|  08. Februar 2016

„Ich will es an die Spitze schaffen“

Ihr Großvater ist nicht zur See gefahren, und ihr Vater war auch kein Kapitän. Trotzdem stand der Berufswunsch von Saskia Boljahn früh fest: eine Karriere in der Schifffahrt. Aufgewachsen im niedersächsischen Neu-Wulmstorf, direkt vor den Toren Hamburgs, wie sie sagt, ist die 21-Jährige zwar keine waschechte Hamburgerin; doch die Nähe zum Hafen war immer da. Und das prägt. Boljahn war oft mit der HVV-Fähre auf der Elbe unterwegs. „Und auf einmal kommt einem ein riesiges Containerschiff entgegen. Das ist schon was Besonderes“, schildert Boljahn ihre ersten Begegnungen mit der Containerschifffahrt.

Dass sie selbst einmal Teil dieser Branche werden sollte, wurde während der letzten Jahre auf dem Gymnasium konkret. „Ich habe mich früh damit auseinandergesetzt, was ich später machen will, und mich bewusst gegen den Trend entschieden zu studieren“, erzählt sie. Das Abitur beendete sie 2012 – mit „sehr gut“. Die nächste Station sollte eine Ausbildung sein, dabei stand die Schifffahrt ganz oben auf ihrer Liste: „Es ist eine internationale Branche, und ich bin sehr weltoffen. Verschiedene Kulturen und Sprachen reizen mich. Ich möchte international denken und über den Tellerrand schauen.“

Internationalität reizt

Und so kam es dann auch. Früh schickte sie ihre Bewerbung ab. Adressat war Hapag-Lloyd in Hamburg. Das lag für Boljahn nahe, wenn man in der Schifffahrt Fuß fassen will. Sie wollte bei einem großen, renommierten Ausbildungsbetrieb lernen. Ein traditionsreiches Unternehmen sollte es zudem sein. Heute, vier Jahre später, weiß die junge Frau genau, wovon sie redet; und auch um die traditionellen Werte, die in der Branche hochgehalten werden. Schmunzelnd erinnert sie sich an ihr erstes Reederessen – inmitten vieler feiner Herren im Smoking. Dass sie diese Bräuche einmal sehr schätzen würde, konnte sie damals noch nicht wissen. Trotzdem begann sie 2012 ihre Ausbildung zur Schifffahrtskauffrau mit dem Schwerpunkt Linienfahrt bei Hapag-Lloyd – und war dabei sehr erfolgreich. Denn im vergangenen Januar bekam sie die Auszeichnung zur besten Schifffahrtskauffrau Deutschlands verliehen. Mit der Gesamtnote Eins hat sie bundesweit die beste von 350 Schifffahrtsprüfungen abgelegt.

„Ich bin sehr stolz auf diese Auszeichnung. Allerdings ist das nur das i-Tüpfelchen. Viel wichtiger war es mir, eine gute Ausbildung zu bekommen“, erklärt Boljahn. Ihr Erfolgsrezept ist leicht beschrieben: „Ich hatte viel Freude während der Ausbildung und bin gern zur Arbeit gegangen. Wenn man das gefunden hat, was einem Spaß macht, fällt es viel leichter, gute Leistungen zu bringen“, ist sie sicher. Natürlich gehören auch eine gute Portion Ehrgeiz und ein wenig Perfektionismus dazu: „Ich wollte immer ein bisschen mehr wissen als die anderen. Das war mein Ansporn.“

Motiviert wurde die 21-Jährige dabei durch einen abwechslungsreichen Arbeitsalltag. Alle sechs Wochen ging es für sie in eine neue Abteilung – vom Vertrieb, dem Verkauf über Spezialverladungen bis zum Kundenservice. Gerade der regelmäßige Kundenkontakt habe den Berufsalltag facettenreich gemacht und die Auszubildende gleichzeitig gefordert.Besonders wichtig war es der Niedersächsin dabei, schnell Verantwortung zu übernehmen. Gelegenheit dafür gab es genug. Manchmal musste sie vor Kunden erklären, warum sich ein Container verspätete. In anderen Situationen ging es darum, strategische Entscheidungen zu treffen. Besondere Höhepunkte waren für Boljahn aber ihre Auslandsaufenthalte. Sie hospitierte sechs Wochen in der spanischen Niederlassung in Barcelona und reiste mit der Berufsschule zu einem Betriebspraktikum nach Hongkong, Shanghai und Taipeh. Dort lernte sie die internationalen Kollegen kennen, vor allem ging es aber auch um den interkulturellen Austausch. Zu ihren persönlichen Highlights gehörte auch eine Reise auf einem 13.200-Teu-Frachter.

Natürlich gab es während der Lehrjahre auch mal die ein oder andere Herausforderung. Dazu zählt Boljahn die Berufsschulzeit, in der schifffahrtsspezifische Seminare auf Englisch unterrichtet wurden. Heute spricht sie in ihrer Abteilung fast ausschließlich Englisch und weiß die harte Schule zu schätzen. Auch die Einzelprojekte, die ihr übertragen wurden, forderten sie. In der Abteilung Container Steering wurde ihr die eigenverantwortliche Evaluierung der Region Iberia übertragen. Ihre Ergebnisse präsentierte sie vor dem gesamten Team – inklusive Management. „Das war schon eine Herausforderung“, resümiert Boljahn.

Verhandlungssicher in den neuen Job

Anscheinend hat sie diese gut gemeistert. Nach erfolgreichem Bestehen ihrer Abschlussprüfungen wurde sie im Januar 2015 in der Abteilung Container Steering fest angestellt. Ihre Lieblingsabteilung. Hier wird der Bestand der Containerflotte überwacht und deren weltweiter Einsatz koordiniert. Das ist nötig, weil es bei Containerströmen immer wieder zu Unpaarigkeiten kommt. Zum Beispiel, weil aus Asien viel mehr Container nach Europa exportiert werden als umgekehrt. Dieses Ungleichgewicht gilt es, ins Lot zu bringen. Boljahn verwaltet und verhandelt hier die Verträge für geleaste Container. Dafür ist vor allem eins gefragt: Verhandlungsgeschick. Auf der anderen Seite sei aber auch Feingefühl nötig, schließlich wolle man langfristig mit den Leasingpartnern zusammenarbeiten.

Langfristig könnte sich Boljahn auch gut vorstellen, im Container Steering zu arbeiten, einen Wechsel in einen anderen Unternehmensbereich schließt sie aber nicht aus. Nun steht für die 21-Jährige aber ohnehin erst einmal Weiterbildung auf dem Programm: Zum Jahresende wird sie ein berufsbegleitendes Studium in Hamburg beginnen – auch mit Logistikbezug. So kann sie von montags bis freitags ihrem Arbeitsalltag nachgehen und freitagabends und samstags die Uni besuchen. „Das wird bestimmt nicht einfach, aber es wird schon zu schaffen sein.“ Viel Freizeit bleibt dann nicht mehr. Diese will sie sich aber trotzdem nehmen – für ihre Hobbys, Freunde und Familie: „Ich glaube, nur mit einer ausgeglichenen Work-Life-Balance kann man auch langfristig erfolgreich sein.“

Wo sie genau in ein paar Jahren stehen wird, weiß die Niedersächsin heute noch nicht. Aber sie möchte bei Hapag-Lloyd bleiben. Vielleicht in Hamburg, vielleicht auch im Ausland. Eines weiß die 21-Jährige aber schon jetzt: Irgendwann möchte sie eine Führungsposition übernehmen. „Junge Frauen findet man heute noch viel zu selten in der Logistik, erst recht in Führungspositionen. Es findet zwar langsam ein Wandel statt. Trotzdem müssen Frauen heute immer noch ein bisschen mehr kämpfen, um es an die Spitze zu schaffen. Und da will ich irgendwann auch hin.“

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