|  11. April 2016

Via Facebook gegen Sozialdumping

Udo Skoppeck hat eine große Leidenschaft: LKW-Fahren. Seit 36 Jahren sitzt der Mann auf dem Bock. Mit Käppi, Backenbart und Haarzopf („mein Markenzeichen“) kann man ihn sich aber auch gut auf einer Harley als „Lonely Rider“ vorstellen. „Die Marlboro-Werbung von Freiheit und Abenteuer hat bei mir funktioniert“, meint Skoppeck lächelnd, der sich allerdings gerade das Rauchen mit Hilfe einer E-Zigarette abgewöhnen will.

Sein eigentliches Hobby wirkt allerdings eher bodenständig: Das Sammeln von LKW-Modellen. Eine zur Vitrine umgebaute Trennwand im Wohnzimmer steht voll davon. „Ich habe noch mehr als doppelt so viele. Aber im Wohnzimmer darf ich sie nicht mehr aufstellen. Meine Frau hat ihr Veto eingelegt“, schmunzelt der 53-Jährige. Skoppeck wohnt in Solingen, ist verheiratet und hat drei erwachsene Töchter, die jüngste wohnt noch zu Hause.

Doch die Leidenschaft, als Berufskraftfahrer zu arbeiten, hat auch eine kämpferische Seite in ihm geweckt: Kabotage und Sozialdumping haben Skoppeck auf die Barrikaden getrieben. Der Wettbewerb in der Branche sei „mörderisch“ geworden und werde zunehmend auf dem Rücken der Fahrer ausgetragen. Das wollte Skoppeck nicht länger hinnehmen: Zunächst gründete er eine Facebook-Gruppe, um sich mit seinen Kollegen auszutauschen und Missstände anzuprangern. Seit Januar 2014 ist er Vorsitzender der Allianz im deutschen Transportwesen (AIDT), und inzwischen ist er auch der Gewerkschaft Verdi beigetreten. 

Kein Einzelkämpfer mehr 

Einzelkämpfer sei er lange genug gewesen, meint Skoppeck, der in Solingen geboren ist und dort auch eine Lehre als Graveur abschloss, ehe er sich letztendlich für den Beruf des Truckers entschied. Vor 33 Jahren machte er für damals noch 900 DM den Führerschein der Klasse zwei und erfüllte sich damit einen Traum: mit dem LKW Europa kennenzulernen. Zunächst arbeitete er für Speditionsunternehmen, machte sich aber 1997 mit einem Planensattelzug im internationalen Fernverkehr selbstständig. 16 Jahre war er dann für verschiedene Auftraggeber unterwegs. 

Bis zu fünf LKW zählte die Skoppeck & Hagen GbR. Hagen steht für seinen Partner Alex Hagen. „Die Familie ist damals leider etwas zu kurz gekommen“, bedauert Skoppeck. Preisverfall und Konkurrenzdruck, aber auch die schlechte Zahlungsmoral von Kunden ließen sein Unternehmen an Grenzen stoßen. 2012 stieg Skoppeck wieder aus – zum Glück ohne finanzielle Altlasten. „Das war eine Vernunftentscheidung und keine Insolvenz oder Zwangsaufgabe“, betont er. Persönlich sei das eine harte Zeit gewesen. „Ich habe mich sehr schwergetan, die Selbstständigkeit aufzugeben und den eigenen LKW abzugeben“, erzählt er. Seine Frau, mit der er seit 26 Jahren zusammen ist, sei ihm dabei ein große Stütze gewesen. 

Skoppeck ist seitdem bei der Spedition Karthaus in Remscheid als angestellter Fahrer beschäftigt. Das Unternehmen mit 20 LKW hat einen festen Kundenstamm aus den Bereichen Stahl, Handel, Zulieferindustrie, Maschinenbau und Holzindustrie in Deutschland. Gleichzeitig bietet der Logistiker Zusatzdienstleistungen an, wie beispielweise Lagerhaltung. „Ich fahre hauptsächlich Stahl“, berichtet Skoppeck, in der Regel zwei lange Touren pro Woche und eine im Nahverkehr. An Wochenenden und Feiertagen ist er zu Hause. 

Über seine Arbeitsbedingungen kann er nicht klagen. Die Zustände in der Branche treiben ihn dagegen um. Sein Schlüsselerlebnis: die Beschäftigung von philippinischen Fahrern durch eine lettische Spedition, die Ende 2012 für Schlagzeilen und große Unruhe unter den Fahrern sorgte. Das führte zur Gründung der „Actie in de Transport Deutschland“, einer Internetbewegung mit einigen tausend Mitgliedern. Sie hatte ihren Ursprung in den Niederlanden und wurde in elf europäischen Ländern kopiert. Gemeinsam mit anderen Gruppen in Deutschland organisierte Skoppeck die erste Kundgebung der Kraftfahrer gegen das Sozialdumping in Europa. Sie fand im Sommer 2013 in Berlin statt – allerdings ausgerechnet in den Parlamentsferien. Die mediale Resonanz war eher dürftig. 

Skoppeck ließ sich dadurch jedoch nicht entmutigen. Für ihn war das der Beginn einer neuen Fahrerbewegung. Mehrere Demos und Fahrertreffen folgten. Im November 2014 reichte der Verein in Straßburg am Sitz des EU-Parlaments eine entsprechende Petition ein. Eine Beschwerde wurde nach Brüssel geschickt. Ende 2015 konnte er in Berlin seine Position vor der SPD-Fraktion und Anfang dieses Jahres auf einer Konferenz mit Vertretern des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestags erläutern. „Es hat bis Ende 2015 gedauert, bis unser Hupkonzert im Bundestag gehört wurde“, sagt Skoppeck. 

Doch auch der Verein hat sich weiterentwickelt: Aus der „Actie in de Transport“ wurde inzwischen die Allianz im deutschen Transportwesen (Straßentransport). „Wir werden jetzt als Ansprechpartner ernster genommen“, ist Skoppeck überzeugt. „Vorher galten wir nur als irgendeine weitere Facebook-Gruppe.“ Der Verein habe sich trotz erneuter Forderungen einiger Fahrer, wieder hupend mit LKW-Konvois durch die Straßen zu ziehen, für den langen und mühsamen Weg durch die Instanzen entschieden, kommentierte die Fachpresse. 

Verdi wird aufmerksam 

Und nun bewegt sich offenbar auch Verdi auf den Verein zu. Erste Gespräche haben bereits stattgefunden. Ein gemeinsames Netzwerk soll gegründet werden. Verdi vertritt zwar die Berufskraftfahrer, hat es allerdings bislang nicht geschafft, diese in großem Stil zu organisieren. Von den rund 445.000 Fahrern im gewerblichen Güterverkehr (ohne den Werkverkehr von Handel und Gewerbe) sind nur rund 20.000 Mitglieder bei Verdi. Die Folge: Die Tariflandschaft ist regional zersplittert, zumal auch viele Arbeitgeber sich aus der Tarifbindung verabschiedet haben. Verdi schreckte bislang außerdem vor der AIDT zurück, da dem niederländischen Ableger Verbindungen zu den Rechtspopulisten um Geert Wilders nachgesagt wurden. Doch hat sich die „Actie“ in den Niederlanden inzwischen aufgelöst. „Es gibt keine unmittelbaren und namentlichen Verknüpfungen mehr mit den Niederländern“, betont Skoppeck. „Unser Protest richtet sich auch nicht gegen osteuropäische oder asiatische Fahrer an sich, sondern gegen die EU-Politik, die diesen menschenverachtenden Wettbewerb in Kauf nimmt. Die Fahrer aus Osteuropa sind letzten Endes unsere Kollegen“, stellt Skoppeck klar. Jetzt mehr erfahren – DVZ kennenlernen.

Zwar hat der Verein lediglich 78 Mitglieder. Doch zählen Skoppeck und seine Mitstreiter zwischen 1.000 und 60.000 Follower auf Facebook und das jeweils auf 12 verschiedenen Themenseiten. Allein die Hauptseite „LKWFahrer und Trucker“, wo gerade die Verkehrssicherheit mit der Kampagne „Keep Distance“ ein beherrschendes Thema ist, zählt 57.000 Likes. Kein Wunder also, dass Verdi inzwischen angesichts solcher Resonanz aufmerksam wird. Über Social Media-Netze lassen sich die Trucker erreichen und möglicherweise sogar auch organisieren. Skoppeck ist dann auch seit Anfang des Jahres Mitglied bei Verdi und setzt damit ein Zeichen. „Die Berufskraftfahrer, die sich oft als Einzelkämpfer verstehen und ihr eigener Herr sein wollen, müssen lernen, sich zu solidarisieren“, meint er. Das könne man allein mit der Gründung eines Vereins nicht erreichen. (sm)

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