|  31. März 2016

Spielmacher für Logistiker

Wer an der Technischen Universität (TU) Darmstadt bei Prof. Ralf Elbert studiert hat, weiß, wie man sich ein Mittagessen durch geschicktes Verhandeln verdient. In dem klassizistischen alten Hauptgebäude im Hochschulviertel der Darmstädter Innenstadt arbeiten die studentischen Nachwuchslogistiker mit Simulationsmodellen und moderner Software, um letztendlich bei der einfachen Frage anzukommen: „Wie verhandele ich am besten, so dass ich möglichst viel von meinen Kooperationspartnern zurückbekomme?", erklärt Elbert die Herausforderung. Im April 2011 hat der Logistiker die Leitung des Fachgebiets Unternehmensführung und Logistik übernommen. Mit Planspielen und wirtschaftswissenschaftlichen Experimenten will er die rund 100 Studenten am Lehrstuhl Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, die in ihrem Studium eine logistische Ausrichtung gewählt haben, begeistern. Zuvor hatte er seit 2009 die Stiftungsprofessur für Logistikdienstleistungen und Transport an der TU Berlin inne.

Verschenktes Potenzial erkennen

Eines der Forschungsprojekte des Hochschullehrers ist das brennende Problem in der Logistik, dass jeder – ob Verlader, Zulieferer oder Hersteller – seine Transporte selbst optimiert. Diese Selbstoptimierung verschenkt viel Potenzial für alle Beteiligten und ist ineffizient. Eine optimierte Lieferkette überbrückt dagegen Schnittstellen und organisiert die Transporte nicht individuell, sondern im Netzwerk. Die entstandenen Gewinne müssen allerdings an alle Beteiligten im Netzwerk verteilt werden. Das geht nur über Verhandeln. „Wir setzen hier Spielgeld ein und zahlen dem Gewinner über eine Auszahlungsfunktion 10?EUR aus, die er in der Mensa ausgeben kann", sagt Elbert.

Der studierte Wirtschaftsingenieur hat den Lehrstuhl von Prof. Hans-Christian Pfohl übernommen und damit eine große Herausforderung angenommen. Pfohl hat die wissenschaftliche Logistikforschung in Deutschland einst mitbegründet und im Zuge seiner wissenschaftlichen Tätigkeit diverse Auszeichnungen überreicht bekommen, darunter auch den Hessischen Verdienstorden am Bande. Elbert, der selber einst als Assistent von Pfohl gearbeitet hat und damit quasi sein Ziehsohn wurde, weiß natürlich, dass er mit dieser Erblast unter besonderer Beobachtung steht.

Verzahnung mit der Praxis

Den Karriereweg in die Logistik hat Elbert gewählt, weil dieser „sehr bunt, sehr lebendig" ist. „Logistik ist nicht nur Kisten und Kästen schieben, sondern die Steuerung komplexer Systeme." Kollegen aus der Praxis lädt er regelmäßig an die TU ein. Auch Brettspiele und Bauklötze nutzt Elbert für Exkurse ins praktische Denken. Damit werden in den Tutorien optimierte Lagerbestände nachgestellt. Die Studenten sollen den Brückenschlag erkennen zwischen hohen und geringen Beständen. Denn umfangreiche Bestände bedeuten zwar eine hohe Lieferfähigkeit, ziehen jedoch hohe Kapitalkosten nach sich.

In seine eigene Studentenzeit fallen auch Aushilfsjobs im Lager und in der Montage bei einem Airbag-Hersteller. Schon früh begann er damit, in einem umgebauten Unimog auf Reisen zu gehen. In Italien versagten die Bremsen, nur mit der Handbremse steuerte er über 20 km die nächste Werkstatt an. Das ungewöhnliche Gefährt weckte so lebhaftes Interesse, das sich die gesamte Werkstatt über zwei Tage darum kümmerte, es wieder in Gang zu bringen. Elbert, der als Student den Moment der Rechnungsstellung zu fürchten begann, erinnert sich heute immer noch gerne daran: „Sie haben zu uns gesagt: Ihr seid so verrückt, wir können euch keine Rechnung stellen." Das schonte die Reisekasse erheblich und ohne einen weiteren Zwischenfall kam er wieder zuhause an. Den Unimog hat er allerdings zwischenzeitlich verkauft, Familie und Beruf lassen solche Freiräume nicht mehr zu.

Container schneller verladen

In einem aktuellen Forschungsprojekt untersucht Elbert, wie sich die Entladung von Containern besser mit dem anschließenden Transport verzahnen lässt. „Wenn sehr viele Container von Bord gehen, ist die Hinterlandanbindung ein Problem", sagt er. Zwischen fünf und sechs Stunden kann es dauern, bis die Container von Bord sind. „Ich brauche einen Indikator, wann der Container ladebereit ist", führt er aus. In dem Projekt sind die Prozesse aufgenommen und systematisiert worden. Fokus war die Schaffung eines Planungssystems anhand von Informationsflüssen. Die Projektpartner haben dafür ihre Schnittstellen und die benötigten Informationen durchgegeben.

Auf mehreren Rechnern sind Variationen von Simulationsmodellen durchgespielt worden. „Die Partner haben unsere Ergebnisse umgesetzt", sagt Elbert. Ein Terminal in einem Seehafen ist damit ausgerüstet worden; die Umsetzung ist in mehreren Häfen in Planung. Als größten Hebel für die besseren Ergebnisse bezeichnet Elbert die Informationsweitergabe. „Wir haben in unserem Projekt aufgezeigt, wann und wo welche Schnittstellen angepasst werden müssen", sagt er. Als Ergebnis konnten die Zugauslastung gesteigert, die Durchlaufzeiten und die Standzeiten der Container reduziert werden. ?(sm)

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