21. Juli 2015

Ihre Heimat ist die Welt

Ich wollte Anwältin werden, das war ganz klar.“ Im Alter von 20 Jahren hatte Alina Wenzel diesen Traum. Jetzt verwirklicht die gebürtige Rumänin stattdessen berufliche Ziele, an die sie damals wohl nicht einmal gedacht hatte: Sie lernt seit mehr als zehn Jahren die Welt kennen. „Mit 21 hatte ich noch nicht einmal einen Reisepass, und jetzt lebe ich im vierten Land“, stellt sie fest.

Rumänien, Deutschland, China und Österreich – das sind die Orte, die sie seit ihrer Ausbildung bei DB Schenker in Regensburg durchlebt und kennengelernt hat. Und genau in diesen Zeitraum fällt auch ihre Teilnahme am Nachwuchspreis Spedition und Logistik (DSLV-Preis), den sie 2008 als Gewinnerin mit nach Hause nahm.

Wenzel ist 1982 in der rumänischen Hauptstadt Bukarest geboren. Sie lebt und arbeitet heute in Wien, wo sie weiterhin für Schenker tätig ist und die Großkunden des Unternehmens betreut. Ihre Kindheit verbrachte sie in einem kleinen Ort mit 14.000 Einwohnern im Nordosten Rumäniens. 2003 zog sie ins bayerische Regensburg, um Deutsch zu lernen und Jura zu studieren. Deutsch hat sie gelernt, das Studium allerdings ersetzte sie nach eineinhalb Jahren durch die Ausbildung im Logistikkonzern. Ihr Rechtsexamen hat sie später dennoch – mittels Fernstudium an der Universität im rumänischen Cluj-Napoca – erworben.

Einmal Asien und zurück

Der DSLV-Preis brachte ihr damals gestiegene Aufmerksamkeit innerhalb der Verkehrs- und Logistikbranche: „Der Preis war ein Wendepunkt, weil mich plötzlich fast die ganze Schenker-Welt kannte“, blickt sie zurück. Und nicht nur das, wie sie stolz erzählt: „Ich habe Frau Merkel kennengelernt. Ich war mit ihr auch in der DVZ – sie wird sich vielleicht nicht mehr daran erinnern, aber ich habe immer noch das Bild zu Hause.“

Nach dem DSLV-Preis ging es dann Schlag auf Schlag: Bei Schenker stieg sie nach ihrem Ausbildungsabschluss in den Seefrachtbereich ein. Anfang 2011 ging sie für den Tochterkonzern der Deutschen Bahn nach Peking, bevor sie Mitte 2013 nach Wien kam. In den zweieinhalb Jahren im Fernen Osten hatte sie viel Erfahrung gewonnen. Doch es zog sie zurück auf den Kontinent, auf dem sie geboren ist. „Ich wollte zurück nach Europa“, blickt sie auf die Zeit Mitte 2013 zurück. „Es war die Rede von Rumänien, Schenker hat dort auch eine Landesorganisation.“

Wenzel entschied sich jedoch für Österreich, um im deutschsprachigen Raum zu leben. „Es wäre sicherlich spannend gewesen. Aber es hat mich noch nicht so gereizt.“ Ob es sie irgendwann einmal auch in ihr Heimatland zurückziehen wird, das kann Wenzel heute noch nicht sagen. „Wo ich lebe, das hat sich manchmal innerhalb von einer Stunde ergeben. Jetzt lebe ich in Wien“, sagt sie. Die Frage, was in fünf bis zehn Jahren sein wird, könne sie jetzt nicht beantworten. Alles sei möglich.

Vielleicht ist es aber auch genau das, was Wenzels Kindheit mit ihrem jetzigen beruflichen und persönlichen Leben verbindet: keine Antwort über die künftige Entwicklung ihres Lebens geben zu können, aber dennoch alle Möglichkeiten zu haben.

Es scheint ein Gefühl von Freiheit zu sein, das sie lebt. Ein Gefühl, das vielen ihrer rumänischen Mitmenschen unter der Herrschaft Nicolae Ceaușescus unerreichbar schien. Wenzel lässt sich von den grenzenlosen Möglichkeiten treiben, die sich ihr mit der Revolution 1989 und dem Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union 2007 eröffneten. Wenzel denkt, arbeitet und lebt multilokal. Sie ist eben eine Europäerin.

Freiheit ohne Heimat

Gedanken macht sie sich aber schon, wie es mit ihr weitergehen könnte. Im Moment habe sie sich jedenfalls mit ihrem neuen beruflichen Aufgabenbereich in Wien sehr gut eingelebt, betont sie. Dennoch fühle sie sich ein wenig heimatlos. Frei und heimatlos – diese Kombination dürfte bei vielen beruflich erfolgreichen Menschen in ihrem Alter bezeichnend sein – unabhängig davon, ob sie eine berufliche Auszeichnung erhalten haben oder nicht.

Auch die Digitalisierung des Alltags lässt räumliche Grenzen fallen, lässt neue Möglichkeiten am Horizont erblicken und löst gleichzeitig eine intensivere Suche nach Identität und Zugehörigkeit aus. Mit Anfang 30 schöpft Wenzel ihre Freiheit voll aus: Sie reist herum, um die Welt zu sehen, an vielen Orten neue Bekanntschaften zu machen und um Freunde und Kollegen zu treffen, mit denen sie auch nach der Abreise problemlos in Kontakt bleiben kann.

Wo Wenzel künftig ihre Heimat findet – ob in Europa als Ganzem, in Rumänien oder vielleicht einfach „nur“ in Wien, das wird die Zukunft zeigen. Aber vielleicht geht es in einer vernetzten Welt auch nicht um die Frage, wo die Heimat ist, sondern eher darum, eine Antwort zu finden, was die Heimat eigentlich genau ist. Ihre engsten Freunde hat Wenzel jedenfalls schon sehr lange – nämlich seit ihrer Schulzeit. Überall trifft sie sich mit ihnen – in Rumänien, in Österreich oder eben auch in China.

An welcher Stelle nun der DSLV-Preis hier seinen Beitrag geleistet hat, dürfte selbst für Wenzel schwer herauszufiltern sein. Sicher ist, dass er Wenzel noch in Deutschland bei einer richtungsweisenden Entscheidung half: Im selben Jahr, in dem sie ihre Berufsausbildung in Regensburg abgeschlossen hatte, beendete sie auch ihr Jurastudium in Rumänien. Sie ist bei Schenker geblieben und arbeitet bis heute nicht als Juristin, sondern hat sich in der Logistikbranche beruflich im Verkauf selbst verwirklicht.

Ihren Traum, Anwältin zu werden, kann sie also weiterträumen. Ob er sich irgendwann einmal erfüllt, hängt ganz allein von ihr ab. Jetzt geht sie jedenfalls erst einmal weiter den eingeschlagenen Weg, der viel mit Schenker, Logistik, Transport und dem DSLV-Preis zu tun hat. (sm)

Kommentare

Kommentar veröffentlichen
Nur an die Redaktion senden

Captcha:*



* - Pflichtfeld