|  02. Juni 2016

Frau 4.0

Die „Kasse“ des IT-Dienstleisters Axit hängt an der Wand in einem Besprechungsraum im pfälzischen Frankenthal. Jedes Mal, wenn die Zahlen auf der dort angebrachten digitalen Tafel wechseln, klingeln ein paar Cent in der Kasse. Angezeigt wird die Nutzung der IT-Produkte über die Cloud-Plattform AX4: wenn sich ein Kunde einloggt, wie viele Sendungen er aktuell übermittelt. Mitzählen funktioniert nicht, die Zahlen springen ständig hin und her.

„Was die Kunden von uns bekommen, sind Lösungen“, erklärt Frauke Heistermann, Mitgründerin und Mitglied der Geschäftsleitung des Unternehmens. Wer beispielsweise unzufrieden ist mit dem Informationsaustausch in der Lieferkette, kann sich über AX4 mit den Lieferanten vernetzen. Abweichungen in der Belieferung zeigt die Plattform in Echtzeit an. Heistermann sieht Digitalisierung als einen Prozess, der nachhaltige Lösungen für Probleme schaffen soll - sie ist eine der Wegbereiterinnen für Logistik 4.0.

Das wollte allerdings zunächst kein Kunde testen. Im Jahr 1999 gründete die Managerin gemeinsam mit Michael Klett, den sie bei einem vorherigen Arbeitgeber kennengelernt hatte, und ihrem Ehemann Holger Schmitt das Unternehmen. Die Herausforderung war groß: „Wir haben schlichtweg unterschätzt, wie schwierig es ist, einen ersten Kunden zu gewinnen“, blickt Heistermann zurück. Gesetzt hatte sie auf den damals grassierenden Internet-Hype, der viele Start-ups und neue Geschäftsideen hervorbrachte. Zeitgleich ging damals ein amerikanisches IT-Unternehmen in den USA an den Start, mit der gleichen Geschäftsidee. „Dieses Unternehmen ist heute sechsmal so groß wie wir. In den USA ist es einfach leichter zu gründen und dann auch kräftig zu wachsen“, meint sie. Ein stärkeres Umsatzwachstum, Heistermann spricht von jährlich mindestens 25 Prozent in den nächsten Jahren, sowie eine umfassende Internationalisierung sollte die Übernahme von Axit durch Siemens im Jahr 2015 mit sich bringen.

Bauchlandung mit erstem Produkt

Doch zurück zu den Anfängen: Der nächste Rückschlag folgte mit dem Produkt. „Das gab eine schöne Bauchlandung, den ersten Prototypen haben wir in die Tonne geklopft.“ Mit der Zeit gelang es, Kunden zu überzeugen. „Wir denken nicht in Bits und Bytes, sondern holen unsere Kunden bei den operativen Prozessen ab. Wir fragen uns, wie können wir diese mit der IT abbilden?“, beschreibt sie den Axit-Ansatz.

Programmiert wird die Software heute in der polnischen Niederlassung in Wroclaw (Breslau) von rund 70 Mitarbeitern. Grund für die dortige Ansiedlung waren persönliche Kontakte zu einem Lehrstuhlinhaber für das Studienfach Informatik. Auch ist die dortige Fakultät für Mathematik und Informatik in Europa die zweitgrößte. In Frankenthal selbst arbeiten mittlerweile über 70 Mitarbeiter.

Der sympathischen und souveränen Ausstrahlung der 44-Jährigen konnten die ersten schwierigen Jahre nichts anhaben. Ihre positive Präsenz füllt jeden Raum aus, ohne aber ihren Gesprächspartner dabei zu verdrängen. Für die Personalgewinnung weiß sie das zu nutzen. Denn die mittelständische Aufstellung schreckt Bewerber oft ab. „Wer erst einmal hier ist zum Vorstellungsgespräch, fängt meist auch an bei uns zu arbeiten“, sagt sie. Der Spirit, wie sie es nennt, komme in solchen Gesprächen rüber; damit punkte das Unternehmen.

Kann man immer so freundlich und zugewandt sein? Zumindest hat sich Heistermann einen Baukasten geschaffen, in dem auch das eine oder andere Tool verstaut ist, um die eigene Position zu behaupten. Beispiel Präsentation einer Analyse: Wenn sie merkt, dass ein Zuhörer permanent destruktive Bemerkungen macht, spricht sie ihn direkt in der Runde an. „Eine Zeitlang mache ich das mit. Aber wenn es fachlich keine Grundlage gibt, dann möchte ich wissen, wo das Problem ist, warum er oder sie ein Störgefühl verbreitet“, sagt sie.

Vom Studium in die Selbstständigkeit

Die berufliche Selbstständigkeit kommt ihrer Eigenständigkeit sehr entgegen. Schon nach dem Abschluss ihres dualen Studiums Spedition und Logistik an der Dualen Hochschule in Mannheim hat sie sich erstmals selbstständig gemacht, damals mit der Idee, den Vertrieb von Speditionsdienstleistungen zu verbessern. Welche Anforderungen werden an Logistikdienstleister gestellt, fragte sie sich und betrieb dazu Marktforschung, die sie in Form eines Buches veröffentlichte.

Nach einem Jahr wechselte Heistermann zur Unternehmensberatung von Prof. Wolf-Rüdiger Bretzke. „Ich war sehr allein im ersten Jahr meiner Selbstständigkeit. Das hat mir nicht dauerhaft gefallen.“ In der Beratung lernte sie viele Logistikunternehmen kennen, konnte ein Netzwerk aufbauen. Der Austausch mit Kollegen ist ihr wichtig. In der Bundesvereinigung Logistik (BVL) sitzt sie im Vorstand, tritt zudem auch als Referentin auf. Viel freie Zeit bleibt ihr nicht. Dann geht sie gern mit ihrer Familie im Pfälzer Wald wandern. Die berufliche Nähe beschreibt sie als ein großes Plus: „Wenn man schlecht gelaunt nach Hause kommt, ist das super, weil der andere es versteht und den Kontext kennt.“ (ben)

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