|  13. Februar 2018

„Wir wissen mehr als je zuvor über unsere Kunden“

DVZ: Herr Wirsing, welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf den Job des Disponenten?

Erik Wirsing: Digitalisierung ist ein Riesenwort für ganz viele Dinge. Sie hat Einfluss auf unser gesamtes Wirken als Logistiker, als Spediteur, als Frachtführer, als Organisator des Gesamtnetzwerkes. Die Spedition war früher hochmanuell und komplett intransparent. Wer nicht im Metier wirkte, war unwissend. Der Mehrwert des Disponenten war es, diese Intransparenz aufzudröseln, eine Supply Chain zu bauen, die richtigen Parteien zu finden und darauf eine Marge zu verlangen. Das war das Geschäftsmodell.

…und heute ist alles hypertransparent.

Richtig. Das Wissen, das der Disponent einmal in seinem Kopf hatte, ist teilweise auf Plattformen verfügbar. Die machen Vorschläge für Preise, Frachten, beschaffen den LKW, analysieren freie Kapazitäten und helfen beim Buchen. Das ist eine interessante Entwicklung.

Sie sagen teilweise. Der menschliche Faktor kann also nicht zu 100 Prozent von einer Plattform ersetzt werden?

Nein, und das ist auch nicht das Ziel.

Hört sich aber dennoch wie der offene Kampf zwischen Mensch und Algorithmus an?

Ich weiß gar nicht, ob das wirklich ein Kampf sein muss. Ein Disponent hat früher 30, 40 Fahrzeuge geroutet. Heute kann er das mit 90 Fahrzeugen. Das ist genau das, was wir uns bei DB Schenker vorstellen. Also geht es final beim Thema Digitalisierung noch nicht um das Doing, sondern um den Support. Und um das Thema Decision Support, also die Aufbereitung von Information, die ein einzelner Mensch nicht mehr überblicken kann.

Haben Sie ein Beispiel?

Es gibt etwa 30 Variablen, die im Nahverkehr passieren können. Das sind Komplexitäten, die ein Mensch allein nicht mehr erfassen kann. Aber ein System kann sie so aufbereiten, dass der Mensch final darüber entscheiden kann. So machen wir es. Und das ist genau die Richtung, in die wir uns weiterentwickeln wollen.

Das heißt, die Digitalisierung hat für Schenker einen großen Einfluss auf das bisherige Geschäftsmodell?

Ja, weil wir als DB Schenker daran glauben, dass wir genau diese digitale Transparenz jetzt unterstützen müssen.

Welche Rolle spielt dabei der Disponent? Können Sie unterschreiben, dass der Faktor Mensch niemals obsolet werden wird?

Es gibt einen schönen Spruch von Amazon-Chef Jeff Bezos, der seine Hauptstrategie nicht darauf stützt, zu fragen: „Was wird sich in den nächsten zehn Jahren verändern?“ Sondern er fragte bereits 1997: „Was wird in den nächsten zehn Jahren konstant bleiben?“ Das ist eine gute Aussage, wie ich finde.

Konstant bleiben wird der Transport von A nach B.

…und Waren müssen physisch bewegt werden. Das muss organisiert werden. Aber Geschäftsmodelle ändern sich – und das ist auch gut so.

Um bei Jeff Bezos zu bleiben: Was heißt das für die nächsten zehn Jahre?

Dass wir den Disponenten im klassischen Sinne definitiv brauchen werden. Darüber hinaus ist es unsere Aufgabe, den Disponenten von morgen mit auf die Reise zu nehmen und ihm aufzeigen: „Es geht es nicht darum, dich obsolet zu machen, ganz im Gegenteil, wir wollen dir eine höhere Transparenz geben.“ Denken Sie beispielsweise an den Scanner, der heute für jeden Spediteur ein Marktbegleiter ist. 2003 waren wir damit Pioniere am Markt. Im selben Jahr haben wir das erste Mal eine Dispositionsoberfläche eingeführt, auf der alle Fahrzeuge digital nachvollziehbar dargestellt werden konnten. Ebenfalls 2003 haben wir erstmals eine Bordkommunikation eingeführt, also eine wirkliche Telematiklösung angeboten. Das waren Game Changer hin zu einer Digitalisierung.

Wie wird denn das künftige Arbeitsumfeld des Disponenten aussehen?

Die Technik wird noch mehr Einzug halten. Meiner Meinung nach gab es keinen Moment in der Geschichte der Logistik zuvor, wo wir mehr über unsere Kunden wussten als heute. Das heißt, die Kunden beginnen sich zu öffnen, sie suchen Kooperationen, sie suchen Partnerschaften, sie suchen gemeinsame Modelle. Auch wir beschäftigen uns immer intensiver mit dem Thema Logistikberatung. Da sind Logistikdisponenten gefragt. Wie kann ich Lieferketten optimieren? Wo baue ich was am besten hin? Das sind neue Modelle. Hier können wir einen Mehrwert liefern. Und der Disponent wird durch Telematiklösungen, Übersichten und Ansichten in der gleichen Zeit mehr Fahrzeuge und mehr Sendungen kontrollieren können. IT-Systeme werden ihm Vorschläge machen, wie es besser geht. Und wenn der Disponent sich für eine andere Alternative entscheidet, wird das System mitlernen und jeden Tag ein bisschen schlauer werden.

Also nichts mehr mit Aschenbecher, Zetteln, Bleistiften und Kaffeetasse?

Der Aschenbecher ist schon lange weg. Die Kaffeetasse ist noch da (lacht). Der Disponent wird künftig immer mehr Mehrwertdienste erbringen müssen, für die er heute schlichtweg keine Zeit hat. Er wird umgeben sein von vielen Bildschirmen, Touchscreens, via Handy und Skype mit Fahrern und Kunden von Angesicht zu Angesicht kommunizieren. Auch Social-Media-Formate werden seine Kommunikation erleichtern. Der Disponent wird an der Spitze sein, um Extralösungen, Individualisierungen, Avisierungen, Zeitfenstersteuerungen, ETA- und PTA-Abweichungen oder Reklamationen in einem Gesamt-Ökosystem orchestrieren zu können.

Orchestrieren passt schön zum Start-up Synfioo, das einen harmonischen, weil störungsfreien, Transportfluss anbietet...

Es gibt viele mehr. Jeden fünften Tag entsteht ein neues Logistik-Start-up weltweit. Das heißt, die Anzahl an Start-ups steigt dramatisch. Wir haben bei Schenker diesen Trend schon vor einigen Jahren erkannt und systematisch intern Experten und Strukturen aufgebaut, um erfolgreich von Start-ups zu lernen und mit ihnen zu kooperieren. Wir haben bereits weit über 1.500 Start-ups in unserer Datenbank. Das sind nicht alles reine Logistik-Start-ups. Das eine baut Fahrräder und muss sie transportieren. Das andere fußt auf einem digitalen Geschäftsmodell oder einer digitalen Plattform, die wir verwenden.

Mit wie vielen Start-ups arbeiten Sie konkret zusammen?

Wir nutzen bereits rund 35 Start-ups als Dienstleister und Kunden. Auch mit einigen unserer Kunden besprechen wir diese Themen und verwenden unser Know-how in Innovationsworkshops, in denen wir mit ihnen Potenziale für eine verbesserte Zusammenarbeit erkunden. Auf der Basis neuer Technologien arbeiten wir auch gemeinsam an neuen Lösungen. Wir beschäftigen uns damit, was der Kunde an Fähigkeiten, Know-how, Können hat und was wir damit gemeinsam für die Zukunft entwickeln können.

Und mit welchen Onlineplattformen beschäftigt sich Schenker?

Da der Plattformansatz inzwischen viele Branchen tief durchdrungen oder sogar disruptiert hat, ist auch bei uns das Interesse groß. Die bekannteste Plattform, mit der wir uns intensiv beschäftigen, ist sicherlich Uship. Durch das Schenker Investment sind hier enge Bande geknüpft worden, und wir lernen von der digitalen DNA des Unternehmens für die Zukunft der Spedition. Neben diesen Plattformansätzen in der Logistik beschäftigen wir uns aber beispielsweise auch mit Plattformen in der Kontraktlogistik oder im Bereich HR.

Macht das aus der Perspektive ähnlicher bis sogar identischer Geschäftsmodelle Sinn?

Als Disponent kann ich nicht 100 gleiche oder ähnliche Plattformen auf dem Schirm haben, um meinen LKW voll zu befrachten. Wir gehen aber davon aus, dass es an dieser Stelle zu einer Konsolidierung kommt. Das heißt, der eine bietet nur Stückgut oder Teilladung, der andere nur Europa oder Deutschland oder regional oder entsprechende Güter an. Oder es etablieren sich übergreifende Modelle.

Oft stecken hinter diesen Plattformen ja auch Spediteure aus Konzernen, die mit einer Idee in ihrem alten Logistikunternehmen nicht weitergekommen sind.

Das ist richtig. Wir kennen viele Gründer, die vorher bei Wettbewerbern von uns tätig waren. Wir nehmen dies eher als Ansporn, um einerseits zu lernen, warum es dieses Start-up gibt, und zum anderen natürlich auch um interne Kanäle zu etablieren. Wir möchten das Wissen der eigenen Mitarbeiter möglichst so nutzen, dass wir ihre Ideen gemeinsam umsetzen können, um sie ans Unternehmen zu binden. So kooperieren wir bereits intensiv mit DB Digital Ventures, dem Venture Capital Fonds der Deutsche Bahn AG. DB Digital Ventures gibt Intrapreneuren Starthilfe und arbeitet aktuell daran, die Strukturen und Anreize für Intrapreneure noch attraktiver und schlanker auszugestalten.

Es gibt ja auch immer einen Grund, warum es ein Start-up gibt.

Weil jemand meint, er hat ein Problem, eine Möglichkeit oder ein Potenzial erkannt. Und das ist genau der Punkt: Wir lernen viel von denen. Das sind Unternehmertypen, die einfach mal gesagt haben: „Kommt, jetzt machen wir mal.“ Und dort, wo wir dann sagen: „Deine Start-up-Idee ist jetzt vielleicht nicht der Gewinnbringer, aber du als Mensch, hast du nicht Freude für uns zu arbeiten?“, kann es für uns auch interessant werden. Das ist wie ein Casting.

Instafreight und Loadfox sind ja von Investoren beseelt…

Es stellt sich dennoch die Frage: Wer ist der Nutzer des Systems? Ist es der Disponent? Oder der Frachtführer, der den LKW möglichst auslasten möchte? Es gibt verschiedene Perspektiven und manchmal schwimmen die. Und da, wo es nicht klar ist, wird es schwierig. Entweder habe ich eine klare Aussage, was ich tue, oder ich schwimme und habe ein Problem auf Sicht. Da sind wir als DB Schenker den Start-ups noch ein bisschen voraus.

... weil Schenker Assets und Kunden hat?

Das sind genau die zwei Probleme, die Start-ups haben. Die haben vielleicht eine super Plattform, aber das war es dann halt. Wir haben Assets, wir haben Kunden, vielleicht manchmal noch nicht die tollste Plattform, aber das kann man ja bauen, kaufen oder mit entsprechendem Know-how nachsteuern. Und deswegen ist es immer wichtig, einen Menschen zu haben, der dann auch in die Beratung geht, hilft und Ansprechpartner ist. Das ist unser Thema, gerade wenn etwas einmal nicht so läuft, wie es laufen sollte. Die Interaktion zwischen Menschen zu haben, Sachverhalte am Tisch zu besprechen, zu optimieren, zu definieren und zu schauen, wie reagiert der andere. Ist das wirklich auf Augenhöhe? Das wird ein großer Dispo-Teil in der Zukunft werden. Und immer wiederkehrende Fragen wie „Wo ist meine Nachlieferquittung? Wo ist meine Rechnung?“, also das Grundrauschen einer jeden Dispo, können wir der Technik überlassen.

Wenn sich heute ein junger Mensch entscheidet: „Ich möchte Disponent werden.“ Warum würden Sie ihn in seinem Vorhaben bestärken?

Die Menschen, die sich für Logistik interessieren, interessieren sich auch für Disposition. Der Disponent ist immer noch eines der abwechslungsreichsten Berufsbilder innerhalb der Logistik. Disponenten sind Spielmacher, die alles miteinander zusammenbringen und für den Erfolg eines Standorts eine ganz entscheidende Bedeutung haben.

Schlägt sich das auch im Gehalt nieder?

Ich bin jetzt kein HRler, aber DB Schenker ist da sicher gut unterwegs. Gerade der Disponent muss einen Anreiz haben, um das, was er tut und auch in einem gewissen Maße verantwortet, noch besser zu machen.

Bezahlung auf Sacharbeiterniveau ist also bei Schenker abgehakt. Schlussfrage: Wird der Disponent von morgen mehr ein Spezialist oder ein Generalist sein?

Wir werden eher die Generalisten brauchen, die sich links und rechts und breit orientieren, die querdenken, um wirklich optimieren zu können. Es braucht Offenheit, sich auf Neues einzulassen und darin für sich einen Nutzen und einen Mehrwert zu finden. Das ist etwas, worauf sich die Menschen in allen Berufssparten einstellen müssen. Wir haben es also selbst in der Hand, die Zukunft zu gestalten. Das ist unser Anspruch bei DB Schenker.

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