|  20. Juli 2015

Der Mann mit dem Überblick

Die Schaltzentrale des Friedewalder Zentral-Hubs von Hermes ist ein Zimmer mit Aussicht. Der Blick wandert über die Kuppenrhön und den Seulingswald mit den geschwungenen Hügeln und bleibt am „Monte Kali“ hängen. So wird der weiße Koloss aus Abraumsalzen des Bergbauunternehmens K+S umgangssprachlich bezeichnet. „So einen Ausblick haben die Kollegen in der Hamburger Zentrale nicht“, sagt Sven Klimpel augenzwinkernd.

Klimpel ist seit 2007 Leiter des Zentral-Hubs. Aus der oberen Etage lässt sich auch der Fuhrpark aus bis zu 400 Wechselbrücken auf dem Hof unten gut überblicken ebenso wie die Verkehrssituation auf dem nahen Autobahnabschnitt. Allerdings ist Klimpels Körpergröße mit über 1,95 m auch ein Grund, warum ihm der Überblick generell nicht schwerfallen dürfte. Gute Voraussetzungen also auf ganzer Linie für seinen Job.

Nach mehreren Zwischenstationen bei Hermes in Hanau hat Klimpel den Standort in der Nähe von Bad Hersfeld mit aufgebaut und konzipiert. Die Wahl fiel damals auf Friedewald, weil die Lage verkehrstechnisch optimal sein sollte. Es war nicht die erste strategische Aufgabe, die Sven Klimpel übertragen wurde.

Mitgestalter der „langen Strecke“

2003 wurde er in ein Kompetenzteam berufen, das den Aufbau einer eigenen Servicesparte für die sogenannte „lange Strecke“ bei Hermes vorbereitete und mitgestaltete. Hermes versteht darunter den Transportweg einer Sendung zwischen dem Abgangslager eines Auftraggebers und den regionalen Niederlassungen, von wo aus die Sendung letztlich in die Zustellung ("letzte Meile") gelangt.

„Das war eine hoch spannende und zugleich sehr arbeitsintensive Zeit“, erinnert sich Klimpel. Er war in der Projektphase hauptsächlich beteiligt an der Modellierung der Arbeits- und Geschäftsprozesse, dem Change Management, der Auswahl und Einführung nötiger IT-Systeme sowie dem Aufbau einer eigenen Abfertigungs- und Hofsteuerungsorganisation an den großen Kundenstandorten. Aus diesem Projekt ist später die eigenständige Hermes Transport Logistics GmbH innerhalb der Hermes Unternehmensgruppe hervorgegangen.

Dass Klimpel immer wieder neue, strategische Aufgaben zufielen, dürfte der Grund dafür sein, warum er der Firma so lange treu blieb. „Ich habe nie an ein anderes Unternehmen gedacht“, sagt er. Wie bei vielen Logistikern war die Logistik auch bei ihm zunächst eher eine Zufallsbekanntschaft. Der Nachbar auf dem Campingplatz seiner Eltern war Chef einer Speditionsfirma. Über den Campingzaun hinweg wurde der Einstieg als Speditionskaufmann bei der Spedition Friedrich A. Kruse jun. in Dithmarschen besiegelt. Nach seiner Ausbildung besuchte Klimpel die Staatliche Fachschule für Bau, Wirtschaft und Verkehr in Gotha und ließ sich dort zum Transportlogistiker ausbilden. Direkt im Anschluss ging er zu Hermes.

Der Chef mit der Leuchtturm-Anmutung managt einen hoch spezialisierten und automatisierten Hub. Über 350 Mitarbeiter sind in Friedewald beschäftigt, 300 davon im gewerblichen Bereich. In den Hallen des 18.000 m² großen Hubs transportieren exakt aufei nander abgestimmte Förderbänder und Kippschalensorter in hoher Geschwindigkeit die Pakete zu den 250 internen Endstellen. Alles, was an Sendungen reinkommt, geht unsortiert auf die Bänder. Scanning-Stationen ermöglichen die Zuordnung und Sortierung auf die verschiedenen Zielorte in Deutschland und/oder Europa, in die die Pakete ausgeliefert werden. Am Ende der über 5 km langen Förder- und Sortiertechnik türmen sich die sortierten Pakete vor der Verladung in die Transporteinheiten und LKW.

Menschlichkeit spielt große Rolle

„Wir sind hier eine hocheffektive Logistikfabrik“, erklärt Klimpel. Anders ist das Volumen von 300.000 sortierten Sendungen pro Tag auch nicht zu managen. Über die 146 Tore des Hubs werden täglich über 325 ein- und ausgehende LKW, diverse Sattel-, 7,5-Tonner und Kleintransporter abgefertigt. Die Bestückung der Tore und Stellplätze mit den Wechselbrücken wird dann fast ausschließlich von den bis zu sechs eigenen Hoffahrzeugen vorgenommen. Das spart Zeit.

Schnelligkeit, der ultimative Gradmesser über Erfolg oder Misserfolg in der Logistik, ist nicht das, wonach Klimpel sich in letzter Konsequenz ausrichtet. Für ihn spielt auch die Menschlichkeit im Umgang miteinander eine große Rolle. Auch mit Blick auf die dörflich strukturierte Umgebung kann er sich eine rein produktivitätsorientierte Arbeitsweise nicht vorstellen. Schließlich sprechen sich in Hessen solche Gepflogenheiten schnell herum. Er wehrt sich dagegen, den Mensch nur als Kennzahl zu sehen. Damit fährt er auch gut, wenn es um neue Mitarbeiter geht. Viele bewerben sich aufgrund von Mundpropaganda. „Wir bekommen die Mitarbeiter, die wir brauchen“, sagt Klimpel.

Es heißt, in Hessen brauche es zehn Jahre, bis ein „Eingeplackter“ – die hessische Bezeichnung für einen Zugezogenen – dort richtig heimisch ist. Diese Zeitspanne hat Klimpel geschafft; mit Unterbrechungen ist er seit dem Jahr 2000 in Hessen. Hier fühlt er sich rundum wohl. „Ich mag die Hessen, und die Hessen mögen mich“, stellt er sein Verhältnis zu den hiesigen Bewohnern klar. (sm)

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