|  20. Februar 2017

Eine Stimme für Fahrer

Als Jugendlicher wollte er Zahnarzt werden. Daran hielt Werner Gliem, der heute Sprecher der Geschäftsführung und Clustermanager bei der Logistik-Initiative in Hamburg (LIHH) ist, zunächst auch fest. In Hamburg studierte er sechs Semester Zahnmedizin, bis ein Professor ihn davon überzeugte, es sein zu lassen. „Er war der Meinung, ich sei handwerklich zu ungeschickt“, erinnert er sich. Gliem hat dann zurück in seiner Heimatstadt Hannover Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Personalwesen und Marketing studiert. Heute ist er glücklich darüber: „Ich möchte nicht jeden Tag den Menschen in den Mund gucken müssen.“ Dass er handwerklich nicht geschickt sei, lässt er aber so nicht stehen. „Meine Frau und ich haben unser Holzhaus komplett selbst gebaut“, erzählt er. Es gab bei diesem Projekt am Ende nichts, was er nicht selbst gemacht habe – von Stromleitungen verlegen bis Dach decken.

Nach seinem Studium war er beim Reifenhersteller Continental einige Jahre für das europäische Handelsmarketing zuständig. Mit dem Vorstandswechsel keimte in ihm der Wunsch auf, sich zu verändern. Als ihn jemand aus der Logistikbranche ansprach, war der weitere Weg vorgezeichnet – und Gliem machte sich fit für eine völlig neue Welt. „Ich bin Logistiker auf dem zweiten Bildungsweg.“

Es ist eine handfeste Branche, die man mögen muss. Er mag sie, weil es auch mal zur Sache geht. Er war zunächst bei TTS Global Logistics zuständig für Vertrieb und Marketing. „Das wäre nicht gegangen, ohne zu verstehen, was man tut“, sagt der 54-Jährige. Er hat viel mit Praktikern zusammengearbeitet und gelernt, dass Logistik nichts Stetiges ist. Ein Logistiker sei jeden Tag kreativ, weil er anders disponieren muss. „Das hat mich fasziniert und tut es noch.“

Seit 15 Jahren in der Logistik
Der Clustermanager ist seit 15 Jahren in der Logistikbranche tätig. In dieser Zeit hat er gelernt, pünktlicher zu sein. Ihn begeistert, dass kein Tag wie der andere abläuft. Zudem entwickle sich die Branche ständig weiter. Es gebe immer neue, spannende Herausforderungen wie die Digitalisierung, autonomes Fahren oder den 3D-Druck. Zu seinen Aufgaben bei der LIHH gehört es, gemeinsam mit seinen Kollegen die Themenführerschaft zu übernehmen. „Wir greifen Megatrends auf und versuchen herauszufinden, wie sich diese auf die Praxis auswirken.“ Dazu gehöre, Projekte zu initiieren. Gemeinsam mit seinen Kollegen Anna Schönal und Jürgen Glaser brachte er so kürzlich „Fairtruck“ auf den Weg.

Bei der Initiative geht es darum, Unternehmen ein Siegel zu verleihen, das sie als besonders nachhaltig kennzeichnet und ihnen attestiert, positiv mit Berufskraftfahrern umzugehen. Es soll Logistikern helfen, etwas von ihrer Unternehmensphilosophie nach außen zu tragen und leichter neue Mitarbeiter zu akquirieren. „Vielleicht steht irgendwann auf den Warensendungen: ‚Transportiert mit Fairtruck‘ – im Sinne des Vorbilds Fairtrade“, sagt Gliem. Die Öffentlichkeit soll sensibilisiert und das Siegel in der Bevölkerung platziert werden. Anlass für diese Aktion war eine Prognose, nach der bis 2022 in Deutschland rund 150.000 Berufskraftfahrer fehlen werden.Dass Fairtruck ein Erfolg wird – daran glaubt Gliem ganz fest. Vor allem weil sich das Projekt auf eine Zielgruppe fokussiert, die Kraftfahrer. Zudem sei es einfach mitzumachen. Fahrer bewerten über das Web oder eine App in einem Fünf-Sterne-System die Unternehmen, mit denen sie zu tun haben. „Der große konzeptionelle Wurf ist uns mit der Idee der Selbstverpflichtung gelungen“, sagt er. Unternehmen verpflichten sich demnach, bestimmte Kriterien einzuhalten. Festgeschrieben ist, wie sie sich gegenüber ihren Mitarbeitern und Fahrern verhalten wollen. Mitmachen können auch Unternehmen wie die Drogeriemarktkette Budnikowsky, die nur Kontakt mit Fahrern hat, aber keine eigenen beschäftigt. „Das heißt, sie verhalten sich auch Unternehmensfremden gegenüber fair“, fügt Gliem hinzu.

Leidenschaft fürs Netzwerken
Der 54-Jährige hat Spaß am Netzwerken. In seinem Job ist das essenziell. Dabei hilft ihm die Eigenschaft, gut mit Menschen umgehen zu können. „Beim Netzwerken geht es aber auch darum, Menschen für etwas zu gewinnen“. Darin sei er gut. Und besonders in der Doppelspitze mit seiner Kollegin Carmen Schmidt. „Ich bin nur im Team erfolgreich.“

Um abzuschalten, hört oder macht Gliem Musik. Er spielt Gitarre, Bass, Schlagzeug, Klavier und Keyboard. „Und es gibt tatsächlich Parallelen zur Logistik.“ Es sei das Virtuose: Es gibt zwölf Töne, und deren Kombinationsmöglichkeiten sind unendlich – ähnlich wie in der Logistik. Und so denkt er auch im privaten Alltag darüber nach, wie sich Themen aufgreifen lassen. Dann trägt er seine Ideen der LIHH vor – und gemeinsam im Team wird überlegt, ob man was tun müsse. (reg)

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