|  11. August 2014

Leben zwischen Fracht und Wolken

Das Getöse aus den drei Motoren trügt nicht: Hier rollen gut 250 t auf zehn fast mannshohen Rädern und werden binnen weniger Sekunden auf Tempo 200 beschleunigt. Dann zieht Susanne Louis leicht das Steuer an, und die MD-11F der Lufthansa Cargo hebt die Nase in die Luft. Ein kurzes Ruckeln, unten schmilzt der Flughafen Frankfurt zu einer Spielzeugvariante. Susanne ist Copilotin und steuert, der Kapitän ist vor allem mit der Kommunikation zum Tower beschäftigt, kann aber jederzeit übernehmen. Fünf Minuten später ist die Frachtmaschine auf Kurs in Richtung Kairo. Die Reiseflughöhe, die noch immer in Fuß gemessen wird, ist beim zuvor errechneten Wert von 39.000 erreicht - und Susanne Louis entspannt sich. In Kürze gibt es Kaffee, frisch gebrüht und serviert vom Kapitän. Der Autopilot hat per Knopfdruck übernommen.

Es ist ein Traumjob: Pilot auf einer großen Maschine mit dem Kranich. Auch Susanne Louis, die aus dem Umland von München stammt, wollte schon als kleines Mädchen nicht nur fliegen, sondern steuern - wohl auch, weil sie, um ihre in Frankfurt lebenden Großeltern zu besuchen, stets mit der Lufthansa flog. Das kleine, oft allein reisende Mädchen durfte in der Maschine durchaus mal "nach vorn". Der Blick auf die Wolken faszinierte sie damals wie heute.

Hohe Einstiegshürden

Freilich: Solche Jobs sind in der Regel nicht leicht zu bekommen. Die Einstiegshürden bei Lufthansa sind enorm hoch, so dass viele Piloten erst einmal selbst tief in die Tasche greifen müssen, um überhaupt eine Fluglizenz zu bekommen. Susanne entschied sich für eine Ausbildung in Bremen, wo auch die Lufthansa einige Plätze mit einer Art Stipendium finanziert. Nicht so bei Susanne, die einen hohen fünfstelligen Betrag auf den Tisch legen musste: "Das geht nur, wenn man sich enorm verschuldet oder reiche Eltern hat", sagt sie.

Den Abschluss schaffte sie, fast zeitgleich mit einem Parallelstudium als Maschinenbauingenieur, 2002. Kein sonderlich gutes Timing: Seit dem Anschlag auf die Türme in New York herrschte Einstellungsstopp für Piloten. "Wenn man etwas unbedingt will und dann auch schon so viel Leidenschaft und Geld investiert hat, dann gibt es keine Alternative", sagt die Pilotin.

Mit Cargo das große Los gezogen

2005 war es so weit, zunächst auf einer kleinen Passagiermaschine der Lufthansa Cityline. "Die Tage auf der Kurzstrecke sind mit vier bis fünf Flügen innerhalb Europas doch recht lang", erinnert sich die junge Frau. Deshalb sei der Wechsel zur Cargo so etwas wie das große Los gewesen: Fliegen auf der Fernstrecke hat etwas von Dauerverreisen. Was aber nicht ganz ohne Nebenwirkungen ist.

Es ist ein Leben aus dem Koffer, wo nicht nur die Ersatzuniform, sondern auch der dicke Mantel neben dem Sommershirt liegt. Auf zwei Nächte im heißen Dubai folgt eine im winterlichen Almaty und darauf das tropische Singapur. Und wenn es nicht planmäßig weitergeht, dauert es auch mal zwei Nächte länger. Zeitverschiebungen von bis zu sieben Stunden, Nachtflüge und alle Arten von Hotelzimmern bestimmen den Alltag. Letztere sind zwar in der Regel komfortabel, aber das eigene Heim ersetzen sie nicht.

Zumal wenn dort eine Familie wartet. Wenn endlich die freien Tage anstehen und die MD-11F in Frankfurt abgestellt ist, steigt Susanne Louis noch einmal ins Flugzeug nach München und zählt die Minuten. Seit April ist sie verheiratet, die Flitterwochen stehen noch an. "Wir werden sicher nicht dorthin verreisen, wo die typischen Touristen hinfliegen. Wir wollen vor allem Ruhe, Kultur und Zeit für uns. Also Frankreich", sagt sie.

Seit Jahresanfang arbeitet sie in Teilzeit. Dadurch kann sie zu den monatlich zehn flugfreien Tagen noch sechs zusammenhängend zu Hause verbringen. "Mein Mann wusste natürlich, dass zu meinem Leben das Fliegen gehört, und wir können damit gut umgehen", erzählt sie. Und später, wenn sich Kinder einstellen, wird er sogar zu Hause bleiben und sich beruflich entsprechend umstellen. "Das geht einfach nicht anders, auch wenn ich vielleicht eines Tages wieder Passagiere fliege - ein Langstreckenjet wäre ein neuer Traum", blickt Susanne Louis in die Zukunft.

Ist es also ein Traumjob, ein gut bezahlter noch dazu? "Ein klares Ja!", sagt sie, fügt aber auch hinzu, dass sie bis heute ihre Ausbildungskosten abstottert und hohe Versicherungsbeiträge zahlen muss. Zudem sind Bezahlung und die Arbeitsbedingungen nicht überall so gut wie bei Lufthansa.

Hinzu kommen durchaus Sorgen, was die nächsten Jahre und Jahrzehnte bringen: Gerade wird zwischen Piloten und der Gesellschaft um das Renteneintrittsalter gerungen. Für Susanne Louis steht außer Frage, dass sie nur so lange fliegen möchte, wie sie sich absolut fit fühlt. "Es ist durchaus ein sehr stressiger Job, wenn mal etwas nicht so glatt läuft, und die Verantwortung ist enorm", sagt sie. Eine flexible Altersregelung wäre daher notwendig.

Andererseits hat sie bis dahin noch rund zwei Jahrzehnte Zeit, eine Spanne, in der sich die Technik bislang immer grundlegend veränderte. Heute gehören GPS und automatische Systeme, die Zusammenstöße verhindern, zum Standard, über Satellit ist die Besatzung immer im Bilde, was am Zielort aktuell zu erwarten ist. "Mal sehen, vielleicht fliegen ja die Maschinen dann, wenn ich in Rente gehe, längst ohne Piloten", spöttelt die junge Frau. So recht glauben mag sie das allerdings nicht. (sm)

Kommentare

Kommentar veröffentlichen
Nur an die Redaktion senden

Captcha:*



* - Pflichtfeld