|  04. Mai 2015
aktualisiert am 12.08.15 10:32h

Kapitän in der Kanzel

Als sich die hoch aufsteigende Metalltreppe in Bewegung setzt und scheinbar schwebend das weitläufige Containergelände im Frankfurter Osthafen überquert, zögert Karzimierz Herrmann nicht eine Sekunde. Er spurtet weiter die Treppe hoch, die 75 Treppenstufen bis zu seinem Arbeitsplatz nimmt er sportlich. Wer es nicht gewohnt ist, sich auf einer schwebenden Metalltreppe in luftiger Höhe zu bewegen, zuckt mindestens zusammen und ist im ungünstigen Fall nicht mehr dazu in der Lage, sich auch nur noch eine Stufe nach oben zu bewegen.

Höhenangst und der Beruf des Brückenkranfahrers schließen sich gegenseitig aus. Obwohl man es offensichtlich lernen kann: „Höhenangst?“, fragt der Brückenkranfahrer der Frühschicht. Um dann zu beruhigen: „Hatte ich auch.“ Oben angekommen, in 25 m Höhe, ist der Ausblick beinahe grenzenlos über das Hafengelände, die Skyline von Frankfurt, den Main bis hin zum Taunus.

Ausbildungsberuf in Polen

Die Treppe endet in einer Kanzel, und dies ist der Arbeitsplatz von Herrmann. Er kommt aus Polen, aus der Nähe von Danzig und ist tatsächlich gelernter Brückenkranfahrer. In Deutschland ist dies im Gegensatz zu Polen kein Ausbildungsberuf, sondern man kommt über eine Ausbildung in einem anderen technischen Beruf und einer anschließenden Weiterbildung im Bereich Frachtumschlag in die Kanzel. Vorausgesetzt wird ein Hauptschulabschluss.

Die Fortbildung umfasst etwa ein Antikollisionstraining oder das Verhalten in Gefahrensituationen wie das Abfangen von Pendelbewegungen. In Polen hat Herrmann die Berufsschule besucht, um diesen Beruf zu erlernen. In der Klasse waren die Ausbildungsberufe Matrose, Staplerfahrer und Brückenkranfahrer zusammengefasst. Erst im dritten Lehrjahr erfolgte die Spezialisierung.

Stadt, Land, Fluss von oben

„Mein Vater hat mir diesen Beruf empfohlen. Er wollte nicht, dass ich so schwer arbeiten muss wie er“, begründet Herrmann seine Berufswahl. Nicht jeder ist für diesen Beruf geeignet, findet er: „Man muss es im Blut haben, einen Kran zu steuern.“ Bei Contargo, einem trimodalen Logistikdienstleister, arbeitet der Brückenkranfahrer schon seit 1989. Nach Deutschland kam er 1987, in der Hoffnung auf eine gute Perspektive. Zunächst lebte er in Bremerhaven, es folgte ein Sprachkurs in Bremen, bis er schließlich nach Frankfurt am Main kam. Hier fühlt er sich wohl. Nach Gdynia, seine Heimatstadt bei Danzig, fährt er nur noch selten, da die Entfernung so groß ist.

Der Beruf hat seine eigenen Herausforderungen. Nicht jedem liegt es, den ganzen Tag alleine zu arbeiten. Auch ist die sitzende Tätigkeit, ohne die Möglichkeit, einmal ein paar Schritte einen Gang entlang zu gehen, eine recht einseitige körperliche Belastung.

Hinzu kommt, dass ununterbrochen eine starke Konzentrationsfähigkeit gefordert ist, um die Ware sicher umzuschlagen. Bei Contargo arbeiten zwölf Brückenkranführer. Alle sind männlich, doch es gibt natürlich auch weibliche Kranführerinnen in der Branche. In Polen hatte Herrmann relativ viele Kolleginnen, die auch sehr gut fahren konnten. „Manche Frauen fahren besser als Männer“, sagt er.

Einen Co-Piloten gibt es oben in der Kanzel nicht. Herrmann ist den ganzen Tag alleine, aber das scheint ihn in keinster Weise zu beeinträchtigen. „Ich habe immer noch Spaß daran“, sagt der 59-Jährige. „Man sieht die Arbeit und das, was man getan hat.“ Das stimmt zweifellos. Kaum zu übersehen stehen unter ihm in langen Schlangen aufgereiht die Container. Sie kommen per LKW, Güterzug oder mit dem Schiff auf das Gelände von Contargo. Gearbeitet wird in zwei Schichten von 6 bis 22 Uhr an sechs Tagen in der Woche. Nachts darf nicht entladen werden.

Bildschirme erleichtern Arbeit

Wenn alle drei Verkehrsmittel, also LKW, Schiffe und Güterzüge gleichzeitig eintreffen, wird es stressig. Dann muss es schnell gehen. „Jeder will als erstes entladen werden“, sagt Herrmann. Doch beschleunigen lässt sich die Entladung nicht. Auch eine Brückenkranfahrt hat eine Höchstgeschwindigkeit, diese liegt bei wenigen Kilometern in der Stunde. Um einen Container zu verladen, fährt Herrmann mit der Kanzel entlang der Brücke über die Container, fasst sie mit dem Spreader, auch Containergeschirr genannt, und fixiert die Gerätschaft am Container.

Der Spreader greift in die oberen Eckbeschläge und lässt sich dort durch Drehen mit den Twistlocks verriegeln. Er ist mit Drahtseilen an einer Laufkatze befestigt. In der Kanzel steuert der Brückenkranfahrer den Spreader über einen Schaltknüppel. Per Knopfdruck erfolgt die Ver- und Entriegelung am Container. Die Kanzeln sind auch oftmals schon mit modernen Bildschirmen ausgestattet, die die Ladearbeiten visualisieren.

Über Funkkontakt ist der Brückenkranfahrer mit den Kollegen am Boden verbunden. Sie erstellen die Pläne, wonach die Container auf dem Gelände auf genau bezeichneten Stellplätzen abgestellt werden und unterstützen die Navigation. Die Seecontainer sind schwer und sperrig, wiegen bis zu 32 Tonnen. Sie müssen präzise gehoben, gefahren und wieder abgesenkt werden. „Die Gefahr besteht, dass man beim Heben oder Absenken der Container an die nebenstehenden Container schlägt“, sagt Matthias Krämer, Operations Manager bei Contargo. Maximal 25 Container verladen die Brückenkranfahrer bei Contargo in der Stunde. Dies geht aber meist nur an einem Samstag, wenn das Umfeld eher ruhig ist. Die Schiffe kommen aus Antwerpen und Rotterdam. Umgeschlagen werden bei Contargo alle Güter bis auf verderbliche Waren, Sprengstoff und atomares Gut.

Kranfahrt für den Tatort

Einen Sondereinsatz hatte Herrmann bei dem Fernsehfilm „Der tote Chinese“, der vor einigen Jahren in der Kriminalreihe „Tatort“ ausgestrahlt wurde. Die Ermittler sollten einen Mord an einem Menschenhändler aufklären. Gesucht wurde in dem Fernsehfilm im Osthafen ein Container mit chinesischen Flüchtlingen ohne Nahrung und Wasser. Die dramatischen Filmszenen spielten sich unter der Kanzel von Herrmann ab. Er war dafür eingesetzt, die Beleuchtung an der Brücke zu fahren.

Kommentare

Kommentar veröffentlichen
Nur an die Redaktion senden

Captcha:*



* - Pflichtfeld