|  19. März 2018
aktualisiert am 18.04.18 10:21h

Tender Management gegen Leerfahrten

Es wird immer enger auf den deutschen Straßen. Die Lage scheint absurd. Immer mehr Güter müssen auf deutschen Straßen transportiert werden, die Staus werden länger. Doch viele Lastwagen, die unterwegs sind, haben gar nichts geladen.

Zwischen zwei Touren gibt es im Schnitt 80 bis 100 km Leerfahrten, sagte Rolf-Dieter Lafrenz auf der 2. Tender-Management-Konferenz der DVZ in Ludwigshafen. Der Geschäftsführer des Start-ups Cargonexx, einer digitalen Frachtbörse, erwartet, dass sich das Problem dramatisch verschärfen wird: Laut Bundesverkehrswegeplan werde der Güterverkehr bis 2030 um 40 Prozent zunehmen. „Das landet auf der Straße“, prognostizierte Lafrenz. „Es wird zu absolutem Chaos führen. Die Zeitfenster- und Lieferkettenoptimierung wird nicht funktionieren, wenn wir so viel im Stau stehen.“

Künstliche Intelligenz nutzen
Lafrenz will bestehende Kapazitäten besser nutzen. Um das zu schaffen, setzt Cargonexx auf künstliche Intelligenz: „Wir bauen gerade das erste neuronale Netz der Transportindustrie“, sagte Lafrenz. Basis sei ein Algorithmus, der aus Marktpreisen lernt. Der nächste Schritt ist schon geplant: Kapazitäten sollen vorausberechnet werden. „Dann können wir Rundtouren zusammenbauen und LKW besser auslasten.“

Mehr Effizienz mit intelligenter Technik – diesem Leitbild folgt auch Kevin Kuhlmann, Manager Business Development bei Ticontract, einer Online-Plattform für Frachteinkauf. 30 Prozent der LKW seien ohne Ladung unterwegs, sagt er. Pro Kilometer entstünden dabei Kosten von 1 EUR. Software soll hier steuernd eingreifen: „Data Intelligence“ heißt das Schlagwort, das neue Möglichkeiten schaffen soll: „Ich weiß, wann ein Fahrzeug wo leer unterwegs sein wird, und auch, wie sich die Marktkonditionen entwickeln“, sagte Kuhlmann.

Verlader müssen umdenken
Dazu müssten Verlader und Transporteure stärker kooperieren: „Es geht nicht darum, Speditionen besser ausnutzen zu können, sondern sie besser auszulasten“, sagt Kuhlmann. „Da gibt es noch ganz viele Entwicklungspotenziale.“ Besonders Verlader müssten umdenken und sich öffnen: „Sie sehen oft nur ihre eigene Welt“, so Kuhlmann, der überzeugt ist: „Kollaboration zwischen mehreren Verladern und Speditionen kann zukünftig auf einer Plattform stattfinden.“ Noch in diesem Jahr wolle sein Unternehmen ein „Collaboration Tool“ anbieten.

Jedoch muss die Branche bis zur perfekten Zusammenarbeit in der Online-Welt noch einige Hürden überwinden. Vielerorts steht die Digitalisierung noch am Anfang – und stößt regelmäßig auf Widerstand. „Hauptargument gegen Digitalisierung ist die Aussage: Wir haben die Daten nicht zentral vorliegen“, hört Rüdiger Stauch, Vertriebsleiter des Software-Spezialisten PSI Logistics. „Es sollte aber das erste Ziel sein, die Daten zusammenzutragen.“ Das Problem: „Wenn ich digitalisiere, dann nehme ich Freiheiten. Der Verkäufer kann nicht mehr sagen: Du bekommst jetzt 30 Prozent Rabatt.“

Doch der Druck für den verstärkten IT-Einsatz steigt. Dafür sorgen kürzere Zyklen und erweiterte Umfänge bei Ausschreibungen. Die Komplexität nehme beispielsweise im Handel zu, wo nach Sortimenten oder Hubs differenziert werde, so Stauch. Das zu bearbeiten „sei nicht möglich mit einer IT-Infrastruktur à la Excel“. Zu hoch sei die Fehleranfälligkeit.

Die Lösung sind für Stauch datenbankbasierte Systeme. Alle Mitarbeiter können auf alle Kosten zugreifen – und darauf reagieren, wenn sich die Sendungsstruktur des Verladers verändert. Möglich sei ebenfalls die umfassende Nachbetrachtung und eine Nachkalkulation. Effizienzsteigerung und Preissicherheit sieht Stauch als Vorzüge. In der Excel-Welt fehle die nötige Transparenz. „Excel verselbstständigt sich bei jedem einzelnen Mitarbeiter.“

Auch im Vertrieb bringe das digitale Tender Management neuen Schwung. „20 Prozent plus“ nannte Stauch als Menge an zusätzlichen Tendern, die bearbeitet werden könnten.

Benchmarks zur Effizientsteigerung ohne Preisdrückerei, das ist für Sebastian Gehre von ADM Wild Europe ein Ziel des Tender Managements. Mit Software-Einsatz steigt die Effizienz bei dem Hersteller von Zutaten für die Lebensmittelindustrie: Manuell erstellte See-Tender benötigen doppelt so viel Zeit wie automatisierte Straßentender – obwohl im Straßentransport fünfmal so viele Carrier einbezogen werden.

Cargonexx-Chef Lafrenz geht davon aus, dass Ausschreibungen künftig anders konzipiert werden. Denn die stark schwankenden Preise auf dem Spotmarkt, die inzwischen permanent über den Tender-Preisen lägen, bereiteten enorme Probleme bei kurzfristigen Touren. Lafrenz’ Lösung: den Tender splitten – ein festgeschriebener Tender werde für schwankende Mengen um eine automatisierte Spotvergabe über Plattformen ergänzt. (hec)

Kommentare

Lars Steinhäuser 20. Mrz 2018 | 18:23 Uhr

Ich finde den Grundgedanken ja nicht schlecht, aber wo soll das Fahrpersonal her kommen, wenn bis 2030 fast alle deutschen Kraftfahrer in Rente gehen? Hier sollte man als erstes ansetzten, LKW Fahrer zu sein ist der teuerste Beruf als Arbeitnehmer, keiner bezahlt so viel für gesetzlich vorgeschriebene Kurse, Strafen im Verkehr wie ein Berufskraftfahrer. Und behandelt werden Sie ja auch nur wie Dreck, finden keine Parkplätze, und all den ganzen scheiß was täglich so auf den Straßen Europas abgeht. Die Lösung habe ich auch nicht, aber als erstes sollte eine klar Verbesserung für die Fahrer geschaffen werden, dann gibt es vielleicht auch wieder deutschen Nachwuchs, und wird nicht nur mit Osteuropäern aufgestockt. Danke mfG Lars

Werner Nißle 15. Juli 2018 | 10:34 Uhr

Ein Umdenken in der Gesellschaft ist nötig um die Zukunft zu gestallten. Die Logistiker brauchen politischen Rückhalt . Nicht nur Bilder von übermüdeten LKW-Fahrern die auf Stauenden auffahren , nicht nur stinkende LKW's auf unseren Straßen, nicht nur durch Lieferdienste verstopfte Innenstädte müssen gezeigt werden in den Medien. Es wird Zeit auch positive Dinge zu zeigen und ein echtes Bild der Logistiker in der Gesellschaft zu darzustellen.
Oder wer wird uns zukünftig die eben bestellten Amazon Artikel liefern ...
Ohne uns Logistiker , Transporteure, Fahrer werden wir wohl nur noch eine Sorte Lebensmittel im Regal haben....

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