13. März 2017

Das Unternehmertum im Blut

LKW-Fahrer können sich glücklich schätzen, wenn Ramona Sabelus ihre Chefin ist. Die 50-jährige Unternehmerin und Geschäftsführerin von Walter Schmidt Speditions GmbH & Co. KG aus Wildau setzt sich ein für ihre „Jungs“, wie sie ihre angestellten Fahrer nennt. Sie fährt mit an die Rampe und macht klar, dass das Abladen nicht Sache ihrer Angestellten ist. Sie wettert gegen die immer größer werdende Konkurrenz aus osteuropäischen Staaten und Sozialdumping. Und sie hat vor einem Jahr den Verein „Trucker in Not“ gegründet – ein Projekt für die Betreuung von LKW-Fahrern, die einen Unfall hatten, unter Burn-out und starken Einschnitten in ihrem Leben oder anderen seelischen Problemen leiden."Jetzt für die Logistik News anmelden"

„Es gibt für alles soziale Projekte, aber nichts für Kraftfahrer“, begründet Ramona Sabelus ihre Idee. Anlass war ein unverschuldeter schwerer Unfall einer ihrer Fahrer, der dabei ums Leben kam. „Das hat mich sehr bewegt“, sagt sie. Sie hätte fast die Firma zugemacht. Umso mehr kämpft sie für gute Arbeitsbedingungen ihrer Leute. Als sie in diesem Jahr einen runden Geburtstag feierte, bat sie die Gäste um Spenden für ihren Verein. LKW-Fahrer werden ihrer Meinung nach kontrolliert wie sonst keine andere Berufsgruppe. Halten sie die Lenk- und Ruhezeiten ein, fahren sie auch nicht zu schnell? Ist die Ladung richtig gesichert?

„Die Wertigkeit der LKW-Fahrer wird nicht richtig aufgezeigt“, sagt sie und ärgert sich über das fürchterliche Bestellverhalten von Kunden. Nachhaltigkeit sei dann egal. Die Leute demonstrierten für Froschtunnel und bestellten gleichzeitig jeden Tag etwas online. „Da sind wir als Logistiker gefragt.“

Ramona Sabelus ist mit Leib und Seele Unternehmerin. Die Walter Schmidt Spedition ist ein Traditionsunternehmen, das ihr Großvater 1946 gegründet und ihr Vater weitergeführt hat. Schon als Kind ordnete sie Tankbelege und heftete sie ab, fuhr in den Ferien im elterlichen W50 mit. Das war ein in der damaligen DDR gebauter LKW, den der Industrieverband Fahrzeugbau zwischen 1965 und 1990 baute. Treibstoff gab es damals nur gegen Dieselmarken.

Ihre beruflichen Träume gingen eigentlich in eine ganz andere Richtung. Sie wollte Abitur machen und Medizin studieren, um Kinderärztin zu werden. Doch ihr Vater war anderer Meinung und überredete sie zu einer Facharbeiterausbildung – Datenverarbeitung für Großrechner. Nach der Lehre begann sie 1987 Betriebswirtschaft im dualen Studium zu studieren. Das war noch zu DDR-Zeiten. Später machte sie noch den Abschluss zum Güterkraftverkehrsunternehmer.

„Entweder man war wirklich sehr gut oder Zehn-Ender bei der Armee“, erinnert sich Sabelus an die Zeit, als sie mit vielen Berufsunteroffizieren der Nationalen Volksarmee in der Uni saß. Politischer Kommunismus war nicht ihr Ding. Zuletzt sollte sie in der Lehre wegen guter Leistungen gar eine Auszeichnung bekommen – eine Mitgliedschaft in der damaligen Einheitspartei SED. „Dat geht gar nicht“, erzählt sie und verfällt in ihren Berliner Tonfall. Schon gar, weil sie als Kind darunter leiden musste, dass ihre Eltern keine Arbeiter, sondern selbstständige Unternehmer waren.

Kinder von Bootsbauern oder Glasern hätten sich immer beschwert, dass sie und ihre fünf Geschwister Kinder von Ausbeutern seien. Doch schon damals zeigte sie, dass sie nicht auf den Mund gefallen ist, und entgegnete. „Mein Vater beutet sich nur selber aus.“

Dass die achtköpfige Familie einigermaßen über die Runden kam, verdankte sie der Westverwandtschaft, die regelmäßig Mangelware wie Kaffee, Strumpfhosen oder Schokolade schickte. Denn das Einkommen von Selbstständigen war staatlich gedeckelt und durfte nur 900 Mark betragen.

Noch während des Studiums bekam Sabelus ihren Sohn Daniel, der heute in der Walter Schmidt Spedition mitarbeitet. Sie selbst war 1991 als Geschäftsführerin in die Firma eingestiegen und übernahm sie 2006 von ihren Eltern. Ihr zweites Standbein ist die RS Meditrans GmbH & Co. KG, die sie 1999 eigens für einen speziellen Medizinkunden gründete.

Als Präsidentin des Landesverbandes des Berliner und Brandenburger Verkehrsgewerbes vertritt Sabelus die Interessen der Transportunternehmen in der Politik. „Die Branche hat keine starke Lobby“, sagt sie. Denn die Vereinslandschaft innerhalb des Straßengüterverkehrs sei viel zu sehr zersplittert. Schon zwischen den Spediteuren und Frachtführern gebe es Meinungsverschiedenheiten, beispielsweise über den Mindestlohn.

Der Frachtführer sorge sich um seine Einnahmen, der Spediteur wolle möglichst günstige Transporte einkaufen. „Spediteure schreiben Dienstleistungen so aus, dass deutsche Transportunternehmen außen vor sind“, ärgert sich Sabelus. 40 bis 50 Prozent günstiger seien ausländische Anbieter teilweise. Und Kabotage sei nicht kontrollierbar. „Das ist eine Farce.“

Ebenso wehrt sie sich gegen immer mehr Auflagen, mehr Kontrollen und viel zu komplizierte Vorgaben, wenn die deutsche Transportbranche unterstützt werden muss. Als die LKW-Maut eingeführt wurde, habe die Politik versprochen, die Unternehmen mit der De-minimis-Förderung zu entlasten. Doch die Maßnahmen müssten schon geplant und bezahlt sein, um Geld zu bekommen. Das Ausfüllen der Anträge dauere lange, innerhalb von vier Wochen nach Bekanntgabe der Förderung müssten sie eingereicht werden. Das sei viel zu kompliziert.

Zudem sei die letzte Antragsfrist auf den 30. September eines Jahres gesetzt. So könnten Unternehmen mögliche Investitionen in den letzten drei Monaten eines Jahres nicht mehr berücksichtigen. „Das ist eine Frechheit“, urteilt Ramona Sabelus."Jetzt für die Logistik News anmelden"

Auch die Forderung verschiedener Bundesländer, Fahrern zu verbieten, ihre Wochenendruhezeiten im LKW zu verbringen, sieht sie skeptisch. „Der Fahrer bleibt doch lieber in seinem Fahrzeug, weil er es dort bequemer hat mit Fernseher und Laptop“, ist Sabelus überzeugt. Es würde zu Ladungsdiebstählen kommen, und die Behörden würden mit gefälschten Unterkunftsbescheinigungen betrogen. Vernünftige, kostenlose Duschen, sichere und ausreichende Parkplätze sowie gesundes, bezahlbares Essen sind für die Unternehmerin die Lösung. Und da denkt sie wie immer vor allem an ihre Jungs.

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