|  26. Februar 2019

"Spedifort ist Netflix für Speditionen"

DVZ: Herr Rinnhofer, warum haben Sie die E-Learning Plattform Spedifort gegründet?

Andreas Rinnhofer: Seit meiner Idee ist der Fachkräftemangel weiter steigend. Da sie sozusagen als „das Aushängeschild der Branche“ gelten und omnipräsent sind, werden hier gerne die LKW-Fahrer genannt, von denen in Deutschland rund 45.000 fehlen. Dabei darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass vom Fachkräftemangel der kaufmännische und administrative Bereich ebenso betroffen ist. Kaum jemand will sich zum Speditionskaufmann ausbilden lassen. Fast jeder neue Mitarbeiter in unserem Unternehmen ist ein Quereinsteiger.

Es ist doch eine probate Lösung, Quereinsteiger einzustellen.

Die sollten aber bereits eine gewisse Grundqualifikation mitbringen und müssen zusätzlich mit branchentypischem Wissen weitergebildet werden. Und hier bietet sich E-Learning an, mit dessen Hilfe das Wissen nicht nur vermittelt, sondern auch ständig überprüft und das Interesse des Mitarbeiters getestet werden kann. So erhalten die Unternehmen relativ objektive Entscheidungsgrundlagen, ohne großen personellen Aufwand betreiben zu müssen.

Wer brachte Sie zuerst auf diese Idee?

Meine Frau, als sie mir vor einigen Jahren eine Fitness-App zeigte, die sie heruntergeladen hatte. Dabei kam die Frage auf, warum das nicht auch für unsere Branche funktionieren sollte.

Was waren dann die nächsten Schritte?

Auch wenn juristisch hochgebildete Fach- und Lehrbuchautoren sich in ihren Werken gerne detailverliebt mit Lehrinhalten beschäftigen, denen aber oft der Bezug zur Praxis fehlt und die nicht zielgruppengerecht sind, sollte das nicht der Weg von Spedifort sein. Ein Umstand, den ich keinem der geschätzten Autoren zum Vorwurf machen möchte. Dennoch sind sie von den Endverbrauchern der Lerninhalte inhaltlich und didaktisch weit entfernt. Zunächst kam mir die Entwicklung einer App in den Sinn. Schnell merkte ich aber, dass ich die Informationen doch nicht so knapp darstellen konnte. Das führte mich schließlich zum E-Learning. Das Tagesgeschäft bindet Spediteure und ganz besonders Disponenten oftmals so stark an ihre originären Aufgaben, dass sie kaum Gelegenheit dazu haben, über alternative Prozesse nachzudenken, die ihnen den Aufwand erleichtern könnten. Das ist Missionsarbeit, egal für welche Prozesse.

Was waren Ihre ersten Meilensteine in dieser Missionarsarbeit?

Der erste und sicherlich bedeutendste Meilenstein war das Zusammentreffen mit Georg Dettendorfer, Geschäftsführer der Johann Dettendorfer Spedition. Beim Stichwort „Quereinsteiger“ und dass diese für die Branche fit zu machen seien, traf ich gleich auf spontane Begeisterung. Offenbar sprach ich ihm aus der Seele. Er half mir sofort bei der Weiterentwicklung dieser Idee, in dem er mir Mitarbeiter aus seinem Team zur Seite stellte. Einen riesengroßen Schritt machten wir mit Spedifort, als wir zum ersten Mal in der Öffentlichkeit aufgetreten sind und unsere Produkte einem breiteren Publikum vorstellen konnten. Das war 2017 anlässlich der Messe transport logistic in München. Für Spedifort der Beginn, mit dem ungewöhnlichen Thema E-Learning die Branche zu begeistern. Und bereits nach wenigen Monaten stellte mir ein Unternehmer die verblüffende Frage: „Ich habe in einer Bewerbungsunterlage ein Spedifort-Zertifikat entdeckt. Was ist das eigentlich?“

Das war wohl ein Zeichen dafür, dass Sie als Start-up mit Ihrem Produkt einen Nerv getroffen hatten.

Und wir auf Akzeptanz gestoßen waren. Gute Referenzen sind gerade für Start-ups sehr wichtig.

Nicht wenige Entscheidungsträger setzen aber auch auf Referenzen von unabhängigen Stellen.

Richtig: Deshalb haben wir uns auch als Bildungsträger nach AZAV zertifizieren lassen. Seit Dezember 2018 sind wir auch von der Prüf- und Zertifizierungsstelle des DGUV zertifiziert. Und mit der Einbeziehung von E-Learning beziehungsweise Blended Learning in das Förderprogramm des Bundesamtes für Güterverkehr, besteht seit diesem Jahr erstmals die Möglichkeit, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter auch digital schulen können (siehe Artikel rechts). Der Präsenzteil, den Blended Learning vorsieht, kann auch gut für den Einstieg in einen Kurs oder auch für das Ende einer Lerneinheit genutzt werden. Selbstverständlich sind unsere Ausbilder während der üblichen Bürostunden permanent über Telefon oder live im Chat präsent. Einen Schulungsraum voller Tablets zu packen und deshalb interaktiv oder gar innovativ zu sein, hilft oft nur dem Besitzer des Schulungsraums, und die Vorteile einer modernen Technologie werden ad absurdum geführt.

Wie schätzen Sie das künftige Potenzial von Spedifort ein, wenn es – wie für Start-ups üblich – in die nächste Finanzierungsrunde geht?

Das Hauptpotenzial von Spedifort besteht darin, dass wir eine Art Netflix für Speditionen geschaffen haben, die jedoch über Funktionen verfügt, die sich nicht nur rein auf Video beschränkt, was ehrlicherweise für das Lernen nicht so viel bringt. Meine ursprüngliche Idee von Spedifort war es, E-Learning-Grundschulungen für die Branche anzubieten. Alsbald stellte sich aber heraus, dass es offenbar Lücken und Nachholbedarf im Bereich Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit gibt, so dass unser Portfolio schon recht bald um diesen Themenkomplex erweitert werden musste. Das ist uns in kurzer Zeit gelungen. Unser Potenzial sehen wir, neben den Standardkursen und Unterweisungen, in der Erstellung individueller Lernprogramme. So können wir uns überall da einbringen, wo eine größere Menge von Mitarbeitern zeitnah und schnell geschult werden muss.

Gab es auch ein entscheidendes Überraschungsmoment in der Entstehungszeit Ihrer Plattform?

Den ersten Prototyp von Spedifort hatte ich seinerzeit selbst programmiert. Die Anleitung dazu habe ich von einem indischen Programmierer über YouTube erhalten. Für die Plattform musste schnell ein gut funktionierender Ersatz her. Mein Geschäftspartner sagte in diesem Zusammenhang zu mir: „Eine Spedition baut ihre LKW auch nicht selbst.“ So haben wir die Programmierung recht frühzeitig outgesourct und konnten somit viele wichtige Automatisierungschritte bewältigen.

Wohin steuert die Zukunft von Spedifort?

Für viele Menschen bedeutet der Einsatz von E-Learning einen Paradigmenwechsel. Während man früher einen Mitarbeiter im Schulungsraum zu sehen bekam, ist das nun beim reinen E-Learning nicht mehr der Fall. Die Lösung heißt: Blended Learning. Hierunter versteht man die Kombination zwischen E-Learning und einer Präsenzschulung. Es macht aber keinen Sinn, „Samstagspflichtveranstaltungen“ aneinanderzureihen. Deshalb überlegen wir uns genau, welchen Kurs wir digital anbieten und welchen nicht.

Worin besteht denn noch der Reiz einer „analogen“ Schulung?

Der Vorteil besteht insbesondere darin, dass Schüler und Mentoren sich Auge in Auge gegenüberstehen. Neben dem sozialen, stehen dabei auch praktische Aspekte im Vordergrund.

Die da wären?

Das ist zum Beispiel beim „Sicheren Umgang mit Leitern“ der Fall. Das richtige und sichere aufstellen muss genauso wie das Besteigen einer Leiter real geübt werden. Hier wird ein verantwortlicher Mitarbeiter des Unternehmens, ob Meister, Vorarbeiter oder eine Fachkraft für Arbeitssicherheit, über konkrete Aufgabenstellungen miteinbezogen. Daher werden wir uns in Zukunft verstärkt um das Thema Blended-Learning und seiner Weiterentwicklung kümmern.

Zurück zur digitalen Welt. Sind Wachstumsmärkte für Sie in Sicht?

In diesem Jahr steuern wir auf ein enormes Wachstum hin, unter anderem im benachbarten Ausland. Spedifort „spricht“ insgesamt 38 Sprachen, wie ich immer zu sagen pflege. Beispielsweise haben wir unseren Kurs „Vom Anfänger zum Disponenten“ auf Rumänisch und unsere Sicherheitsunterweisungen in die gängigen Ostsprachen übersetzt.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, geht es auch darum, Interessierte wie Quereinsteiger für die Logistik zu begeistern – und eine konkrete Antwort auf den Fachkräftemangel zu liefern?

Im kaufmännischen Bereich ist es wichtig, in den Schulen für die Branche zu werben, für ein besseres Image zu sorgen, um so die entstandenen Lücken zu schließen. Außerdem gilt es, Fachkräfte aus anderen Berufszweigen für eine kaufmännische Tätigkeit in einer Spedition zu begeistern. Die Devise lautet: „Lebenslanges Lernen ist ein Erfolgsgarant.“ Ein gezieltes Weiterbildungsangebot an Quereinsteiger kann als Schlüssel zur Bewältigung des Fachkräftemangels dienen. Und mit der Zulassung von E-Learning in der BKF-Weiterbildung durch die EU können wir Berufskraftfahrern künftig ein attraktives Lernen via PC oder Smartphone anbieten.

Wo befindet sich eigentlich Ihr am weitesten entfernter Kunde?

Das ist GARS-O’Higgins, eine deutsche Forschungsstation in der Antarktis, circa 14.272 km Luftlinie entfernt.

Und wer ist Ihr größter Kunde?

Nur so viel: Unser größter Kunde hat 16.000 Mitarbeiter.

Bei Start-ups spricht man ja bekanntlich von mehrere Phasen der Entwicklung. In welcher Phase befinden Sie sich?

Stimmt. Wir haben für uns folgende Phasen definiert:

  • 1. Problem-fit: Löst meine Idee, Produkt oder die Firma, das, was ich mir ausgedacht habe?
  • 2. Market-fit: Passt meine Dienstleistung auch zum Geschäft meiner Kunden? Sind wir kundentauglich?
  • 3. Wachstum: Diese Phase kann erst losgehen, wenn die beiden ersten Phasen zu 100 Prozent erfüllt sind.
  • 4.: Ab einem gewissen Punkt sollte man ein Unternehmen sein und kein Start-up mehr.

Glücklicherweise befinden wir uns mit Spedifort gerade in Phase 3 bis 4, die sehr spannend angelaufen ist. Seit Mai 2018 sieht zudem eine EU-Richtlinie vor, dass von 25 Stunden der BKF-Weiterbildung zwölf Stunden von den zugelassenen Ausbildungsstätten mit Hilfe von IKT-Instrumenten, beispielsweise E-Learning, absolviert werden können. Die EU-Mitgliedsstaaten haben damit bis Mai 2021 Zeit.

Fortbildung ist Ihre Lebensaufgabe, oder?

Die Aufgabe des Menschen ist es, Probleme zu lösen. Aber mit jedem Fortschritt schaffen wir uns immer neue Probleme. Sie gehören gelöst – und vermutlich geschult.

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