|  20. Juli 2015

Der Airliner, der ein Trucker ist

Es ist kurz vor der Jahrtausendwende in Bangkok. Alexander Kohnen absolviert in Thailands Hauptstadt während seiner dreijährigen Ausbildung zum Luftverkehrskaufmann ein Praktikum bei Lufthansa Cargo. Der erfahrene Frachtleiter David Keary, inzwischen beim Kranich längst im Ruhestand, erklärt Kohnen nicht nur im Schnelldurchgang, wie die Cargowelt tickt. Er nutzt den Aufenthalt des sich schon damals stark für IT interessierenden 22-Jährigen auch, um sich ein Kapazitätsplanungssystem für seinen örtlichen Bedarf entwickeln zu lassen.

So ganz nebenbei erlebt Kohnen im fernen Bangkok was es heißt, bei Lufthansa Cargo zu arbeiten. Es ist zum einen der kollegiale, direkte Umgang der Frachthanseaten, zum anderen die Möglichkeit, in diesem Geschäftsfeld des Airline-Konzerns rasch Karriere zu machen, die ihn faziniert.

Heute, gut 15 Jahre später im kalten Stockholm, blickt der für Nordeuropa verantwortliche Lufthansa-Cargo-Manager gern auf seine Zeit in Bangkok im Sommer 1999 zurück. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass er sich ein Jahr später nach seinem dualen Studium für einen Job bei der Frachtfluggesellschaft entschieden hat. Auch die Liebe zum Urlaubsland Thailand nahm damals ihren Anfang. Meist einmal pro Jahr reist Kohnen in das asiatische Land.

Duale Ausbildung

Dabei war Fliegen eigentlich nicht das Ding des am 16. Februar 1977 in Köln Geborenen. "Bevor ich meine Ausbildung bei Lufthansa im Herbst 1997 begann, war ich nur einmal geflogen, und das auch nur nach Mallorca", erzählt Kohnen. Zur größten deutschen Fluggesellschaft brachte ihn vor allem sein Interesse für Technik und für komplexe Zusammenhänge, blickt er zurück.

Bei Lufthansa Cargo hat Kohnen schnell Gelegenheit, diese Talente auszuleben. In der Frankfurter Zentrale des Unternehmens übernimmt er Aufgaben im IT-Bereich und steigt 2004 zum Leiter Vertriebsprozesse auf. Im Vordergrund steht dabei, im Umgang mit den Spediteuren als den Vertriebspartnern der Airline neue, moderne Wege zu gehen. Es ist eine Aufgabe, die ihn reizt und die ihn lange Zeit ausfüllt.

Doch nach gut sieben Jahren im Hauptquartier der Frachtairline sucht Kohnen 2008 eine neue Herausforderung. Er will operative Verantwortung übernehmen, Kunden besser kennenlernen und vor allem das in die Praxis umsetzen, was er in der Zentrale mit entworfen hat. Da bekommt er im Frühjahr 2008 als 30-Jähriger das Angebot, nach Amsterdam zu wechseln, um Verantwortung für die Benelux-Länder zu übernehmen. Schnell arbeitet sich Kohnen in die Besonderheiten der drei Aircargo-Märkte ein. Der starke Wettbewerb im Luftfrachtgeschehen am Amsterdamer Flughafen Schiphol beeindruckt ihn.

Genau das Gegenteil, ein Markt mit vergleichsweise wenigen Konkurrenten, kennzeichnet große Teile seiner jetzigen Region. Seit Anfang vergangenen Jahres leitet Kohnen von Stockholm aus die Nordic-Länder und das Baltikum. Die riesige, nur schwach bevölkerte Region am Rande Europas reicht von Grönland im Westen bis zum Baltikum und Finnland im Osten. Die großen Entfernungen bringen bis zu 60 Stunden Laufzeiten für die Aircargo-Trucks bis zum Heimatflughafen Frankfurt mit sich, wo die großen Frachtflugzeuge für den Weitertransport etwa nach Nordamerika oder nach Asien warten. Nur 18 Prozent der Lufthansa-Fracht reist per Flugzeug vom hohen Norden nach Frankfurt, der Rest per LKW. Folglich ist Kohnen im Alltag stark damit beschäftigt, für einen reibungslosen Vor- und Nachlauf der Fracht auf der Straße zu sorgen. Eine feste Fehmarnbeltverbindung würde da helfen, sagt Kohnen in seinem nahezu papierlosen Büro. Ein Aktenschrank enthält wider Erwarten keine Ordner mit diversen Unterlagen, sondern Spielzeug für seinen Hund, der ihn gelegentlich ins Büro begleitet.

Für den 35-jährigen Kohnen ist der Stockholm-Job ein weiterer Schritt auf der Karriereleiter. Anders als in Amsterdam unterstehen ihm nicht drei Länder, sondern eine ganze Region mit rund 50 Mitarbeitern. Der frisch Verheiratete genießt das Leben in Stockholm. Er mag die Art der Schweden, äußerst effizient zu arbeiten und Prioritäten zu setzen, um Zeit für die Familie und für Aktivitäten meist in der Natur zu haben.

Voller Tatendrang

Zugleich ist er voller Tatendrang. Kohnen will den Vertrieb stärken, die Kooperation mit den Handlingagenten ausbauen und die Prozesse effizienter gestalten. Großen Nachholbedarf sieht er bei E-Freight, dem papierlosen Aircargo-Versand. Er plädiert für eine gemeinsame Initiative möglichst vieler Airlines, um dieses Vorhaben voranzubringen.

Doch wie stellt sich Kohnen seinen weiteren beruflichen Werdegang vor, beispielsweise wenn sein Fünf-Jahres-Vertrag für die Stockholm-Position ausläuft? Er will authentisch bleiben, sich nicht verbiegen, ist aber zugleich bereit, Druck auszuhalten, hält der Manager zunächst einmal fest. Für die Zukunft sieht Kohnen mehrere Optionen für sich, etwa eine Rückkehr in die Cargo-Zentrale nach Frankfurt, eine andere Region oder auch ein Wechsel innerhalb des Aviation-Konzerns. Ob es auch eine andere Branche sein könnte? Zumindest ausschließen möchte Kohnen es nicht. "Hauptsache es ist eine komplexe Aufgabe", sagt er. Die dürfte sich finden lassen, auch wenn es nicht gleich der Hauptstadtflughafen in Berlin ist.

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