|  27. Juli 2015
aktualisiert am 15.12.15 15:46h

Vollblutspediteure

Wer Dierk Schulz und Gerald Rackebrandt gegenüber sitzt merkt sofort: Die beiden Hamburger Unternehmer sind Vollblutspediteure. Engagiert sprechen sie über die Branche, ihre Unternehmen und ihre unternehmerische Verantwortung. Beide sind schon über 50 Jahre im Beruf, und man nimmt es ihnen sofort ab, dass „der Beruf für mich eine Berufung ist“, wie es Rackebrandt fast pathetisch formuliert.

Die beiden heute 66-Jährigen sind erfolgreiche Unternehmer. Schulz ist Inhaber der 1981 von ihm gegründeten Spedition Apex. In den beiden Häusern in Hamburg und Bremen beschäftigt er etwa 45 Mitarbeiter. Rackebrandt ist geschäftsführender Gesellschafter der Sterac Transport und Logistik mit Sitz in Stapelfeld bei Hamburg. Seine annähernd 100 Mitarbeiter erwirtschaften einen Jahresumsatz von nahezu 30 Mio. EUR.

Während Apex ohne eigenen Fuhrpark auf Subunternehmer setzt, unterhält Sterac eine Flotte von zwölf Zugmaschinen und 100 eigenen Trailern. Beide sind im europäischen Straßengüterverkehr tätig, mit zum Teil unterschiedlichen Schwerpunkten, aber auch als Wettbewerber. Sie kennen und schätzen sich lange, was auch aus der gemeinsamen Arbeit im Fachausschuss Internationale Spedition des Vereins Hamburger Spediteure herrührt.

Doch woher kommt ihre Begeisterung für die Spedition und das Unternehmertum? Schulz war über seinen Vater, der eigene LKW hatte, quasi vorbelastet. „Als ich einmal bei einem Spediteur einen Disponenten bei der Arbeit über die Schulter gesehen habe, fand ich das toll“, erinnert er sich. Mit 16 begann er Anfang April 1964 seine Ausbildung bei Harry W. Hamacher. Die Selbstständigkeit „hat sich dann so ergeben“, formuliert Schulz in seiner unnachahmlich lockeren Art. Als Prokurist trug er für eine belgische Spedition Verantwortung, da habe er sich gedacht, „das kann ich auch allein“. Kreativ dabei die Namensfindung seines Unternehmens: Schulz Transport fand er langweilig, etwas mit A sollte es sein, um im Alphabet vorn zu stehen. Er probierte einige Buchstabenkombinatio nen aus – Apex war geboren. Erst später will er erfahren haben, dass Apex aus dem Lateinischen stammt und „Spitze“ bedeutet …

Motivation selbstständiges Handeln

Für Rackebrandt indes war schon früher klar, dass er selbstständig werden wollte. „Das muss ich bei der Entgegennahme eines Befehls bei der Bundeswehr entschieden haben“, schmunzelt er. Dabei war Selbstständigkeit für ihn keine Frage des Geldes. „Es geht vielmehr um das selbstständige Handeln und Verant wortungsgefühl“, beschreibt er – ohne zu verhehlen, dass auch der wirtschaftliche Erfolg da sein muss.

Dass er Spediteur wurde verdankt Rackebrandt eher einem Zufall. Handwerk schied bei ihm aus praktischen Gründen aus, verschiedene Vorschläge eines Berufsberaters gefielen ihm auch nicht. Da wurde es dann eine Lehre bei dem Futtermittelspediteur Neven + Gruve, obwohl „ich als 15-Jähriger keine Vorstellung von Spedition hatte“, gibt er heute zu. Über Abendschule und BWL-Fachstudium bereitete er sich auf sein Unternehmerdasein vor – 1979 war es dann so weit: Gemeinsam mit einem Bekannten aus der Überseespedition, Klaus Steffen, gründet er Sterac – die Anfangsbuchstaben der Gründernamen bildeten den Firmennamen. „Klaus Steffen brachte England-Know-how und -kontakte ein, ich kannte mich in der Schweiz aus, mitgebrachte Kunden bildeten unsere Grundlage.“ Einige Jahre später trennten sich ihre Wege, „im Guten“, wie Rackebrandt versichert. Er behielt Sterac, Steffen gründete mit der Steratrans ein eigenes Unternehmen.

Während in den 70er und 80er Jahren viele Unternehmen auf diesen oder ähnlichen Wegen gegründet wurden, scheint dies heutzutage viel seltener zu sein. „Wir haben uns damals 10.000 DM geliehen und konnten mit kleinem Geld anfangen – Telefon, Möbel und los ging’s“, erinnert sich Rackebrandt. Als Neuling bekam man auch schnell gute Kunden.

Heute habe schon ein Unternehmensstart ganz andere Dimensionen. Allein durch die EDV sei ein ganz anderes Startkapital notwendig, verweist Schulz, „sechsstellig sollte es schon sein“. Zudem seien die Kunden bei der Auftragsvergabe viel penibler – sie checkten die Dienstleister viel genauer durch, bevor sie Aufträge vergeben würden: Versicherungen, Finanzen, IT. Von klein auf anzufangen ist heute in der Tat deutlich schwieriger als vor 30 Jahren“, resümiert Rackebrandt. „Heute braucht man entweder einen Großkunden oder einen Geldgeber hinter sich.“

Verändert hat sich auch der Umgang innerhalb der Speditionsbranche. Zum einen in der Kommunikation. Während früher viel per Telefon und Handschlag vereinbart wurde, geht es heut nur noch schriftlich und mit Absicherung, sagt Schulz mit einem Bedauern in der Stimme. Auch die Transparenz hat sich erhöht, eine gewisse Flexibilität der zugesagten Lieferzeiten mit Verweis auf „Probleme beim Zoll“ gebe es schon längst nicht mehr, ergänzt Rackebrandt schmunzelnd.

Leistung wird gewürdigt

Sehr positiv empfindet Rackebrandt, wie sich das Image der Branche doch in den vergangenen Jahrzehnten geändert hat. „Unsere Leistung als Teil der Wertschöpfungskette, der wir schon immer waren, wird inzwischen gewürdigt“, registriert er. Früher hätten Spediteure bei den Verladern nur als Kostenverursacher gegolten. Dazu habe auch ein gutes Marketing und der Wandel in Richtung Logistik beigetragen.

Unterschiedlich nutzen die beiden Spediteure ihre Hobbys zum Wohle des Geschäfts. Rackebrandt ist zwar vor zehn Jahren durch einen Spediteurskollegen zum Golfen gekommen – Handicap 36 –, doch „Geschäfte auf dem Golfplatz mache ich eher nicht“. Schulz spielt kein Golf. Er ist über einen Großkunden zum Motorradfahren gekommen – inzwischen sitzt er wie viele Kunden und Kollegen auf einer Harley-Davidson. Über den Verein Hamburger Spediteure, für den er im Vorstand sitzt, organisiert er regelmäßig gemeinsame Ausfahrten, „dadurch wird auch die Kundenbindung fester“.

Auch wenn das mittelständisch-persönliche nur noch in kleinerem Rahmen ein Geschäftsmodell ist („das geht vielleicht noch mit ähnlich strukturierten Kunden“), so ist es immer noch ein Teil des Erfolgsrezepts kleinerer Betriebe, glauben die beiden Speditionsurgesteine. Bodenständigkeit und „Mensch bleiben“ gehörten dazu. Denn: Trotz Rahmenbedingungen, veränderter Gesprächskultur und Transparenz „sind auch heute noch Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit die letztlich entscheidenden Werte für mittelständische Unternehmer“.

Würden sie sich auch heute noch selbstständig machen? Auf jeden Fall, sagen beide, auch wenn es deutlich schwerer sein dürfte als vor 30 Jahren. 66 Jahre alt, über 50 Jahre im Berufsleben, wie sieht da die weitere Lebensplanung aus? In beiden Firmen ist die nächste Generation schon seit Jahren aktiv. Dass sie eines Tages die Unternehmensleitung übernehmen wird, hoffen beide, Schulz und Rackebrandt. Aber eigentlich wollen sie „noch einige Jahre“ weitermachen, „denn ich mache den Job unheimlich gern“, versichert Rackebrandt, und sein Spediteurskollege nickt. Vollblutspediteure eben.

 

 

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