternehmerisches Schaffen – nachhaltig in mehreren Dimension, trifft es wohl am besten. „Diese Werte motivieren uns, das Unternehmen Dachser als Familienunternehmen fortzuführen, anstatt es an die Börse zu bringen.“

Entscheidungen wie die Zukäufe von Graveleau oder Azkar trifft er nicht allein, sondern der Vorstand, und zwar nicht nach dem Mehrheitsprinzip, sondern immer im Konsens. Im engeren Führungszirkel „setzen wir bewusst auf starke Charaktere – das sind Führungspersönlichkeiten, die für die Inhaberfamilie dafür sorgen müssen, dass das Unternehmen in die nächste Generation überführt wird“.

Der gebürtige Kemptener ist seit 2005 Sprecher der Dachser-Geschäftsführung. Bei seinem Entschluss, in das Familienunternehmen einzusteigen, habe er „pragmatisch gedacht und entschieden“, auch wenn angesichts seiner ihm eigenen Detailneugier die Naturwissenschaften ebenfalls eine Berufsoption gewesen wären.

Letztlich ist sein ganzes Leben mit Dachser verwoben. „Das Geschäftliche geht oft in das Private über, wobei sich aus dem geschäftlichen Umfeld auch freundschaftliche Verbindungen ergeben“, bilanziert er. Und da seine Frau Birgit das Corporate Marketing leitet, „sitzt die Firma eigentlich immer mit am Tisch“. Seine persönlichen Freunde hat Simon „sehr handverlesen“, denn es sei schon schwierig, zwischen Freunden und Geschäftsfreunden zu unterscheiden. Daher pflegt Simon Freundschaften aus allen seinen bisherigen Lebensphasen, so auch aus seiner Zeit in Brasilien.

Seit langem hat Simon eine enge Verbindung zum Kinderhilfswerk Terre des Hommes. Nach dem schrecklichen Tsunami im Indischen Ozean wollte sich Simon sozial in der Region engagieren. Dabei ging es ihm um echte und nachhaltige Entwicklungshilfe, „nicht darum, mit Geld unser Werteverständnis in die betroffenen Regionen zu übertragen“. Er erkor gemeinsam mit Terre des Hommes Indien als Schwerpunkt der Dachser-Entwicklungshilfe aus – zum einen war Indien vom Tsunami betroffen, zum anderen gebe es durch die Dachser-Organisation in Indien eine gewisse Nähe. In 136 Dörfern im armen nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh wurden vorhandene gesellschaftliche Strukturen weiterentwickelt. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem, für Mädchen schulische Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen und zu erhalten.

Seit zehn Jahren engagiert sich Simon auf diese Weise; klar, dass er sich regelmäßig vor Ort von den Ergebnissen des Engagements überzeugt. Erst kürzlich hat Dachser sein Engagement für die kommenden fünf Jahre auf weitere Regionen in Indien, Nepal, Brasilien und Namibia erweitert – und investiert weitere 1,1 Mio. EUR in lokale Hilfsprojekte.

Zurück nach Kempten, zurück in das Dachser-Restaurant, das mit einer sehr warmen und angenehmen Ausstattung so überhaupt nichts mit einer „Betriebskantine“ gemein hat. Es ist ein Ort der Begegnung und der Kommunikation, erklärt Simon. Er legt großen Wert auf die Qualität der Speisen, denn sie habe großen Einfluss darauf, wie viel Zeit man mit dem Essen verbringt. Alle Zutaten kommen aus der Region und werden dann frisch zubereitet. Die Botschaft: So regional und nachhaltig, wie sich Dachser selbst sieht, so ist auch das Essen. Und schließlich erinnert es auch an die Anfänge des Unternehmens – Großvater Thomas Dachser begann 1930 mit Lebensmitteltransporten vom Allgäu in Richtung Nordrhein-Westfalen.

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