|  26. Januar 2015
aktualisiert am 12.08.15 10:24h

Needles and Pins

Vorsichtig hebt Stefan Müller eine Schaumstoffunterlage nach der anderen aus dem silbernen Alu-Koffer. "Es macht einfach Spaß", sagt er mehr zu sich, als er die Lagen auf dem Schreibtisch übereinanderstapelt. Reihe für Reihe sind auf dem Schaumstoff Pins und Anstecknadeln aufgesteckt: Miniatur-Autos und -LKW in vielen Varianten und Farben, KFZ-Symbole wie der Mercedes-Stern, Wappen oder Logos haben es Stefan Müller angetan. Über Jahrzehnte hat er sie gesammelt. Sein Umfeld kennt sein Hobby gut.

Freunde und Verwandte versäumen es nicht, bei der Bestellung eines Neuwagens auch gleich einen Satz Pins oder Nadeln vom Hersteller anzufragen. Denn nur bei ihm gibt es die Miniatursymbole. Jeder Hersteller von Rang gibt sie heraus: Autos der verschiedenen Modellreihen, Nadeln für Betriebszugehörigkeit und gefahrene Fahrleistung, die passende Nadel zum Sponsoring einer Olympiade.

Der Kaufmann rechnet

Selbst recherchiert der Logistiker im Internet und hier bei Ebay, um seine Sammlung weiter auszubauen. Unter den Sammlern wird meist getauscht, beim Kaufen ist er zurückhaltend. Seine Währung sind Dopplungen in der Sammlung, Stücke, die sich beim 45-Jährigen angesammelt haben. "Ich habe noch einen zweiten Koffer mit genauso vielen doppelten Exemplaren zum Tauschen", ergänzt er. Manchmal muss ein Handyfoto aushelfen, um zu sehen, ob er das Stück bereits hat oder nicht. Ganz sicher ist er sich nicht bei jedem Einzelexemplar. "In jedem Koffer sind zwischen 5000 und 6000 Miniaturen", sagt er.

Sein Hobby hat ihn zu vielen Automessen geführt. Dort hat es auch Anfang der 80er Jahre begonnen. "Als ich 14 Jahre alt war, hat mir mein Vater angeboten, auf der IAA Frankfurt Werbezettel für seine Versicherungsagentur zu verteilen." Nach zwei Stunden ist er damit fertig und sieht sich auf der Messe um. Dabei fallen ihm andere Schüler auf dem Messegelände auf, die Pins und Nadeln verkaufen. Aufgereiht sitzen sie in den Gängen, jeder mit einem Zigarrenkasten vor sich. Chinesische Messebesucher zahlen damals auch schon einmal 8 DM für diese Artikel. Schnell findet Müller heraus, dass die Intarsien von den Herstellern ein paar Schritte weiter kostenlos abgegeben werden. Ein lukratives Geschäft, denkt er: "Ich war schon immer irgendwie Kaufmann."

Er setzt sich dazu und zählt Abend für Abend über 20 DM in seinem Kasten. Das Geschäftsmodell gefällt ihm, und hinzu kommt ein lebhaftes Interesse an den kleinen Symbolen.

"Die Horch-Nadel ist eines meiner wertvollsten Stücke; echt silber gestempelt. Die Tempo-Nadel bedeutet mir ebenfalls viel. Mit einem solchen Lieferwagen, einer Pritsche auf drei Rädern, hat mein Großvater einst in Frankfurt seine Lebensmittel zu den Kunden ausgefahren", beschreibt er eine Geschichte, die sich für ihn in der Nadel spiegelt. Der Wert der Merchandising-Artikel steigt mit der Seltenheit, nicht nur materiell, auch für den Sammler. "Vom BMW Z1 und Z4 gibt es beispielsweise je nur 500 Exemplare." Er dreht den Pin um und zeigt den Beweis dafür: die Gravur. Sein Z1-Exemplar hat er sich gesichert.

Die Anstecknadel von Horch dürfte rund 80 EUR kosten. Höhere Preise zahlen die Sammler nicht. Alterspräsident im Koffer ist eine Anstecknadel vom Verein der Straßenbahnfahrer, die er von seinem Großvater, den er nie gekannt hat, übernommen hat.

Lehre gegen Auto

Fast genauso lange, wie er sich seinem Hobby widmet, ist er auch in der Logistik zu Hause. Nach dem Schulabschluss machte er eine Ausbildung zum Speditionskaufmann bei Pfenning, damals noch in Viernheim. Sein Vater versprach ihm ein Auto, falls er die Lehre dort antreten würde, denn vom Wohnort in Frankfurt nach Viernheim sind es über 80 km. Das Argument zog bei dem Junior. Bereut hat er seine Berufswahl bis heute nicht: "Jeden Tag passiert etwas Neues, es ist enorm abwechslungsreich." Seit 15 Jahren ist er bei dem Logistikunternehmen Atege (vormals Gondrand und Mangili) beschäftigt. Dort verantwortet er als Leiter Deutschland und Leiter Lagerlogistik die nationalen Transporte und die Systemverkehre CTL und ILN.

Nur eine Handvoll Sammler

Die Automobilhersteller sind zurückhaltend geworden in ihrer Freigiebigkeit bei den Merchandising-Artikeln. "Es gibt heute auf den Messen kaum noch Freiexemplare von Pins und Anstecknadeln", bedauert Müller. Doch Messen wie der Genfer Autosalon, die Nutzfahrzeugmesse in Hannover, die Leipziger Autoausstellung oder die Automechanika sind die Plattform der Sammler, um sich zu treffen und um zu tauschen. Mercedes hat dabei ein Alleinstellungsmerkmal: Auf den Messeständen richtet der Hersteller für die Sammler eine kleine Ecke als Treffpunkt ein. Die Zahl der Sammler von Pins und Nadeln mit LKW- und PKW-Symbolen in Deutschland ist übersichtlich. Zwischen 50 und 60 hat Stefan Müller gezählt, fast ausnahmslos Männer. Die Frauenquote ist hier noch nicht ange kommen. (sm)

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