|  24. Juli 2015
aktualisiert am 15.12.15 14:11h

Gemeinsam durchstarten

Der immer härtere Wettbewerb im deutschen Transportmarkt fordert gerade von mittelständischen Spediteuren neue Wege. Entsprechend musste die Spedition Schierenberg aus dem ostwestfälischen Minden auf Marktverschiebungen reagieren. Zum 1. Juni ist das 1946 gegründete Familienunternehmen mit der Spedition Schröder aus dem benachbarten Porta Westfalica fusioniert. „Bei uns stand die Entscheidung über eine große Investition in eine neue Umschlaganlage an“, erklärt Friedrich Schierenberg, Geschäftsführer der neuen Schröder + Schierenberg Spedition GmbH. Für die kleine Spedition mit zuletzt rund 8 Mio. EUR Jahresumsatz ein schwieriges Unterfangen.

Dies war der Anlass, im Mai 2014 das Gespräch mit der Familie Schröder zu suchen. Die Inhaber der beiden Speditionen, Friedrich Johannes Schierenberg und Gisela Schröder, kennen sich bereits seit mehr als 40 Jahren. Zur selben Zeit war bei Schröder die Nachfolgefrage noch nicht gelöst. Da es schon seit zwei Jahren eine lose Kooperation der beiden Unternehmen im Bereich Systemgut gab, war nach nur wenigen Monaten das Ergebnis klar: Nicht Kooperation oder Verkauf, sondern eine Fusion sollte vollzogen werden. Am 27. November 2014 wurden die Verträge unterschrieben, wenige Tage später Mitarbeiter und Kunden informiert. Zwar sind die Unternehmensanteile unterschiedlich verteilt, dennoch gilt: „Die unternehmerische Führung liegt bei beiden Familien – das heißt, Entscheidungen müssen einstimmig getroffen werden“, sagt Schierenberg.

Seit dem 1. Januar 2015 arbeiten die beiden Unternehmen operativ eng zusammen, aber erst seit Juni ist die Fusion formell vollzogen. „Es gibt kaum überlappende Geschäfte“, nennt der zweite Geschäftsführer Guido Söffker einen großen Vorteil. Schierenberg war spezialisiert auf Teil- und Komplettladung, speziell im Bereich Gefahrgut sowie Lebensmittel- und Pharmaindustrie, die Spedition Schröder dagegen als Partner der Kooperation 24plus insbesondere im Systemgut und in der Lagerlogistik tätig.

„Wir haben unsere Mitarbeiter und Kunden im Vorfeld proaktiv informiert“, berichtet Söffker. Es war den beiden Familien wichtig, dass keine Gerüchte am Markt auftauchen. „Alle Arbeitsplätze bleiben erhalten, und es ist kein gewinnfixierter Konzern eingestiegen – da waren die Mitarbeiter doch sehr erleichtert“, berichtet er von den ersten Reaktionen. „Wir wollten größtmögliche Transparenz, um keinen Kunden zu verunsichern“, sagt der 47-jährige Söffker. Beide führten viele Gespräche und berichten von ausschließlich positiven Rückmeldungen. Auch bei 24plus – dort ist das Unternehmen seit 2007 Gesellschafter – wurde die Nachricht positiv aufgenommen.

Neue Kollegen, neue Prozesse

Bereits Anfang des Jahres sind alle Mitarbeiter der Spedition Schierenberg von Minden ins benachbarte Porta Westfalica umgezogen. Parallel zu den rechtlichen Schritten wurde begonnen die Fusion in die Tat umzusetzen. Für die Beschäftigten gab es große Veränderungen. „Schröder ist beim Systemverkehr deutlich professioneller aufgestellt“, erkennt Schierenberg an. Das bedeutet für ihn und seine Mitarbeiter: „Neue Kollegen, neue Prozesse, neue Software, neue Arbeitsplätze – das waren sehr spannende Wochen für alle. Trotz kleiner Rempeleien haben alle mitgezogen.“

Söffker ist gelernter Speditionskaufmann, der einen mehrjährigen Ausflug in die IT-Branche hinter sich hat. „Datenbanken, Programmieren, Netzwerktechnik – das sind für mich keine Fremdwörter“, betont er. Seit 2006 hat er dafür gesorgt, dass im Familienunternehmen die IT professionell aufgestellt wurde. „Das ist heute ein Riesenvorteil“, stellt er fest. „Wir bieten als kleine mittelständische Spedition unseren Kunden ausgefeilte, individuelle IT-Lösungen sowohl für Lager- als auch für Transportlogistik.“ Schierenberg – der als Betriebswirt über zehn Jahre Erfahrung in der Industrie und Beratung gesammelt hat – ist überzeugt, dass diese Kompetenz beim Kunden gut ankommt: „Wir sind in der Lage, auch kurzfristig eine individuelle Lösung auf Web- oder App-Basis mit Integration ins Kundensystem wie SAP R/3 umzusetzen. Diese Entwicklungskompetenz wollen wir künftig noch mehr in den Vordergrund stellen und auf keinen Fall outsourcen.“ Er stellt fest, dass Kunden zunehmend schnelle und pragmatische Kombinationen aus IT-, Lager- und Transportlösung nachfragen.

Generationswechsel vollzogen

Schierenberg und Söffker haben ihre Aufgabengebiete klar aufgeteilt. Schierenberg ist zuständig für Marketing, Verkauf und Finanzen, während Söffker sich um Technik, Produktion, Spedition und Lager kümmert. Mit der Fusion ging auch ein Generationswechsel einher. Gisela Schröder und Friedrich Johannes Schierenberg ziehen sich aus der operativen Leitung des Unternehmens zurück, bleiben jedoch Gesellschafter.

„Für den Stückgutumschlag bedeutet die Fusion eine Stärkung“, meint Söffker. Die Prozesse werden künftig effizienter durchgeführt. „Die Verkehrsplanung werden wir frühestens im dritten Quartal 2015 ändern“, sagt er. Bis dahin werde man die Daten analysieren. „Derzeit fahren wir 20 Direktverkehre von Porta und sind sehr gut ausgelastet“, erläutert Söffker. „Doch es kommen sicher auch wieder Zeiten, in denen wir über Effizienzgewinne glücklich sind.“ Insgesamt schlägt das Unternehmen täglich rund 130 t Stückgut um.

„Unsere Wachstumschancen liegen künftig in Spezialgeschäften“, sagt Söffker. Für einen Kunden fährt die Spedition Gasflaschen aus. „Das ist Stückgutgeschäft auf Basis von Gasflaschen. Der Kunde will Flexibilität, feste Fahrer und legt Wert auf speditionelles Know-how.“ Zudem gewinnt das Lagergeschäft an Bedeutung. Die Umschlaganlage in Minden dient mittlerweile als Lagerstandort, und am Standort in Porta Westfalica besteht noch die Möglichkeit der Expansion.

„Das Geschäft ändert sich radikal“, meint Schierenberg. „Der berüchtigte Polen-Sprinter setzt im Standard-Teilladungsgeschäft die Preise unter Druck. Das ist eine Marktverschiebung, die können wir nicht aufhalten.“ Schierenberg betont: „Gerade als Mittelständler müssen wir uns regional und auf speziellere Leistungen wie Gefahrgutlogistik und integrierte Lösungen ausrichten.“ Die Fusion sei letztlich eine Folge dieser Entwicklung, denn kleine Speditionen haben es schwer, sich im zweifachen Wettbewerb gegen Konzernspeditionen und die osteuropäische Billigkonkurrenz zu behaupten. Beide Geschäftsführer sind optimistisch, dass sie rechtzeitig reagiert haben. (tof)

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