|  18. Juni 2015

Logistiker im kalten Ägypten

Die Kälte hat Philipp Küffner am meisten überrascht. Als er Mitte Februar 2012 in Frankfurt am Main ins Flugzeug nach Kairo stieg, war die Lage in Ägypten heikel. Freunde und Familie waren gleichermaßen besorgt über die neue Arbeitsstelle bei der ägyptischen Niederlassung der Karl Gross Internationale Spedition GmbH. 2011 hatte es die ersten größeren Ausschreitungen in Kairo gegeben.

Bis heute ist es dort nicht ungefährlich. Doch als der DSLV-Nachwuchspreisträger nach seinem Abschluss als Diplom-Kaufmann 2012 eine Stelle als Business Development Manager angeboten bekam, zögerte er nicht. Wenig später packte er bereits seinen Koffer, allerdings ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass es in Ägypten zu Jahresanfang sehr frostig werden kann. Und so stand er einen Tag nach seiner Ankunft in einem Geschäft für Herrenkleidung und kaufte sich eine Winterjacke. Die ist bis heute im Einsatz. „Hier wird es wirklich kalt“, sagt er.

Wettbewerb hat sich ausgezahlt

2010 wurde Küffner von der Spedition Karl Gross in Bremen Gewinner des Fiata-Wettbewerbs Young International Freight Forwarder of the Year Award (Yiffy). Zunächst war er einfach überwältigt davon. „Ich bin wie auf einer Welle geritten. Es hat eine gewisse Zeit gebraucht, bis ich das realisieren konnte“, blickt er zurück. Viele Freunde und Geschäftskollegen riefen ihn an, gratulierten ihm. Der Ritterhuder Bürgermeister kam auf ihn zu. Die Urkunde des Fiata-Wettbewerbs überreichte ihm der Bremer Wirtschaftssenator. „Jeder, der die Anforderungen erfüllt, sollte das auf jeden Fall wahrnehmen“, sagt er. Der Wettbewerb biete eine gute Möglichkeit, sich mit fachlichen Feinheiten zu befassen, die man sonst im Alltag nicht habe. Das helfe ihm heute noch.

Als Bindeglied zwischen der Zentrale in Bremen und den ägyptischen Kunden koordiniert das logistische Nachwuchstalent heute Transportlogistik in Ägypten. Sein Büro ist in 6th of October City, eine Industriestadt in der Nähe von Kairo. Die Satellitenstadt mit 1,5 Mio. Einwohnern, in der Küffner auch wohnt, ist 35 km von Kairo Downtown entfernt. Importgüter schickt er überwiegend per LKW zu den Empfängern im Inland. Der Nachlauf per Bahn ist nicht üblich. Nach Ägypten kommt die Ware per See- und Luftfracht. Die Schnittstellen Hafen und Flughafen sind aufgrund der Ausschreitungen immer wieder ein Problem. Der Hafen Alexandria ist auch schon mal drei Tage lang geschlossen worden. Zum Teil wurde die Ware eingelagert, zum Teil ging sie zurück.

Die enge Zusammenarbeit mit dem Kunden ist dann entscheidend. Dies gilt auch, wenn Sendungen aus Deutschland wegen eines Bahnstreiks verspätet eintreffen. Es sei gar nicht so einfach, das einem ägyptischen Kunden zu erklären, sagt er. In Ägypten gebe es kaum Streiks.

Diese Flexibilität mit laufend neuen Herausforderungen ist etwas, was er schätzt und ihn in die Logistik geführt hat. „Ich habe mich bewusst für Logistik entschieden, weil ich diese Flexibilität mag“, sagt er. Doch wenn ein Transport 20-mal gut läuft und beim 21. Mal plötzlich andere Dokumente verlangt werden, regt sich auch in ihm der Widerspruchsgeist. Die noch zögerliche Einführung der Onlineverzollung ist gleichfalls ein Anachronismus für den 27-Jährigen.

Einziger Deutscher im Team

Unter den 14 Mitarbeitern von Karl Gross in der 6th of October City ist er der einzige Deutsche. Inzwischen hat er auch Personalverantwortung; bei Einstellungsgesprächen sitzt er mit am Tisch. Von den ägyptischen Geschäftskollegen wird er auch manchmal spät abends angerufen. Das passiert, wenn noch etwas Geschäftliches zu besprechen ist. Wenn ein Ägypter etwas auf dem Herzen habe, versuche er das sofort zu klären. „Hier verschwimmt Privates und Geschäftliches sehr“, sagt Küffner, der sich inzwischen auch einen Heizlüfter zugelegt hat. Denn die Häuser heizen sich tagsüber nicht auf. Und ohne den Lüfter wäre es nachts mit nur 5 bis 6 °C deutlich zu kalt. (sm)

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