12. Juni 2014
aktualisiert am 14.08.15 12:00h

"Spedition macht Spaß"

Ja, riesigen". Wie aus der Pistole geschossen kommt die Antwort. Ingrid Werner hat Spaß an ihrem Beruf als Spediteurin, und sie ist gern Unternehmerin. Warum? "Die vielfältigen unternehmerischen Herausforderungen, die vielen Menschen mit unterschiedlichen Charakteren, mit denen ich zu tun habe, und dass ich keinen reinen Bürojob habe", zählt sie auf. So ist sie regelmäßig auf dem Lager oder auch auf einem LKW zu finden, besucht Kunden und engagiert sich in Speditionskooperationen oder bei dem Landesverband Bayerischer Spediteure (LBS).

Die 52-Jährige führt TWS seit 2003. Dabei handelt es sich um ein 1977 von ihrem Vater Manfred Reichl gegründetes Unternehmen. Dies geschah damals "quasi über Nacht", weil sein Arbeitgeber Insolvenz anmeldete. Da aber für den damaligen Großkunden Quelle Ladung aus Italien auf dem Weg gen Nürnberg war, musste auch aus zolltechnischen Gründen schnell eine Lösung her - TWS war geboren. Quelle blieb für das Start-up über Jahre der Hauptkunde - und der Italien-Verkehr war ein zentraler Schwerpunkt.

Werner selbst hat im väterlichen Betrieb Speditionskauffrau gelernt und war anschließend ein Jahr in Italien. Da ihr jüngerer Bruder früh verstarb, stieg sie schnell in die Geschäftsführung auf und ist seit 2008 alleinige Inhaberin. Vater Manfred geht ihr noch heute als zweiter Geschäftsführer zur Hand.

Zwei Standbeine

Das TWS-Geschäft ruht auf zwei Standbeinen. Zum einen ist das Unternehmen als Transportdienstleister im Stückgutnahverkehr tätig. So setzt es acht Verteiler-Fahrzeuge für die Nürnberger Raben-Niederlassung ein. "Dabei werden wir nicht als Subunternehmer behandelt, sondern wirklich als Partner - einschließlich fairer, angemessener und zeitnaher Bezahlung." Weitere Nahverkehrsfahrzeuge sind für Logwin im Textilverkehr mit hängender Ware im Einsatz.

Das zweite Standbein sind internationale Landverkehre, die TWS organisiert. Dabei geht es vor allem um Stückgut und Teilladung, weniger um Komplettladung. "Königsrelation" ist England/Irland mit acht Fahrzeugen pro Woche, erzählt die Unternehmerin. Regelmäßige Verkehre bietet TWS auch mit Spanien, Italien, Estland oder Marokko (über Spanien). Die Ladung stammt von einem breiten eigenen Kundenkreis in der Region Nürnberg. Zudem holt TWS Ladung für die internationalen Verkehre ausländischer Speditionspartner bis zur TWS-Anlage vor.

Doch wie kann sich ein kleines Unternehmen wie TWS mit seinen rund 20 eigenen Fahrzeugen, gut 30 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von rund 3 Mio. EUR am Markt behaupten? Feste Ansprechpartner, langjährige Mitarbeiter auch und gerade unter den Fahrern sowie eine immense Flexibilität, zählt Werner auf. "Und indem wir, wenn es darauf ankommt, vielleicht auch etwas mehr machen als die großen Spediteure."

Eindrucksvolles Beispiel: In den Winter- und Frühlingsmonaten lässt ein Fruchthändler regelmäßig jeden Freitag rund 60 t Obst in Nürnberg anliefern. Diese müssen innerhalb kürzester Zeit an bis zu 400 Privatkunden im Umkreis von 150 km verteilt werden. "Dann schwärmen sonnabends alle Mitarbeiter mit ihren Privat-PKW aus und verteilen", schmunzelt Werner. Das versteht sie unter Kundennähe und Flexibilität.

Die Chefin setzt dabei in ihrem Betrieb auf ein sehr familiäres Umfeld - nicht umsonst stehe Teamwork im Firmennamen. Dass ihr Mitarbeiter in Arbeitskleidung das Herz ausschütten können, ist für sie selbstverständlich. Und soweit es möglich ist, versucht sie die Arbeitszeiten flexibel an persönliche Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter anzupassen.

Und wie kann sie sich als Frau in der Männerdomäne Transport und Spedition behaupten? "Kein Problem", versichert die resolute Geschäftsfrau. "Anfangs wurde ich zwar kritischer beäugt als mein Bruder, aber man kann und muss sich ohnehin über Leistung durchsetzen." Und erinnert sich in Nachhinein gern an die Lehrzeit, als sie als eine von zwei in der Branche tätigen Frauen Verzollungen beim Nürnberger Zollamt erledigte. Dort habe sie sich weder gescheut, 50 kg schwere Kisten von der Rampe in das Fahrzeug zu hieven, noch habe sie eine Miene verzogen, als die Zöllner eine Beschau anordneten - bei einer Importladung von Brustimplantaten. "Danach hatte ich meine Ruhe."

Standortfrage ist zu klären

Eine große unternehmerische Aufgabe hat Ingrid Werner vor wenigen Jahren bewältigen müssen. So hatte eine kurzfristige Verdoppelung des Zahlungsziels von mehreren Großkunden auf 90 Tage neben der damaligen schweren Wirtschaftskrise die TWS-Schwester Nürtrans als reines Transportunternehmen mit eigenem Fuhrpark in Bedrängnis gebracht. "Ich habe Insolvenz angemeldet, obwohl alle Rechnungen bezahlt waren. Doch da ich angesichts des späteren Geldeingangs der Kunden die Zahlungsunfähigkeit kommen sah, habe ich quasi im Voraus gehandelt." Auf das Verfahren selbst hatte sie dann keinen Einfluss mehr, verweist aber auf eine relativ hohe Ausgleichsquote von 30 Prozent. Den größten Teil des Nürtrans-Fuhrparks hat sie dann in TWS direkt integriert.

Eine weitere große Herausforderung kommt auf sie in den kommenden Monaten zu. So ist fraglich, ob TWS an dem derzeitigen Standort im Nürnberger Norden bleiben kann. Der Immobilienentwickler und -verwalter Aurelis will das ehemalige Bahngelände verkaufen, auf dem TWS angesiedelt ist. Werner hat durchaus Interesse, aber derzeit laufe es vermutlich darauf hinaus, dass dies nicht klappt. "Dann werden wir in Nürnberg oder in der Region bauen", hat sich die Managerin vorgenommen.

Egal ob am alten oder einem neuen Standort: Investieren will sie in jedem Fall. Denn der 16jährige Sohn Manuel meldet bereits große Ambitionen an, den Betrieb in dritter Generation fortführen zu wollen. Der Spaß der Mama ist offensichtlich ansteckend.

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