|  07. April 2016

„Leidenschaft ist eine Garantie“

Keep your feet on the ground and keep reaching for the stars“ – dieser Satz, der vom legendären US-amerikanischen Radiomoderator Casey Kasem stammt, begleitet Wolfgang Niessner seit Jahrzehnten und hat ihn sowohl privat als auch geschäftlich beeinflusst. „Eigentlich ist es sehr einfach, Bodenhaftung zu bewahren. Voraussetzung ist allerdings, dass man sich selbst beziehungsweise seine Rolle in einer Organisation nicht zu wichtig nimmt.“

Der 61-jährige gebürtige Wiener leitet seit 2005 als Vorstandsvorsitzender die weltweiten Geschicke von Gebrüder Weiss. „Selbstverständlich kann eine überzeugende Vision als Einzelleistung den Kurs eines Unternehmens wesentlich verändern. Aber es bedarf auch der Umsetzung. Spätestens dann braucht man die Unterstützung vieler Menschen, die mit unterschiedlichen Fähigkeiten einer Idee zum Durchbruch verhelfen.“

Quereinstieg in die Logistik

Wolfgang Niessner absolvierte nach dem Abschluss der Handelsakademie ein zusätzliches Latein-Abitur, um die Berechtigung zum Rechtswissenschaftsstudium zu erlangen. „Das empfahl mir eine Kollegin, die meinte, man könnte am ehesten ‚Jus‘ nebenberuflich studieren.“ Zwei Jahre lang jobbte er damals bei der Wienerberger Baustoffindustrie, bevor er per Zufall auf die Logistikbranche stieß. Nämlich in Form eines Zeitungsinserats mit dem Text „Die Welt steht Ihnen offen“.

1977 heuerte er bei LKW Walter an. „Schon damals einer der erfolgreichsten Spediteure Österreichs“, erzählt Niessner, „denn die dort gelebte ‚Transportorganisation‘ folgte mehr dem Gedanken einer Handelsfirma – nur dass eben Frachtleistungen eingekauft und verkauft wurden.“ 1983 erhielt er Handlungsvollmacht, 1986 Prokura. „Kurioserweise ist Walters heutiger CEO, Josef Heißenberger, nicht nur der gleiche Jahrgang wie ich, sondern auch ein Schul- und damaliger Arbeitskollege.“

1989 wechselte Niessner zum Vorarlberger Logistikkonzern Gebrüder Weiss. Hier avancierte er zum Leiter der Luftfrachtabteilung am Standort Wien-Schwechat. Dennoch ging er 1991 zur Spedition Danzas, die später von DHL übernommen wurde. Mit 36 Jahren wurde er dort CEO für Österreich und einige zentral- und osteuropäische Länder. 1999 verabschiedete sich Niessner aufgrund unterschiedlicher Anschauungen über die Unternehmensstruktur von Danzas, um zu Gebrüder Weiss zurückzukehren. Während seiner Danzas-Zeit, an die er sich grundsätzlich sehr gern zurückerinnert, absolvierte er das Senior Executive Program an der Columbia University (New York). Später erwarb er noch den Master of Business Administration an der Wirtschaftsuni Wien.

Bei Gebrüder Weiss wurde er noch im Wiedereinstiegsjahr in die Geschäftsführung berufen. In seine Ära fallen wesentliche Weichenstellungen in Zentral- und Osteuropa, nachdem 1989 der Eiserne Vorhang gefallen war. Heute fokussiert er sich auf die strategische Ausrichtung des Konzerns in Richtung Kaukasus, Zentralasien und entlang der ehemaligen Seidenstraße bis nach China.

Inspirieren, Motivieren, Zuhören

Niessners Verbindlichkeit ist ebenso spürbar wie seine Motivation, etwas zu bewegen. Man nimmt es ihm ab, wenn er etwas aus Überzeugung sagt. Dies sowohl als Manager wie auch als Führungskraft, denn „ich bin kein großer Taktiker im Umgang mit Menschen, und wenn jemand Rückhalt verdient, gewähre ich ihm diesen uneingeschränkt“. Sein Führungsstil ist geprägt davon, den Mitarbeitern Raum zur Entfaltung zu geben und sie dabei so gut wie möglich zu unterstützen. Leidenschaft brauche es jedoch unbedingt auf beiden Seiten. „Sie ist die beste Garantie, einen Job gut zu machen und andere mitzureißen“, sagt Niessner.

Fehler machen ist bei ihm ausdrücklich erlaubt. Er gesteht sie seinen Mitarbeitern durchaus zu, was nur ein Vorgesetzter kann, der selbst zu seinen Fehlern steht. Insgesamt komme es auf das richtige Verhältnis an, die Rückschritte müssen deutlich kleiner sein als die Fortschritte. Abgesehen davon – fehlerfrei sei wohl nur, wer gar nichts tue, und das sei der größte Fehler.

„Vieles hätte ich ohne meine Frau nicht erreicht oder nicht verwirklichen können“, betont der dreifache Vater, „gemeinsame Aktivitäten oder Unterhaltungen mit ihr sind für mich besonders wichtig.“ Da sie logistisch nicht vorbelastet ist, sei sie eine hervorragende und konstruktiv kritische Gesprächspartnerin, die ihn ab und an auch auf den Boden der Realität zurückhole. Und diese Bodenhaftung ist es, die seinen privaten wie beruflichen Erfolg ausmacht. (sm)

Kommentare

Kommentar veröffentlichen
Nur an die Redaktion senden

Captcha:*



* - Pflichtfeld