|  06. März 2017

Im zweiten Anlauf in die Logistik

Für Ines Christmann ist es der absolute Wunschberuf: Schon als Teenager wollte die heute 21-Jährige eine Ausbildung zur Kauffrau für Spedition und Logistik beginnen – ohne zu ahnen, dass ihr dieser Wunsch viel Durchhaltevermögen abverlangen würde.

Geweckt wurde ihr Interesse für das Transportwesen im Rahmen eines Schülerpraktikums. Damals schnupperte sie drei Wochen in den Alltag der Spedition Boskovski & Kernebeck ihrer Heimatgemeinde im Kreis Steinfurt. „Ich durfte sogar Touren planen und Aufträge organisieren“, erinnert sich die junge Frau, deren Stiefvater im selben Betrieb als LKW-Fahrer beschäftigt war. Es folgte ein zweites Praktikum bei der Fehrenkötter Transport & Logistik GmbH in Ladbergen. Dort lernte sie zwar nur den Empfang kennen – doch ihre Begeisterung für die Logistikbranche blieb.

Bewusst durchs Abitur gefallen
Nach dem Fachabitur in Wirtschaft und Verwaltung 2015 sollte es mit der Ausbildung losgehen. Doch von den 20 Speditionen aus dem Umkreis kamen nur Absagen. „Mir wurde mehr oder weniger direkt mitgeteilt, dass sich die Branche eher für Männer als für Frauen eigne. Diese Einschätzung gelte insbesondere für die Dispositions, meinem absoluten Steckenpferd “, erzählt Christmann.

Viele Jugendliche hätten sich von solchen Aussagen abschrecken lassen – nicht aber Christmann. Kurz entschlossen boykottierte die Schülerin ihr Abitur und gab in den Prüfungen nur leere Blätter ab. Diese Aktion bescherte ihr ein weiteres Schuljahr und Zeit für einen zweiten Anlauf in der Logistikbranche.

Im Mai 2016 war es dann so weit: Mit einem Notendurchschnitt von 3,0 startete sie in die zweite Bewerbungsrunde, die diesmal deutlich besser verlief: Zwei Speditionen gaben ihr die Chance zu einem Vorstellungsgespräch – darunter Rhein-West Güterverkehr in Emsdetten. Dort erkannte man das Potenzial der damals 20-Jährigen und bat sie zu einem Einstellungstest. „Frau Christmann konnte uns in jeder Hinsicht überzeugen“, erzählt Prokuristin Roswitha Hembrock. Man habe gespürt, wie sehr sich die Bewerberin die Ausbildungsstelle wünscht.

Das Geschlecht spiele bei den Personalentscheidungen „natürlich keine Rolle“. Stattdessen stehen Schulleistung, Allgemeinbildung und Sozialkompetenz im Vordergrund. „Dreisatz, Prozentrechnung, Deutsch und Geografie prüfen wir in einem Einstellungstest“, erklärt Hembrock. All diese Prüfungen bestand Christmann mit Bravour. Doch es gab noch einen zweiten Bewerber, der die Nase wenige Millimeter vorn hatte – und als Azubi eingestellt wurde.

Eigeninitiative zahlt sich aus
Anstatt zu resignieren, erkundigte sich Christmann bei der Agentur für Arbeit nach Fördermöglichkeiten: „So erfuhr ich von der staatlich geförderten Einstiegsqualifizierung, die junge Menschen an eine Ausbildung in einem Betrieb heranführt.“ Die Maßnahme bietet dem Ausbildungsbetrieb die Möglichkeit, die Fähigkeiten des Bewerbers bis zu zwölf Monate im täglichen Arbeitsprozess zu beobachten. Mit diesem Vorschlag wandte sich Christmann erneut an Rhein-West, wo man von der Idee des einjährigen Praktikums begeistert war. „Sie hat sich selbst um die Fördermittel gekümmert und uns dann die fertige Lösung präsentiert“, erklärt Hembrock. Zudem erreichte Rhein-West, dass die neue Mitarbeiterin zweimal wöchentlich die Berufsschule besuchen darf und damit den gleichen Stoff wie ein regulärer Auszubildender vermittelt bekommt.

So läuft die Einstiegsqualifizierung bereits seit August 2016. Zurzeit arbeitet Christmann in der Fracht- und Palettenabteilung sowie an zwei Tagen pro Woche in der Disposition. Zum 1. August 2017 soll das Praktikum nahtlos in die um ein Jahr verkürzte Ausbildung übergehen. Dann hätte sich die ganze Mühe doch noch gelohnt. Für die Zeit danach hat die angehende Spediteurin auch schon konkrete Vorstellungen: „Sollte ich übernommen werden, würde ich am liebsten als Disponentin arbeiten.“ (reg)

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