|  17. Juni 2016

Vom Fahrer zum Firmenchef

Gleich mehrere schicksalhafte Begegnungen hatte Axel Plaß auf seinem Karriereweg zum geschäftsführenden Gesellschafter der Zippel-Gruppe in Hamburg. Keine Frage, das Schicksal meinte es gut, ja sogar sehr gut mit ihm. Denn dieser Weg, Axel Plaß’ Weg, hätte auch 1989 abrupt in einem DDR-Gefängnis enden können. "Jetzt kostenlos den Disponaut Newsletter abonnieren"

Sommer 1989, deutlich vor dem Mauerfall am 9. November: Aus dem Campingurlaub in Ungarn mit Freunden entwickelt sich spontan der Fluchtplan. Zusammen mit seinem besten Freund Paul, „verstaut“ im Fußraum des Fonds (Paul) und unter dem Gepäck im Kofferraum (Plaß) eines Golf II vom Stuttgarter Bäckergesellen Rudi und dessen dreijähriger Tochter, gelingt beiden die Flucht über Österreich nach Deutschland. Hamburg lautet das Ziel. Plaß’ Oma wohnt dort.

Ohne die später eingeführten 100 DM Begrüßungsgeld und nur mit einem LKW-Führerschein in der Tasche, telefoniert der Agrotechniker, der auch einige Semeter Pädagogik studiert hat, von A bis Z die Gelben Seiten ab. „Leider habe ich bei A angefangen und nicht bei Z“, sagt Plaß heute. Beim Buchstaben Z findet er Zippel, Konrad Zippel Spediteur. Im Januar 1990 heuert er dort an, mit einem Vertrag schnell auf ein weißes Blatt Papier gekritzelt. „Eigentlich habe ich bis heute keinen vernünftigen Vertrag“, witzelt Plaß. Aber das Aufblitzen in seinen Augen zeigt, dass das eine heiße Geschichte war.

Denn diese Begegnung ist schicksalhaft, kennt Plaß doch die Zippel-LKW aus seiner Kindheit und später als im Windschatten fahrender Pädagogikstudent. Unweit der berüchtigten B5, später A24, wächst Plaß in Hagenow im ehemaligen DDR-Bezirk Schwerin – das heutige Mecklenburg-Vorpommern – „relativ unbehelligt von politischer Agitation“ auf. „Mitte der 1980er Jahre begann ich ein Pädagogikstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin“, erinnert sich Plaß. Das wiederum brachte die Notwendigkeit der allwöchentlichen Ortsveränderung per Trabant zwischen Schwerin und Berlin mit sich. Die direkte und kürzeste Verbindung war genau diese A24, auf der täglich die Zippel-LKW unterwegs waren. „Der originelle Name Zippel sowie die schon damals prägnante grün-gelbe Lackierung der LKW, gepaart mit furchtlosen Fahrern, die in Zeiten ohne Geschwindigkeitsbegrenzer und Radarfallen auch gern mal mit weit mehr als 100 km/h unterwegs waren – all das prägte sich bereits damals bei mir ein, ohne zu wissen, welche Rolle dieses Unternehmen noch einmal in meinem Leben spielen sollte“, erzählt Plaß weiter.

Unfall am Eurokai

Im Unternehmen angekommen, fährt er für Zippel im Nah- und später im Fernverkehr. Noch im Nahverkehr scheint ein Unfall am Eurokai im Hamburger Hafen den eingeschlagenen Zippel-Weg jäh zu stoppen. Zwar war es nur eine oberflächlich lädierte Lackstelle am Zippel-Chassis. Doch dieses hatte sich unglücklicherweise genau in das Fahrerhaus eines nagelneuen Bremer EKB-Trucks gebohrt. Schadenssumme: 28.000 DM. Doch Hartmut Zippel, Urenkel des Firmengründers Konrad Zippel, lässt Plaß nicht fallen – und hält Wort in Sachen Fernverkehr auf der geliebten A24.

Als nach zwei Jahren Plaß’ Bedarf an Trucker-Romantik gedeckt ist, will er 1992 sein Pädagogikstudium in Kiel fortsetzen. Einer hat etwas dagegen: Hartmut Zippel. Er bittet ihn, die LKW-Disposition zu übernehmen. Plaß erinnert sich an die 28.000 DM („Ich hatte ja beim damaligen Juniorchef noch etwas gutzumachen“) – und bleibt. Auch wieder Schicksal.

Fortan entwickelt sich ein starkes Vertrauensverhältnis zwischen Hartmut Zippel und Axel Plaß, der seinen Dispo-Job gut macht, auffallend gut. Und das sogar ohne abgeschlossenes Hochschulstudium. „Hartmut Zippel wollte partout, dass ich als Disponent in der Zippel-Zentrale in der Wendenstraße arbeite. Ich fand seine Idee abgrundtief langweilig. Aber ich hatte zu meiner eigenen Überraschung vom ersten Tag an Riesenspaß am neuen Job“, erinnert sich Plaß.

Das gilt auch noch, als später einmal Senior Konrad Zippel seinen Sohn fragt: „Sag mal Hartmut, tut das denn Not, dass jetzt schon unsere Fahrer bei uns die Dispo im Büro machen?“ Beide Seiten überrascht es in der Folgezeit nicht, weder den „väterlichen Freund“ Hartmut Zippel, der das Angebot ausspricht, noch Plaß selbst, als er 2002 die ersten 40 Prozent des Traditionsunternehmens übernimmt.

Der Rest ist Legende: 2007 erwirbt Plaß zusammen mit seinem Freund Axel Kröger auch die restlichen 60 Prozent – und Hartmut Zippel kann, ohne das Familienunternehmen an einen Fremden verkauft zu haben, in den Ruhestand gehen.

Heute tragen die „Axel Brothers“ als geschäftsführende Gesellschafter Verantwortung für die Zippel-Gruppe mit rund 250 Mitarbeitern, darunter 20 Disponenten. „Ich habe eine Chance bekommen. Und ich bin deshalb auch in der Pflicht, das so weiterzugeben“, sagt Axel Plaß, der schon mal einen Disponenten im Möbelmarkt entdeckte. Aber das ist eine andere schicksalhafte Begegnung …

Apropos „Begrüßungsgeld“: ohne es erhalten zu haben, musste es Axel Plaß nach fünf Jahren plus Zinsen ans zuständige Amt zurückzahlen. Es waren 120 DM. (sb)

 

 

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