|  23. August 2016

Vom Fahrer- auf den Parlamentssitz

Es war ein typischer Brüsseler Business Lunch: Man hört Politikern, Lobbyisten oder Experten zu, wie sie beim raffinierten Vier-Gänge-Menü irgendein langweiliges Fünf-Stufen-Modell erläutern.

An jenem Tag hatte der Verband der nordischen Logistiker zu einer Debatte über die angekündigte Straßeninitiative der EU-Kommission geladen. Es diskutierten EU-Abgeordnete, Kommissionsbeamte und Interessenvertreter. In seinem Statement machte der Niederländer Wim van de Camp, einer der einflussreichsten Verkehrspolitiker im Europäischen Parlament (EP), auf einen anwesenden Kollegen aufmerksam: Er freue sich sehr, dass mit Peter Lundgren einer der ganz wenigen aus dem Hohen Haus dabei sei, die Ahnung von der Praxis hätten.

In dem Moment gewann der schwedische EU-Abgeordnete den Eindruck, nach zwei Jahren in Brüssel angekommen zu sein.

Hemdsärmlig unter Politprofis

Im EU-Betrieb Fuß zu fassen war nicht leicht für Lundgren. Er kam als Mitglied der Schwedendemokraten, einer migrationsfeindlichen und europaskeptischen Partei mit rechtsradikalem Hintergrund. Heute gilt sie als salonfähig und kommt, nicht zuletzt wegen ihrer – vorsichtig formuliert – asylkritischen Positionen, in Umfragen mittlerweile auf deutlich mehr als ein Fünftel der schwedischen Wählerstimmen.

Im EP schloss sich Lundgren der Fraktion „Europa der Freiheit und der direkten Demokratie“ an. Auffälligstes Mitglied dieser Truppe mit der ein oder anderen fragwürdigen Gestalt ist der britische Brexit-Anführer Nigel Farage. Auch Lundgren bekennt sich zu seiner europaskeptischen Haltung: „Wir brauchen Zusammenarbeit in Europa, aber nicht jene, die von der EU praktiziert wird.“

Nicht nur seine politischen Ansichten machten es dem Schweden schwer, im EP und in dessen Verkehrsausschuss einen Draht zu seinen Kollegen zu bekommen. Lundgren war bis wenige Tage vor seinem Wechsel ins EP LKW-Fahrer. Er vertauschte den Platz in der Fahrzeugkabine direkt mit dem Parlamentssitz.

So ein Hemdsärmeliger, der physiognomisch der „Brummi“-Figur ähnelt, mit dem das deutsche Straßentransportgewerbe lange um Sympathie warb, rang den eleganten, smarten Politprofis im EP zunächst nur ein Lächeln ab: 30 Jahre Fahrpraxis, schön und gut. Aber kann so einer sich auf ein kompliziertes 30-seitiges Dokument konzentrieren?

„Diese Arroganz habe ich klar gespürt“, sagt Lundgren und faltet die Hände über seinem Bauch. Gut, dass er „über Selbstbewusstsein verfügt und niemals Scheu hatte, vor Leuten zu reden“. Dabei, fügt er an, „kann ich sehr klar sein, auch wenn ich mich nicht so ausdrücke wie die anderen, sondern so, dass mich meine LKW-Kollegen verstehen“.

Das sorgt in einer Umgebung für Aufsehen, in der langschweifiges Politgeschwurbel die Regel ist. Als ihn ein polnischer Abgeordneter provokant fragt, was denn eigentlich Sozialdumping sei, von dem Lundgren immer rede, ist der Schwede um eine klare Antwort nicht verlegen: „Das ist, wenn Sie sich im Wald oder neben Ihrem Fahrzeug hinhocken müssen, um sich zu erleichtern, wenn Sie Ihre Wäsche mit kaltem Wasser im Eimer waschen und zum Trocknen an die Scheibenwischer hängen müssen oder wenn Sie hinten im Trailer oder gar in der Kabine Ihr dünnes Gemüsesüppchen kochen müssen.“

Mit der Zeit, beobachtete Lundgren, verloren die Abgeordneten im Verkehrsausschuss ihre Skepsis. Zumal, wie einer hervorhebt, „Lundgren sich einem asylfeindlichen Beschluss seiner Fraktion verweigert hat“. Die Parlamentarier begannen, sein Praxiswissen zu schätzen.

So konnte der Schwede ihnen bei den Debatten über Maße und Gewichte bei LKW den ein oder anderen Unsinn ausreden. Etwa bei den einklappbaren Heckaufbauten, die für bessere Aerodynamik der Lastwagen sorgen sollen. Viele Kollegen wollten zum Klappen der Aufbauten ein elektrisches System vorschreiben, das der Fahrer per Knopfdruck bedient. Lundgren erinnerte daran, dass es Länder mit sehr kalten Wintern gebe, in denen der Knopfdruck allenfalls die Batterie des LKW entleert, weil die Heckklappen schneebedeckt und festgefroren sind. Parallel müssten die Heckklappen also mechanisch leicht zu bedienen sein.

Genauso insistierte er, dass bei den vorgesehenen Frontverlängerungen der LKW berücksichtigt werden müsse, dass LKW-Lenker vor Fahrtantritt Öl-, Wasser- und Bremsflüssigkeitsstand überprüfen. „Erwarten Sie, dass die Kollegen dann die Frontverlängerungen abschrauben?“ Auch das machte die anderen Ausschussmitglieder nachdenklich.

Politische Bildung auf den Fahrten

Seine Erfahrungen machte Lundgren in 30 Jahren hinter dem Steuer. Zehn Jahre war er international unterwegs, vor allem zwischen Schweden und Ostfrankreich. Auf den langen Fahrten war er die seichten Radioprogramme mit ihren immer gleichen Hits und Werbespots bald leid. Er fing an, anspruchsvollere Sendungen zu hören. Dabei begann seine politische Sozialisation. Seine auf den Fahrten gewonnenen Erkenntnisse beeindruckten die Leute in seinem Dorf, die den Schwedendemokraten so in den Gemeinderat wählten.

Auf einem Kongress der rechtslastigen Partei hielt Lundgren seine erste politische Rede. Er sprach über seine Kollegen, die durch die Konkurrenz aus Südosteuropa arbeitslos geworden waren. Danach fragten ihn die Parteioberen, ob er für die Europawahlen 2014 antreten wolle.

Der in Schweden völlig und in der Partei weitgehend unbekannte Lundgren erhielt den zweiten Listenplatz und schaffte es auf Anhieb ins EP.

Als er sich dort erstmals umsah, fühlte er sich „wie auf dem Mars“. Das Hohe Haus ist für ihn bis heute ein „Tollhaus“. Aber eines, in dem er angekommen ist – wie ihm beim Business Lunch der nordischen Logistiker klar wurde.

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